NS-Forschung

Der Einzelkämpfer

Der Historiker Joseph Wulf wäre am 22. Dezember 100 geworden

von Klaus Kempter  18.12.2012 10:31 Uhr

Unermüdlich dokumentierend: Joseph Wulf in seiner Charlottenburger Wohnung

Der Historiker Joseph Wulf wäre am 22. Dezember 100 geworden

von Klaus Kempter  18.12.2012 10:31 Uhr

Geboren in Chemnitz, aufgewachsen in Krakau, deportiert nach Auschwitz, ausgewandert nach Paris: Der Auschwitz-Überlebende Joseph Wulf, der 1952 nach West-Berlin kam, um sich um ein von seinem Vater geerbtes Haus im Wedding zu kümmern, blieb bis zu seinem Lebensende in dem Land, das seine Eltern, seinen Bruder und dessen Familie sowie den Großteil des jüdischen Volkes Osteuropas ermordet hatte.

Er nahm sich eine Wohnung in der Nähe des Kurfürstendamms, in der er mehr als 20 Jahre lang mit seiner Frau Jenta lebte, und begann, die Deutschen mit ihrer düsteren, gerade eben zu Ende gegangenen Vergangenheit zu konfrontieren: Seit 1955 gab Wulf Bücher heraus, in denen die entscheidenden Dokumente der nationalsozialistischen Mordpolitik versammelt waren.

Der erste Band Das Dritte Reich und die Juden war ein monumentales Werk – das erste in deutscher Sprache, das sich explizit der Schoa widmete. Im Nachfolgeband Das Dritte Reich und seine Diener prangerte Wulf rein dokumentarisch, sich eigener Bewertungen enthaltend, die Eliten der deutschen Gesellschaft an, die sich Hitler bereitwillig zur Verfügung gestellt hatten: die Wehrmachtsgeneralität, die den Vernichtungskrieg geführt und der SS bei der Bekämpfung des »jüdischen Bolschewismus« assistiert hatte; die Justiz, die die Rechtsbegriffe so zurechtgebogen hatte, dass sie jedes Unrecht gegen Angehörige angeblich fremder Rassen ermöglichten; und die Diplomaten des Auswärtigen Amtes, die in den Vertretungen im besetzten Europa eifrig daran arbeiteten, Transportwege für die Judendeportationen frei zu machen.

Wulf konnte immer wieder über die deutsche Geschichtsbetrachtung der Nachkriegszeit spotten, die außer Hitler, Himmler, Heydrich und ihren Weltanschauungstruppen in SS und Gestapo weit und breit keine deutschen Täter sehen wollte.

Autodidakt Der »galizische Jude« Wulf, wie er sich selbst bezeichnete, hatte in seiner polnischen Heimat vor dem Krieg zwar einen Schulabschluss erworben, gab dann aber als Sohn eines vermögenden Kaufmanns den »verwöhnten Schöngeist« ohne Berufsausbildung. Nach seiner Flucht von einem Todesmarsch aus Auschwitz im Januar 1945 nahm er sich vor, sein Leben der Bewahrung der Erinnerung an das Menschheitsverbrechen zu widmen.

Und seit Mitte der 50er-Jahre wurde der Autodidakt allmählich, Buch für Buch, zum Geschichtsschreiber der deutschen Barbarei. In einer Serie von Dokumentenbänden zum Kulturleben im Nationalsozialismus entlarvte Wulf in den frühen 60er-Jahren die Mehrzahl der deutschen Intellektuellen, Gelehrten, Journalisten und Künstler als Opportunisten und Karrieristen ohne moralisches Rückgrat. Wulf war einer der Ersten, der sich mit Themen wie Literatur und Dichtung, Theater und Film, Die bildenden Künste und Musik im Dritten Reich befasste: Stachel im Fleisch der zuständigen akademischen Fachdisziplinen, die sich lange gegen die NS-Aufarbeitung sträubten.

Deutsche Historiker behandelten Wulf immer wieder geringschätzig, nahmen den Amateur nicht ernst. Was konnte ein Jude, der selbst in Auschwitz gewesen war und deswegen von Ressentiments getrieben sein musste, schon zur »objektiven«, »nüchternen« und »sachlichen« historischen Wahrheitsfindung beitragen? Aber Wulf ließ sich nicht entmutigen. Als »Ein-Mann-Institut« mit Sitz in seiner Wohnung in Charlottenburg arbeitete er unermüdlich an der historischen Aufklärung der Deutschen – zu Zeiten, in denen sich kaum ein akademischer Historiker dieser Themen annahm.

Resignation Ohne Resonanz blieb er nicht: Wulf war ein gefragter Autor für fast alle deutschen Rundfunkanstalten, mehrere seiner Bücher kamen in preiswerten Taschenbuchausgaben heraus, kritische Studenten und Dozenten der 60er-Jahre schätzten sie als rare Informationsquellen zur deutschen Barbarei.

Wulfs Plan, in der Wannseevilla, in der am 20. Januar 1942 unter dem Vorsitz Reinhard Heydrichs über die »Endlösung der Judenfrage« verhandelt worden war, ein Holocaust-Forschungszentrum einzurichten, wurde in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert, ehe der Berliner Senat sich Ende der 60er-Jahre dann doch gegen Wulfs Initiative stellte.

Damals begann er zu resignieren. Als die studentische Jugend nichts mehr von der tatsächlichen Vergangenheit hören wollte, sondern sich der abstrakten Faschismus-»Theorie« zuwandte, als die Neue Linke nach dem Sechstagekrieg 1967 plötzlich Israel als Kolonialmacht verdammte und sich für den arabischen Guerillakampf gegen die Juden im Nahen Osten engagierte, verfiel Wulf allmählich der Resignation: »Ich habe hier 18 Bücher über das Dritte Reich veröffentlicht, und das alles hatte keine Wirkung«, schrieb er im Sommer 1974 an seinen Sohn. »Du kannst dich bei den Deutschen totdokumentieren, es kann in Bonn die demokratischste Regierung sein – und die Massenmörder gehen frei herum, haben ihr Häuschen und züchten Blumen.« Am 10. Oktober 1974 nahm sich Joseph Wulf das Leben.

Der Autor ist Historiker an der Universität Heidelberg. Soeben erschien von ihm: »Joseph Wulf. Ein Historikerschicksal in Deutschland«, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, 422 S., 64,99 €

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