Arnon Grünberg

Der Fall Lepeltier

Der Niederländer Arnon Grünberg pendelt zwischen seinen Wohnsitzen in New York City und Amsterdam. Foto: picture alliance / ANP

Es ist eine Beichte. Es sind Bekenntnisse. Ein Mann mit dem schönen Namen François Lepeltier spricht in Arnon Grünbergs Roman Gstaad die ganze Zeit. Er redet, er erzählt detailreich, er erinnert sich. Er legt eine lange Konfession ab.

Seine Mutter Mathilde war erst Zimmermädchen in einem einfachen Hotel in Heidelberg. Der Vater aus der Bretagne, der Mathilde schwängerte, starb drei Wochen vor Françoisʼ Geburt an Darmkrebs. Mathilde ist aber auch Diebin. Daher muss sie Heidelberg verlassen. Nächste Station ist Baden-Baden.

Mutter-Sohn-Gespann

Dort macht das Mutter-Sohn-Gespann kunstvoll kriminell weiter. Dabei stoßen skurrile bis von abseitigen Obsessionen besessene Gäste zu ihnen. Von einer Pension in Baden-Baden geht es Hals über Kopf ins elsässische Straßburg. Ab da bekommt François einen neuen Vornamen, Rodolpho, »ein Name wie eine notwendige Sünde«, wie es altklug an einer Stelle heißt, doch nur bis zu einer starken Zäsur.

Die Hauptfigur wird vom Hochstapler-Zahnarzt zum Mörder.

Auf diese folgt eine mehrjährige Kreuz- und Quer- und Rundreise, in der der stille François groß wird und in die Hotel-Welt hineinwächst. Dann wird er kurz Hochstapler-Zahnarzt, der ausdauernd Bibelsprüche zitiert. Weiter geht es in die Schweiz. Er ist Hotelportier, Skilehrer, schließlich Sommelier im Palace Hotel in Gstaad. Und: Er wird zum Mörder. Ihm wird der Prozess gemacht. Er verweigert dabei jede Aussage. Dafür erzählt er uns die Wahrheit. Es sind nichts als wahre Lügen.

»Um die Zukunft beeinflussen zu können, habe ich die Vergangenheit gefälscht. Jetzt werde ich die Fälschungen rückgängig machen«, verkündet die Hauptfigur gleich zu Beginn des Romans in einem sonoren Tonfall, der um Haaresbreite an wirklich scharfem Zynismus vorbeischrammt. Aber: Darf man ihm glauben? Soll man François und seiner Beichte trauen? Und wie weit? Und wieso gibt dieser Mann so gern Lebensweisheiten von sich, die bei genauem Hinschauen recht klischeehaft bis völlig inhaltsleer sind?

Es ist eine einzige Apologie der Prinzipienlosigkeit und der Leere. Die Welt wird besehen durch naive Kinder-, dann Erwachsenenaugen, die jedoch keineswegs so naiv sind, vielmehr die eines die Welt der Triebe bloßstellenden Schelms sind. Schelmenroman: Das klingt als Genre­bezeichnung so antiquiert wie das Adjektiv »schelmisch«, mit dem heute niemand mehr bezeichnet wird.

Prinzipienlosigkeit und Leere

Dabei ist die literarische Tradition lang. Sie reicht zurück ins Spanien des 16. Jahrhunderts, wurde ein Jahrhundert später von Grimmelshausen aufgenommen, der seinen abenteuerlichen Simplicius Simplicissimus durch die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges wandern und wanken ließ, und viel später vom Prager Jaroslav Hašek, der den Soldaten Švejk den ersten globalen Krieg des 20. Jahrhunderts erleben ließ.

Literaturhistorisch wohl der letzte Schelmen- oder Pikaroroman von Rang in deutscher Sprache war Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull; in der jüngeren Gegenwart ist das Motiv eher spärlich aufgegriffen worden. Manns unvollendetes Buch war bereits eine Parodie auf Goethe und den Entwicklungsroman. Arnon Grünberg ist ein gewitzter Autor, der die Postmoderne gut kennt und deren Ironie noch besser; der das Genre hyperironisch parodiert und Thomas Mann überpersifliert.

»Gstaad« ist ein derbes Buch – mit Vorbildern wie Günter Grass und Philip Roth.

Der 1971 geborene Niederländer mit dem ungebändigten roten Haarschopf und der Intellektuellenbrille, der seit Längerem zwischen Wohnsitzen in New York City und Amsterdam pendelt, ist als Schreiber so produktiv, dass seine deutschsprachigen Verlage, erst Diogenes, inzwischen Kiepenheuer & Witsch, kaum mit dem Übersetzen nachkommen.

2002 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Marek van der Jagt Gstaad 95–98. Es war van der Jagts zweite Prosaarbeit. 2013 wurde sie in den Niederlanden ein weiteres Mal aufgelegt. Aber wieso überhaupt ein Pseudonym? Grünberg gestattete sich damit in Gstaad sittlich-thematisch grob schockierende Freiheiten und kalkulierte Geschmacksüberschreitungen.

Der Dioge­nes Verlag verlegte vor 20 Jahren Amour fou, das schmale Bändchen Gstaad schlugen die Schweizer aus. Denn Gstaad ist von exaltiert schambefreiter Eindeutigkeit, die das Groteske, das anatomisch wie gynäkologisch und erst recht moralisch Groteske mehr als nur streift. Der belesene Grünberg hat diesbezüglich literarische Vorbilder – von Witold Gombrowicz über Günter Grass bis hin zu Philip Roth.

Die Andere Bibliothek

Etwas so überaus Derbes mit gelegentlichen humoristischen Lichtern hat man in der von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno ins Leben gerufenen bibliophilen Anderen Bibliothek in den mittlerweile 38 Jahren ihres Bestehens nicht lesen können. Blaise Cendrarsʼ Monster-Buch Moloch. Das Leben des Moravagine, das 2014 neu übersetzt in dieser Serie erschien, ist da noch das Verwandteste.

Dass das jüngst neu berufene Herausgeber-Duo Julia Franck und Rainer Wieland sich nun ausgerechnet Grünbergs Gstaad als Auftakt seiner eigenen Ägide auserkoren hat, ist denn so ein mehr als nur kleiner ästhetisch-literarischer Bruch zum Vorgänger-Editor, dem um eine halbe Generation älteren Christian Döring.

Arno Grünberg: »Gstaad«. Roman. Übersetzt von Rainer Kersten. Die Andere Bibliothek, Berlin 2023, 336 S., 48 €

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