Giora Feidman

Der Humanist

Benefizgala Wien, Ronacher, 24. 04. 2016 Giora FEIDMAN || Mindestpreis 20 Euro Foto: picture alliance / Karl Schöndorfer / picturedesk.com

Giora Feidman

Der Humanist

Grenzüberschreitungen im Dienste der Musik: Zum 85. Geburtstag des Klarinettisten

von Axel Brüggemann  25.03.2021 12:15 Uhr Aktualisiert

Ein bisschen war wohl auch die Berliner Volksbühne schuld daran, dass Giora Feidman heute ohne jeden Zwischenton behaupten kann: »Deutschland ist meine Heimat.«

1984 hatte Regie-Legende Peter Zadek eine provokante Idee. Er lud Feidman ein, in seiner Inszenierung von Jehoschua Sobols Stück Ghetto mitzuspielen. Ein Panoptikum menschlicher Abgründe während der deutschen Besatzung im Ghetto von Vilnius.

RÜCKBLICK »Ich trug einen gelben Stern«, erinnert sich Feidman später im Gespräch mit dieser Zeitung. »Manche Schauspieler trugen eine SS-Uniform. Ich konnte nachts nicht schlafen. Meine Frau versuchte, mich zur Abreise zu überreden. Aber ich habe durchgehalten und irgendwann den Mut der Deutschen bewundert, das auf die Bühne zu bringen und sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter verloren viele Familienmitglieder während der Schoa. Ich bin mit vielen grausamen Geschichten über die Deutschen aufgewachsen. Heute kann ich sagen: Berlin ist inzwischen mein zweites Zuhause.«

Giora Feidman hat stets fest daran geglaubt, dass Menschen, solange sie gemeinsam musizieren, keine Feinde sein können.

Giora Feidman wurde heute vor 85 Jahren in Buenos Aires geboren. Seine Eltern waren bessarabische Juden, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor den antisemitischen Pogromen flüchten mussten. Als Kind wurde schnell sein Talent entdeckt, er spielte am Teatro Colon und wanderte mit 22 Jahren in den jungen Staat Israel aus. Hier heuerte der inzwischen erfolgreichste Klezmermusiker als Klarinettist im ebenfalls jungen Philharmonischen Orchester an.

Das 85-jährige Leben von Giora Feidman ist ein Leben andauernder Grenzüberschreitungen im Dienste der Musik. Als Kind und Jugendlicher spielte er – so wie seine Vorfahren – am liebsten und mit großer Leidenschaft bei Hochzeiten und Barmizwa-Feiern. In Israel hat Feidman dann das klassische Repertoire »gefressen«: Schubert, Mozart, Beethoven. Er hat mit Giganten wie Leonard Bernstein oder Rafael Kubelik zusammengearbeitet und ist dann immer öfter als Solist aufgetreten.

FILME Das Repertoire vergrößerte sich: George Gershwin und vor allen Dingen Kompositionen von Gegenwartsmusikern aus Israel wie Ora Bat Chaim oder Betty Olivero. Und schließlich waren da noch die legendären Aufnahmen zu den Filmen Jenseits der Stille und Schindlers Liste, wo Feidman an der Seite von Itzhak Perlman musizierte.

Giora Feidman hat stets fest daran geglaubt, dass Menschen, solange sie gemeinsam musizieren, keine Feinde sein können. Und daran, dass im Soundtrack der Gegenwart das Vergangene immer mitschwingt – aber eben auch die Möglichkeit, einander näherzukommen, einander zu versöhnen und gemeinsam zurückzublicken.

Giora Feidman ist ein Weltenbummler geworden, der seit Jahrzehnten von Konstanz bis Kiel Konzerte gibt.

Irgendwannn habe er verstanden, sagte Giora Feidman einmal, welche Rolle Gott ihm gegeben hat. Dass er durch Peter Zadek Teil der deutschen Kultur geworden sei. Nicht weil, sondern obwohl er Jude ist. »Ich bin Musiker«, betont Feidman gern, »und diene der Gesellschaft. Ich lebe in Israel, aber ich bin auch in Deutschland zu Hause.«

Giora Feidman ist ein Weltenbummler geworden, der seit Jahrzehnten von Konstanz bis Kiel Konzerte gibt. Die Deutschen lieben und verehren seine Musik und seine Kunst, aber neben dem Klarinettisten Giora Feidman auch den Humanisten, den Aussöhner und Friedensboten. Giora Feidman ist ein bisschen wie die Musik selbst: Wer mit ihm zu tun hat, kann nichts Böses denken.

Naturschutz

Ein Zuhause für Meeresschildkröten

Aus einer Notfallklinik in Containern wird ein nationales Zentrum mit weltweit einzigartiger Zuchtstation

von Sabine Brandes  09.02.2026

Literatur

Als nichts mehr normal schien

Ein Auszug aus dem neuen Roman »Balagan« von Mirna Funk, der im Jahr 2024 in Berlin und Tel Aviv spielt

von Mirna Funk  09.02.2026

Restitution

Uni Frankfurt übergibt erstmals NS-Raubgut an Jüdische Gemeinde

Seit gut fünf Jahren durchforstet die Universitätsbibliothek in Frankfurt ihre Bestände systematisch nach Raubgut aus der NS-Zeit. Das Projekt trägt nun Früchte - und ist noch lange nicht abgeschlossen

 09.02.2026

Geburtstag

Seiner Zeit voraus: Vor 100 Jahren wurde John Schlesinger geboren

Regisseur John Schlesinger lebte seine Homosexualität offen und rührte mit seinen Filmen früh an gesellschaftliche Tabus, etwa mit dem Oscar-prämierten »Asphalt Cowboy«. An die atmosphärische Dichte seiner Werke knüpfen Filmemacher noch heute an

von Barbara Schweizerhof  09.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim: »Der Dschungel hat mich wieder zurückgeholt, zurück ins Leben«

»Wenn Gil gewinnt, verliere ich den Glauben an Reality-Shows«, sagte Simone Ballack. Dieser Fall ist nun eingetreten

von Jonas-Erik Schmidt  08.02.2026

Fernsehen

Gil Ofarim gewinnt das RTL-Dschungelcamp. Und nun?

Unser Kolumnist ist nach 17 Folgen ausgebrannt - und zieht ein letztes Mal Bilanz

von Martin Krauß  08.02.2026

Meinung

Warum ich mich für meine Teilnahme am Dschungelcamp nie schämen würde

Die »Lindenstraßen«-Darstellerin Rebecca Siemoneit-Barum war 2015 bei der berühmt-berüchtigten RTL-Sendung in Australien dabei. Hier erzählt sie, was die Zeit im Dschungel bis heute für sie bedeutet

von Rebecca Siemoneit-Barum  09.02.2026 Aktualisiert

Medien

Holger Friedrich, die Juden und ihre offenen Rechnungen nach dem Fall der Mauer

Der Verleger der »Berliner Zeitung« gibt im Gespräch mit Jakob Augstein einmal mehr Einblicke in sein krudes Geschichtsverständnis

von Ralf Balke  08.02.2026

Kunst

Ausstellung zu Kriegsfotograf Robert Capa in Monschau

100 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des berühmten Fotografen jüdischer Herkunft werden gezeigt

 08.02.2026