Interview

»Den Namen weitergeben«

Eva Menasse (44) Foto: dpa

Frau Menasse, Ihr neuer Essayband heißt »Lieber aufgeregt als abgeklärt«. Sie kritisieren Politikverdrossenheit, Wahlmüdigkeit und die Unlust vieler Menschen, in politischen Debatten Stellung zu beziehen. Fällt Ihnen das in Deutschland besonders auf?
Ja, aber das ist ein Phänomen in ganz Westeuropa, das mich wirklich aufregt. Weil es uns auf der ganzen Welt am besten geht. Und wir sitzen da und sagen ständig, dass die Europäische Union ein Moloch ist, und dass nichts funktioniert, und wie langweilig politische Parteien sind, und dass Politiker dumm und machtbesessen sind. Das ist Stammtischgeheule, das ich ganz schlecht aushalte. Dann soll man doch mal nach Zentralafrika oder auch nur nach Rumänien oder auf die Insel Lampedusa gehen, um zu sehen, was alles nicht funktioniert in der Welt. Das ist wohl ein Einfluss meiner Familiengeschichte, dass ich immer die Undankbarkeit von Menschen sehe, wenn sie in ihren luxuriösen Positionen herumjammern.

Wie hat Ihre Familiengeschichte diese Haltung befördert?
Mein Vater, Hans Menasse, ist jetzt 85 Jahre alt. Als er acht Jahre alt war, so alt wie mein Sohn heute, wurde er mit einem Kindertransport aus Österreich nach England verschickt und kam zu Pflegeeltern – und niemand hat gewusst, ob er seine Familie je wiedersehen wird. Ganz Europa war verwüstet, der Holocaust kam kurz darauf in vollen Gang. Wenn ich mir dagegen mein Leben anschaue ... Dass sich Leute nicht für Politik interessieren, das gab es immer. Das verstehe ich auch. Aber dass Intellektuelle, wie vor der letzten Bundestagswahl, sich massenhaft dazu äußern, dass man eigentlich nicht mehr wählen kann und dass alles keinen Sinn hat – das empfinde ich wirklich als empörend.

Ich würde gerne auf Ihren Vater zurückkommen. In Ihrem Text »Stein im Schuh«, der gerade in der Anthologie »Wir vergessen nicht, wir gehen tanzen – Israelische und deutsche Autoren schreiben über das andere Land« erschienen ist, beschreiben Sie, wie Sie sich in Tel Aviv einen großen goldenen Magen David – einen Davidstern – kaufen. Ihr Vater hat nur unglücklich den Kopf geschüttelt, als er Sie mit dem Anhänger sah. Warum?
Eine der tiefsten biografischen Erfahrungen meines Vaters ist, dass man versucht, nicht aufzufallen und das Jüdische zu verbergen – weil das einfach in seiner Kindheit lebensgefährlich war. Deswegen hat mein Vater in England kein Deutsch sprechen dürfen, und als er zurückgekommen ist, hat er sich nie beschwert oder beklagt oder auch nur erzählt, dass er ein Flüchtlingskind war. Es hat Jahre gebraucht, bis man in der Familie darüber gesprochen hat. Eine Manifestation des Judentums, wie den Magen David um den Hals zu tragen, das widerspricht meinem Vater. Er hat es nie so gesagt, aber ich glaube, er hat insgeheim Angst, dass ich von irgendeinem Antisemiten attackiert werde. Aber das ist genau der Grund, warum ich ihn trage: Ich versuche in meinem eigenen Leben, ein bisschen selbstbewusster damit umzugehen – weil das mein Vater eben nicht konnte.

Sind Sie schon einmal wegen des Magen-David-Anhängers von einem Antisemiten attackiert worden?
Nein, nie. Wenn, dann habe ich antisemitische Hassmails im Zusammenhang mit meiner publizistischen Tätigkeit bekommen. Zum Beispiel, als ich im Jahr 2000 über den Prozess gegen den Holocaust-Leugner David Irving berichtet habe, oder als ich an einer Fernsehdiskussion über den Tod von Jörg Haider teilnahm. Da haben Österreicher angerufen, ihren vollen Namen genannt und verlangt, man möge mich ins KZ bringen. Aber nicht wegen des Magen David. Ich glaube, dass die Leute den oft gar nicht erkennen. Gefühle von Sicherheit sind immer individuell. Jeder muss selbst entscheiden, wie er auf die Straße geht. Aber ich glaube und hoffe, dass Deutschland ein sichererer Ort ist, als manche Juden denken.

Ihre Urgroßmutter starb im KZ Theresienstadt. Wann haben Sie davon erfahren?
Ich habe die ganze Familiengeschichte eigentlich selbst recherchiert, in meinen frühen Zwanzigern, als ich schon Journalistin war und wusste, wie man solche Dinge angeht. Ich habe auch den Grabstein meiner Urgroßeltern auf dem Wiener Zentralfriedhof gefunden, da ist mein Urgroßvater 1927 beerdigt worden, und dann hat jemand – die große Frage ist, wer? – die Urgroßmutter nach dem Krieg dazuschreiben lassen. Da steht dann: Bertha Herschkowitz, gestorben in Theresienstadt. Meine ganze Familie lebt in Wien, aber niemand wusste, dass der Grabstein dort ist. Ich habe Bertha Herschkowitz auf einer Deportationsliste gefunden, und daraus geht hervor, dass sie Ende August 1942 gestorben ist. In meinem ersten Roman »Vienna« gibt es diesen Satz: »Sie hat nicht mehr lange Mühe gemacht.« Diese alten Leute haben ja kaum die Reise überlebt. Ich habe das alles wie aus einem dunklen See herausgefischt, weil ich es wissen wollte.

Ihr Vater ist Jude, Ihre Mutter Katholikin. Sie begreifen sich nicht als Jüdin, aber auch nicht als Nichtjüdin …
Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit dieser Frage herumgeschlagen, was ich bin. Und ich habe gelernt, dass ich mich für keine der beiden Seiten entscheiden kann, sondern dass ich eben die Mischung bin. Und das gefällt mir auch, weil ich mir von beidem das Bessere nehmen kann – immer das, was ich davon verstehe. Aber das war nicht unkompliziert. Denn gerade, wenn man jung ist, hat man diesen Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Und ich habe von beiden Seiten die STOP-Karte gezeigt bekommen. Ich war keine »ganz normale Österreicherin«, aber ein jüdischer Kommilitone hat mir einmal erklärt, dass ich auch keine Jüdin bin, und dass ich übertreten müsste. Aber da dachte ich: Das will ich mir jetzt auch nicht aufzwingen lassen, ich bin kein religiöser Mensch. Wobei ich viele Jahre darüber nachgedacht habe, ob ich nicht konvertieren sollte. Aber heute fühle ich mich vollständig, auch ohne Übertritt. Die Frage, wer man ist, wird ja auch immer von außen an einen herangetragen. Ich lebe doch nicht mit dem Gefühl, ich bin in der Mitte durchgeschnitten. Sondern es kommt die Frage, und dann muss ich eiernd erklären – so wie Ihnen jetzt.

Empfinden Sie es als ungerecht, dass Ihre Familie eine Verfolgungsgeschichte überstehen musste, Sie aber trotzdem nicht als Jüdin anerkannt werden?
Für mich selbst empfinde ich das nicht so, aber ich habe für meinen ersten Roman viele Fälle recherchiert, bei denen das so war. Viele Leute sind aus Konzentrationslagern gekommen, hatten ihre ganze Familie verloren, und danach wurde ihnen gesagt: Halachisch bist du kein Jude. Diese Fälle hat es nach dem Ende der Schoa gegeben, und das ist natürlich grotesk. Aber ich selbst lasse mir weder von katholischen Priestern noch von konservativen Rabbinern Ratschläge geben. Ich muss mich nicht nach der Autorität strecken, sondern ich kann selbst bestimmen, wer ich bin und was ich sein will.

Mit Mitte 30 waren Sie das erste Mal in Israel. Vorher haben Sie sich nicht getraut. Warum nicht?
Weil ich dachte, dass ich nicht dazugehöre – oder nur ein Teil von mir. Ich wollte mir nicht dabei zuschauen müssen, wie ich versuche, jüdischer zu sein, als ich bin. Und dann kommt noch der Nahostkonflikt als Komplikation hinzu. Man hat ja schon in Deutschland und Österreich mit einer Verfolgungsgeschichte der eigenen Vaterfamilie genug Identitätsprobleme. Ich wollte mich mit Israel erst konfrontieren, wenn ich es besser verstehe und genug Selbstbewusstsein dafür habe. Ich bin auch sehr spät nach Auschwitz gefahren. Und das war richtig so.

Interessant finde ich den Schluss Ihres Textes über Israel: Eine israelische Grenzbeamtin prüft Ihren österreichischen Pass, sieht Ihren Namen und fragt, ob Sie mit einem Israeli verheiratet sind. Sie antworten: »Leider nein.« Warum?
Na ja, manchmal habe ich schon gedacht, wenn mein Mann zufällig Jude gewesen wäre, dann wäre es einfacher gewesen. Dann wäre ich wahrscheinlich konvertiert … (lacht) Aber nun ist mein Mann eben kein Jude, und alles ist so geblieben, wie es ist.

Haben Sie Ihren Familiennamen an Ihren Sohn weitergegeben?
Ja, das war mir wichtig. Denn als er zur Welt kam, war unsere Familie sehr klein. In Österreich heißen nur wir Menasse, es gibt keine anderen Menasses außer uns. Mein Sohn war das erste männliche Kind in unserer Familie, und es war mir wichtig, dass der Name bleibt – wenigstens in dieser Generation. Was er dann damit macht, weiß ich ja nicht. Wenn er eine Frau heiratet, die ihren Namen behalten will, ist es wieder zu Ende. Aber ich wollte zumindest den Namen noch einmal weitergeben.

Gibt es noch andere Dinge im Judentum, die Sie weitergeben wollen?
Religion ist bei mir schwierig. Aber ich habe meine Kinderbibel sehr geliebt, Daniel in der Löwengrube, David und Goliath, Jonas im Bauch des Wals. Ich halte das Alte Testament für die erste und wichtigste Literatur. Wir haben uns dafür entschieden, dass unser Sohn im säkularen Berlin Religionsunterricht bekommen soll, nicht Lebenskunde. Er lernt jetzt bei einer evangelischen Pastorengattin etwas über die Bibel. Und interessanterweise fährt er genauso auf Geschichten aus dem Alten Testament ab wie ich damals. Das ist sozusagen ein Minimalkonsens. Es ist wenig, aber besser als gar nichts.

Sie haben offen darüber gesprochen, dass Sie vor und nach der Geburt Ihres einzigen Sohnes mehrere Fehlgeburten hatten. Sie sind jetzt 44. Haben Sie Ihren Frieden damit gemacht, dass Ihre Familie nicht größer wird?
Ich glaube, man hat den Kinderwunsch nur in den Jahren, in denen man ihn auch biologisch umsetzen kann. Irgendwann muss es einfach aufhören. Und ich habe einen Überlebenstrieb in mir, der nach der letzten, sehr dramatischen Fehlgeburt gesagt hat: Jetzt ist Schluss. Ich hatte mein Reservoir an Kraft dann auch ausgeschöpft. Aber es gibt Frauen, bei denen das nie aufhört – die Mitte 5o sind und immer noch davon träumen.

Sie haben Ihren Wunsch nach eigenen Kindern mithilfe der Reproduktionsmedizin hartnäckig verfolgt. Glauben Sie, dass das auch mit dem jüdischen Teil Ihrer Familiengeschichte zusammenhängt – dieser große Wunsch nach einer Fortsetzung?
Für mich persönlich kann ich das nicht beantworten. Meine israelischen Freunde sagen: »Mindestens drei Kinder.« Aus ihrer Sicht ist das noch verständlicher, weil viele Familien in Israel Kinder im Krieg verlieren. Die historischen Fotos, die mich am meisten beeindruckt haben, wurden übrigens in einem DP-Camp in Bayern aufgenommen, 1945 oder 1946. Da stehen eine Reihe jüdischer Frauen nebeneinander, und sie haben alle ganz stolz einen Kinderwagen vor sich. Das ist ein berühmtes Foto, und es hat mich immer ganz besonders angerührt. Weil man da dieses »biologische Dagegenhalten« sieht. Ich selbst wusste schon als junge Frau, dass ich Kinder haben will. Aber ob das eine mit dem anderen zusammenhängt, weiß ich nicht.

Mit der Schriftstellerin sprach Ayala Goldmann.

Eva Menasse wurde 1970 in Wien geboren. Als Journalistin arbeitete sie für »profil« und für die FAZ. Ihr erster Roman war »Vienna« (20o5), es folgten »Lässliche Todsünden« (2009), »Quasikristalle« (2013) und der Essayband »Lieber aufgeregt als abgeklärt« (2015). Eva Menasse ist die Halbschwester von Robert Menasse und die Tochter von Hans Menasse. Sie lebt mit ihrem Mann Michael Kumpfmüller und dem gemeinsamen Sohn in Berlin. Derzeit ist sie Stipendiatin der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo.

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