Nachruf

Der die Debattenkultur formte

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas 1969 im Philosophischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt Foto: Max Scheler/SZ Photo/laif

Wer »kommunikatives Handeln« und »herrschaftsfreien Diskurs« pflegt, muss den Namen Jürgen Habermas nicht extra nennen. Impulse und Werk des am vergangenen Samstag im Alter von 96 Jahren verstorbenen Philosophen gehören zum Inventar besonders, aber bei Weitem nicht nur der Bundesrepublik Deutschland. Das zeigt, welche Wirkung sein Schaffen hat, aber auch, welche Lücke sein Tod hinterlässt. Denn es ist nicht absehbar, wer künftig so wirksam die nötigen Begriffe setzen und Handlungsorientierung bieten wird.

Jürgen Habermas wurde im Juni 1929 geboren – wie auch Anne Frank

Zur Erinnerung: Jürgen Habermas wurde im Juni 1929 geboren, wie auch Anne Frank, die im Frühjahr 1945 in Bergen-Belsen ermordet wurde. Zwei Generationsverwandte mit denkbar verschiedenen Lebenschancen und -wegen. Habermas konnte nach 1945 die Chance ergreifen, das Arrangement seines bergischen Kleinstadt-Elternhauses mit dem Nationalsozialismus hinter sich zu lassen und konsequent, fragend und analytisch scharfsinnig für die Gestaltung einer anderen Gesellschaft zu wirken.

Gradlinig war dieser Weg nicht, aber immer bewegt. Die Promotion im Fach Philosophie erfolgte 1954, betreut hat sie ein vormaliger NS-Aktivist, der sich geschmeidig in Bonn hatte halten können. Unbelastete Alternativen dürften ohnehin rar gewesen sein. Positioniert hat sich Habermas dagegen schon 1953 mit seinem öffentlichen Einspruch gegen die unveränderte Neuauflage von Martin Heideggers Freiburger Vorlesungen über Metaphysik aus dem Jahr 1935.

In der Sache war das eine Vorwegnahme von Habermas’ Einspruch gegen Ernst Nolte und dessen Relativierung des Holocaust, was den »Historikerstreit« auslöste und ihn der breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Das war 1986, und damals konnte Habermas bereits mit dem Gewicht des international anerkannten Philosophen argumentieren. Diese Position hatte er sich allmählich erarbeitet.

Als junger Wissenschaftler von Theodor W. Adorno ans Frankfurter Institut für Sozialforschung eingeladen, dann zu seinem Assistenten gemacht, von Max Horkheimer aber argwöhnisch als Marxist gehandelt, hat er seine Habilitation in Marburg abgeschlossen, von da über eine kürzere Station in Heidelberg 1965 dann die Nachfolge ausgerechnet auf Horkheimers Lehrstuhl in Frankfurt angetreten.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde er im »Historikerstreit« gegen Ernst Nolte bekannt.

Das war keine Nachfolge im Sinne Horkheimers selbst, auch nicht Adornos, denn Habermas ging in Frankfurt über die geschichtserfahrene, aber gesellschaftsskeptische »Dialektik der Aufklärung« hinweg und formulierte, auch in Kontrast zur Frankfurter 68er-Szene und ihren sektiererischen Extremen, eine gesellschaftsaktive Position.

Das war kein Schritt in die Mitte, schon gar keine konservative Wende, sondern die Entscheidung, sich so konsequent wie kritisch den Chancen einer offenen Gesellschaft anzuvertrauen und sie mitzugestalten. Es war der Schritt von der »Kritischen Theorie« zu einer weiter fassenden interaktiven Modernitätstheorie, die er in seiner Zeit als Ko-Direktor des Starnberger Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt (1971–1980) in der Theorie des kommunikativen Handelns zusammenfasste.

Ihr ist er selbst bis an sein Lebensende gefolgt, hat in seiner zweiten Frankfurter Lehrzeit (1983–1994) und im aktiven Ruhestand am Starnberger See immer wieder Einsprüche erhoben, namentlich als Unterstützer der »Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union« (2016), zuletzt etwa zur Frage der Legitimation staatlichen Handelns während der Corona-Pandemie und auch zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Die größte Wirkung aber hat Jürgen Habermas geschichtspolitisch entfaltet

Die größte Wirkung aber hat Jürgen Habermas geschichtspolitisch entfaltet. Er hat maßgeblich jene spezifisch bundesrepublikanische Debattenkultur geformt, die sich in Frankfurt erstmals mit der Kontroverse um Fassbinders antisemitisches Theaterstück Der Müll, der Tod und die Stadt (1985) artikulierte und im Streit um die Überbauung der ehemaligen Judengasse am Börneplatz (1987) dort fortsetzte. Mehr noch: Der Effekt seines Anstoßes zum Historikerstreit dürfte letztlich auch das Projekt der »geistig-moralischen Wende« der frühen Kanzlerjahre Helmut Kohls zu Fall gebracht haben.

Der hatte sich noch 1985 gegen alle guten Ratschläge auf dem Bitburger Soldaten- und SS-Kämpfer-Friedhof mit US-Präsident Ronald Reagan »aussöhnen« wollen. Einige Jahre später war von der geschichtspolitischen Beratung des Kanzlers durch jene Historiker, die Ernst Nolte 1986 zur Seite gesprungen waren, nichts geblieben. Stattdessen unternahm Helmut Kohl eine neue Wende und eröffnete am 9. November 1988 das Jüdische Museum Frankfurt.

An der Eröffnung der neuen Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg 2009 am Vortag zu Erew Sukkot teilzunehmen, war Helmut Kohl, dann schon erkrankt im Rollstuhl sitzend, eine dringende Herzensangelegenheit. Skeptisch mag man einwenden, dass Habermas’ Diskursimpuls schon zum Erliegen gekommen sei, als bei Martin Walsers schäbiger Frankfurter Paulskirchen-Rede im Oktober 1998 Ignatz und Ida Bubis sel. A. als Einzige alleingelassen den Applaus verweigerten und es quälend lange dauerte, bis entschiedener Widerspruch aufkam. Wenn dem so ist und die Dinge seit 1998 fraglos kaum besser geworden sind, dann kann das nur heißen, dass es mehr der entschiedenen Einsprüche bedarf, wie Jürgen Habermas sie vorgeführt hat.

In jüngerer Zeit hat man Jürgen Habermas vermehrt mit dem Thema der Religionen in Verbindung gebracht

In jüngerer Zeit hat man Jürgen Habermas vermehrt mit dem Thema der Religionen in Verbindung gebracht. Das dürfte zu weiten Teilen auch von außen an sein Werk herangetragen worden sein, nicht zuletzt mit der Absicht, seine Philosophie auch religionsphilosophisch fruchtbar zu machen. Habermas, der sich selbst explizit als nicht-religiös verstanden wissen wollte, hat sich aber auch selbst zur Rolle der Religionen in einer offenen Gesellschaft geäußert, zumal in seinem letzten opulenten Hauptwerk Auch eine Geschichte der Philosophie (2019), das auch und besonders der Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen nachgeht.

In jüngerer Zeit hat man ihn vermehrt mit dem Thema der Religionen in Verbindung gebracht.

Ebenso hat er sich engagiert Gesprächen mit Theologen und führenden Vertretern von Religionsgemeinschaften gestellt. Diese Gesprächsoffenheit des Materialisten Habermas mag irritieren, erklärt sich aber schon aus einem Text vom April 1982, seinem bewegten Bericht von der Bestattung Gershom Scholems in Jerusalem. Neben dem Angedenken unternimmt der Text auch eine eigene Standortbestimmung: »Scholem hat vielen von uns für das jüdische Schicksal die Augen geöffnet. (…) Für uns stirbt mit ihm eine Generation von Lehrern, in deren Person ein Stück unkorrumpierter eigener Vergangenheit gegenwärtig war.«

Weiter räsoniert Habermas in diesem Text auch über die wenigen he­bräischen Begriffe, die er in der Rede des Akademiepräsidenten, Ephraim Urbach, versteht. Neben Tikkun ist es Zimzum (die Selbstverschränkung Gottes), und er hält fest: »Nach dem Fall Adams und dem Sturz einer beinahe vollendeten Schöpfung spitzt sich dieses Problem (Zimzum) zu. Gott hat sich nun so weit zurückgezogen, dass die Rückführung der Dinge an ihren ursprünglichen Ort der Anstrengung der Menschen überantwortet wird. Die Menschen selber müssen das Dokument schreiben, für welches der Messias nicht mehr bedeutet als eine fehlende Unterschrift« (Merkur, Nr. 406, 1982).

Hier liegt wohl ein Schüssel zum Verständnis der Habermas’schen Stellung zur Religion: Es gibt keine Einwände gegen diese, keine gegen die Gewissheit göttlicher Präsenz, aber der Imperativ des Handelns, und das meint kompromisslos rationales Handeln, ist allein den Menschen und in ihrer Summe den Gesellschaften aufgegeben.

Das klingt vor dem Hintergrund allenthalben unruhiger, bedrohlicher und unkalkulierbarer Zeitumstände provozierend optimistisch und herausfordernd. Aber es wäre sicher in seinem Sinne und ein angemessenes Vermächtnis, wenn wir uns aufmachen und ›mehr Habermas wagen‹.

Der Verfasser ist Inhaber der Ignatz-Bubis-Stiftungsprofessur für Geschichte, Religion und Kultur an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg.

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