Kolumne

Der »gute jüdische Junge«: Zeit, über ihn hinwegzukommen!

Adam Brody als Rabbi Noah in »Nobody Wants This« Foto: © 2024 Netflix, Inc.

Bei Serien und Büchern, die jüdische Figuren zu ihren Protagonistinnen machen, lässt sich immer häufiger beobachten, wie sich der Fokus ihrer Geschichten in den vergangenen Jahren verändert hat. Die Erzählungen sind schlau, lustig, abgründig, nuanciert, überraschend. Selbstverständlich sind viele existenzielle Themen auch weiterhin an die altbewährten Figuren angelehnt.

Aber im Spektrum zwischen dem »Good Jewish Girl«, der »Jewish American Princess« und der »jiddischen Mamme« passiert etwas! Ob in der neuen Netflix-Show Too much von Lena Dunham, dem Kurzfilm Shiva Baby oder der Musical Dramedy Serie Crazy Ex-Girlfriend: In vielen US-amerikanischen Produktionen arbeiten sich die weiblichen Hauptfiguren an genau diesen Zuschreibungen ab. Sie kämpfen und versöhnen sich mit ihnen, sie versuchen, zu einer Wahrheit zu gelangen, die für sie vielleicht nicht vorgesehen war.

Ähnlich verhält es sich in der deutschsprachigen Literatur mit jüdischen Protagonistinnen, die auf dem Weg des Coming of Age oder in Aushandlung mit ihrer Familiengeschichte versuchen zu begreifen, wer sie sind. Besonders spannend ist dabei im deutschen Kontext die projektive Zuschreibung, die sowohl von innen als auch von außen an die Charaktere herangetragen wird: eine jüdische Frau innerhalb der jüdischen Familie oder Community, aber eben auch eine Jüdin vor der Kulisse der deutschen Gesellschaft, die für Juden ganz gleich welchen Genders nur bestimmte Rollen vorsieht.

Die jüdischen Frauenfiguren bearbeiten ihre Ambivalenzen.

Die jüdischen Frauenfiguren bearbeiten also ihre Ambivalenzen, was sie nicht immer zu Sympathieträgerinnen macht, aber ihren Mut zeigt, sich selbst zu erneuern, infrage zu stellen, sich in Gänze sichtbar zu machen, sich von Scham zu lösen und letztlich auch: sich zu lieben.

Die Erzählung des »guten jüdischen Jungen« hingegen scheint es sich bislang auch in neuen Produktionen noch einfach zu machen. Ob bei den Zweiflers, in Nobody wants this, Bad Shabbos oder seinerzeit im Kultfilm Glauben ist alles, die Geschichte geht ungefähr so: Dem liebsten aller Söhne geht alles leicht von der Hand. Außer beim Lebensthema, sich aus dem Klammergriff der jiddischen Mamme zu lösen, um nicht zu enden wie der völlig machtlose, aber natürlich auch liebe jüdische Vater. Deshalb sucht sich der Junge eine Frau, die der jüdischen Mutter so unähnlich wie möglich ist, im schlimmsten aller Fälle: eine Schickse!

Im Drama um seinen Abnabelungsprozess bleibt der gute jüdische Junge hinreißend, verdammt gut aussehend, erfolgreich (auch wenn er es sich möglicherweise erlaubt hat, nicht Arzt oder Anwalt zu werden), und er geht natürlich trotzdem weiterhin jeden Tag ans Telefon, wenn die Mamme anruft, während die Schwiegertochter in spe den Kampf mit seiner Mutter austrägt. Wenn sie es schafft, darf sie bleiben.

Die Schwiegertochter in spe, im schlimmsten aller Fälle eine Schickse, trägt den Kampf mit der jiddischen Mamme aus. Wenn sie es schafft, darf sie bleiben.

Interessant wird es, wenn die Geschichte nicht nach der Idealvorstellung des jüdischen Jungen aufgeht, wie in Prime, einer Rom-Com von 2005 mit Meryl Streep, Uma Thurman und Bryan Greenberg, in der mehr ausgehandelt wird als die zentrale Frage, ob Mutter und Schwiegertochter sich verstehen, damit der Sohn sich gleichzeitig ablösen und dennoch das Zentrum des familiären Universums bleiben kann.

Während die Figur des »guten jüdischen Mädchens« sich also weiterentwickelt hat, ist der Charakter des »guten jüdischen Jungen« ein Dauerbrenner, auch in neuen jüdischen Geschichten. Er bleibt erfolgreich, weil er eine idealtypische Vorstellung ist. Zeit, dass wir über ihn hinwegkommen. Denn im echten Leben ist er mir noch nie begegnet.

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