Literatur

Der einsame Jude

Foto: Quintus

Literatur

Der einsame Jude

Jörg Aufenangers Biografie des Schriftstellers, Künstlers und Bohemiens John Höxter

von Gerhard Haase-Hindenberg  02.01.2017 18:44 Uhr

Eigentlich handelt es sich bei dem 110 Seiten umfassenden Bändchen um eine Teilbiografie. Sie beginnt 1906 mit dem Umzug John Höxters von Hannover nach Berlin und endet mit dessen Suizid mehr als 30 Jahre später. Der Biograf Jörg Aufenanger schrieb schon über Heinrich Heine, Heinrich von Kleist oder Friedrich Schiller. Nun also ist John Höxter in sein Blickfeld geraten, dessen Name weit weniger bekannt ist.

John Höxter ist 22 Jahre alt, als er in Berlin auftaucht. Er möchte Künstler werden. Sein Vater, der Kaufmann Samuel Höxter, finanziert ihm ein Studium bei dem Maler Leo von König. Bald schon ist der Filius weniger im Atelier als in den Kaffeehäusern zwischen Potsdamer Platz und Kurfürstendamm anzutreffen. »Er kannte Jeden und ein Jeder kannte ihn, doch wer kannte ihn wirklich?« – so beginnt Aufenanger sein Buch, dem ein fleißiges Quellenstudium vorausging.

Lyrik Er war bei Herwarth Walden fündig geworden, jenem jüdischen Multitalent, das Höxter als »Epigonen und Kitschier« verspottet. Womöglich spielt er auf die holzschnittartigen Porträts an, die Höxter von Zeitgenossen anfertigte und von denen einige im Buch abgedruckt sind. Auch seine expressionistische Lyrik, die in der Zeitschrift »Die Aktion« veröffentlicht wird, stellt der Biograf vor. Und in Else Lasker-Schüler erkennt Aufenanger eine Seelenverwandte Höxters.

Immer mal wieder verlieren sich Höxters Spuren. So auch 1914, als er, der Kriegsgegner, eine Weile in München gelebt haben soll. In den viel zitierten »Goldenen Zwanzigern« suchten viele Künstler den kommerziellen Erfolg, und die Boheme versank in der Bedeutungslosigkeit. Für Höxter, Erich Mühsam und andere war es kein goldenes Zeitalter. Leonhard Frank beschreibt deren Dilemma. Die Bohemiens seien besessen gewesen »von der Sehnsucht nach schöpferischer Leistung und hatten nicht die innere Kraft dazu. Sie produzierten wenig«.

Manch einer nannte Höxter den »Ahasver des Romanischen Cafés«, weil er unstet von einem Ende des Lokals zum anderen wanderte. Das aber ist wohl eher ein Beleg dafür, dass Höxter kein ewiger, wohl aber ein einsamer Jude war. Den Grund seiner Wanderschaft beschreibt er so: »Ich pendle langsam zwischen allen Tischen. / Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich. / Ich will mir einen edlen Gönner fischen. / Vor mir sind Rassen und Parteien gleich.«

Wohngemeinschaft Berlins Kaffeehäuser werden von vielen jüdischen Intellektuellen und Künstlern frequentiert. Neben Walden und Lasker-Schüler traf Höxter auf Salomon Friedlaender alias Mynona, Erich Mühsam und Alfred Döblin. Mit dem Lyriker Jakob van Hoddis wohnte er zeitweilig gar in einer Wohngemeinschaft. Insofern vermittelt das Buch auch einen Einblick in die jüdische Boheme, wenngleich das Judentum der Protagonisten nicht über ein zu Jontef zugerauntes »Chag sameach« hinausgegangen sein dürfte. Das änderte sich erst mit den Übergriffen der SA, die bereits vor 1933 begannen. Der Antisemitismus der Nazis ließ viele assimilierte Juden sich wieder auf die eigenen Traditionen besinnen.

»Wie Heinrich Heine gut 80 Jahre zuvor, kehrt auch John Höxter in den späten Jahren der Einsamkeit, der Lebensverzweiflung und äußerer Bedrohung zum Gott seiner Vorfahren zurück.« Im »Israelitischen Familienblatt« veröffentlichte er ein Gedicht, in dem es heißt: »Fremde Städte schaffen uns’re Moden / Ernten sammeln wir auf fremden Boden / Fremde Worte bilden uns’re Sprache / Fremde Nöte wurden uns’re Sache ...« Sein Biograf meint, nun erst sei sich Höxter bewusst geworden, »dass er Sprache, Kultur und Denken der ›Gojim‹ in sich aufgenommen« hat. Mit diesem Gedicht führe er den jüdischen Lesern vor Augen, »dass die Assimilation möglicherweise ein Irrweg war«.

Wer kann, verlässt Deutschland nach 1933. Höxter kann es sich nicht leisten. »Es gibt einige Berichte, nach denen er an den Fenstern und Türen des Romanischen Cafés sehnsüchtig vorbeigeschlichen sei, da ihm der Eintritt ins Café selbst verwehrt gewesen sein soll.« Sechs Tage nach der Pogromnacht 1938 schreibt Höxter einen Abschiedsbrief an seinen einstigen Kunstlehrer Leo von König. An dessen Ende heißt es in tragisch-jüdischer Selbstironie: »Halten Sie der Situation zu Gute, wenn ich etwas wirr und unklar schreibe. Ich bin noch ein ungeübter Selbstmörder.« In einem Waldstück bei Caputh setzt John Höxter seinem Leben ein Ende.

Jörg Aufenanger: »John Höxter: Poet, Maler und Schnorrer der Berliner Bohème«. Quintus, Berlin 2016, 112 S., 16 €

TV-Tipp

»Robert Lembke - Wer bin ich?« -Doku-Drama über die TV-Legende

»Robert Lembke - Wer bin ich« ist ein kluger Film über Verdrängung, Volksbildung und das Schweigen einer TV-Legende über die eigene Vergangenheit

von Jan Lehr  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

Leipzig

Jennifer Rush lernte Deutsch mit dem Sandmännchen

Die Sängerin mit jüdischem Familienhintergrund kam als Kind nach Deutschland. Warum das für sie ein Schock war und wie ihr das Fernsehen beim Ankommen geholfen hat

 01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Reggio Emilia

Konzert von Kanye West in Italien abgesagt

Hintergrund sind Kanye Wests antisemitische Aussagen und die damit verbundene Sorge, große Proteste könnten die Sicherheit gefährden

 01.06.2026

TV-Tipp

Kultfilm »Harry und Sally« - immer wieder was fürs Herz

Die Komödie des vor Kurzem ermordeten Regisseurs Rob Reiner avancierte zum Kultfilm

von Jan Lehr  01.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Literatur

»Sie verdichten, was zu zerfallen droht«

Die Schriftstellerin Yasmina Reza ist mit dem Frank-Schirrmacher-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Wir dokumentieren die Laudatio von Christian Berkel

von Christian Berkel  31.05.2026

Geburtstag

Mit exaktem Blick – Dagmar Nick zum 100. Geburtstag

Die Lyrikerin feierte in München mit einer Lesung ihren Jahrhundert-Geburtstag

von Michael Schleicher  30.05.2026