Film

Der Israel-Preis ist heiß

Kandidat für die Goldene Palme: »Footnote« wird in Cannes als Mitfavorit gehandelt. Foto: pr

Sarkastisch in seinem Blick auf das Leben, insbesondere das von Familien, ironisch in der Dramaturgie, die verschiedene Lebenslinien aufeinanderprallen lässt – Hearat Shulayim (Footnote) von Joseph Cedar, der israelische Beitrag im Wettbewerb von Cannes, greift am Sonntag nach der Goldenen Palme. Cedar (für seinen Libanonkriegsfilm Beaufort gewann er 2007 einen Silbernen Bären auf der Berlinale) wirft die Zuschauer in den Tornado eines tragikomischen Familiendramas, in dem bis zum Ende auch die Figuren herumgewirbelt werden. Gekränkte akademische Eitelkeiten, Rivalität der Generation und jahrelang verdrängte Frustrationen mischen sich zu einem explosiven Gefühlscocktail, der im Verlauf der Handlung in ein brisantes moralisches Dilemma mündet.

rivalen Im Mittelpunkt des Films stehen ein Vater und ein Sohn. Eliezer Shkolnik (Shlomo Bar Aba) ist seit Jahrzehnten ein angesehener Professor für Talmudstudien an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er ist ein leicht autistischer Typ, dabei unbedingt streitlustig, fast ein wenig boshaft. Permanent fühlt Eliezer sich von aller Welt bedroht und verfolgt, legt sich mit allen an. Ganz anders sein Sohn Uriel Shkolnik (Lior Ashkenazi). Der ist, wie seine Frau Yehudit (Alisa Rosen) feststellt, »ein netter Typ, der Streit vermeidet«.

Auch Uriel ist Professor. Er lehrt jüdische Studien in Jerusalem, beschäftigt sich allerdings nicht mit jahrtausendealten Sprachen und Papyrusschriften wie sein Vater, sondern mit Themen wie »Hochzeitsbräuche zur Zeit von Mose«, »Identität in der babylonischen Diaspora« oder »Neue Perspektiven auf das jüdische Leben«. Shkolnik senior hat für derartige Studien nur verächtliche Kommentare übrig: »Das ist Ideologie, keine Forschung!«

Zunächst scheint es Cedar vor allem um stilistische Virtuosität zu gehen: In rasanter Kapitel-Abfolge, garniert mit allerlei digitalen Spielereien, fächert er die Story abschnittsweise auf. Man erfährt, dass dreißigjährige Talmudforschungen des Vaters durch dessen Kollegen und Ri- valen Grossman (Yehuda Lewesohn) ruiniert wurden, als der ihm mit einer Veröffentlichung zuvorkam; dass Eliezer vierzig Jahre lang bei jedem Wetter mit der Konsequenz eines Zwangsneurotikers den gleichen Weg in die Uni benutzt; dass sein Lieblingssatz lautet: »Im Leben ist nichts schön«; und dass er den prestigeträchtigen Israel-Preis noch nie bekommen hat, obwohl er 16 Jahre in Folge dafür nominiert wurde. Kein Wunder: Sein Rivale Grossman sitzt in der Preiskommission. Über den Sohn erfährt man von der immer wieder zurückgewiesenen Liebe zum Vater, und dass er die Dinge weitaus leichter nimmt als Eliezer.

lügen Aus dieser Ausgangssituation entspinnt sich dann eine atemberaubende Geschichte: Eines Tages bekommt Eliezer Shkolnik die Nachricht, dass er endlich den ersehnten Preis bekommen hat. Nach Jahrzehnten scheint der akademische Außenseiter und soziale Einzelgänger endlich anerkannt und genießt seinen Triumph. Da erreicht den Sohn ein Anruf vom Erziehungsministerium, er möge bitte sofort zu einem dringenden Treffen erscheinen. Man eröffnet Uriel dort – »wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht« – dass der Preis dem Vater irrtümlich verliehen wurde. Eigentlich habe man ihn, den Sohn, auszeichnen wollen.

Uriel weiß: »Das wird ihn umbringen.« Das Preiskomitee ist daraufhin im Prinzip bereit, die Auszeichnung an Shkolnik senior umzuwidmen, auch wenn das allerlei faule Kompromisse und Lügen erfordert. Nur Grossman stellt sich stur. Schließlich stimmt er zu, Eliezer den Preis doch zu verleihen. Unter zwei Bedingungen: Der Sohn müsse auf alle Zeit auf die Auszeichnung für sich verzichten – und selbst die Laudatio schreiben. Doch dann gibt Vater Shkolnik ein folgenschweres Zeitungsinterview, in dem er die Forschungen des Sohns für nichtig erklärt ...

Joseph Cedar hat seinen Film mit viel Witz und rasantem Tempo inszeniert. Die Sympathien des Publikums werden immer wieder neu verteilt. Hearat Shulayim ist im diesjährigen Wettbewerb von Cannes eine der wenigen Komödien. Zugleich entfaltet der Regisseur eine spannungsreiche Vater-Sohn-Tragödie und ein moralisches Dilemma. Gibt es Dinge, die wichtiger sind als die Wahrheit? Eine Frage, die weit über diesen Film hinausreicht.

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020