Zeitzeugen

»Den Menschen eine Stimme geben«

Mit Bildern gegen das Vergessen: der Historiker Robert Sommer, der Fotograf Richard Wiesel und die Fotografin Lena Scherer (v.l.) Foto: Stephan Pramme

Herr Wiesel, bis zum 25. August ist Ihre Foto‐Ausstellung »Objects from the concentration camps« in der Gedenkstätte Ravensbrück zu sehen. Dafür haben Sie Objekte aus den Beständen der ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück fotografiert. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Richard Wiesel: Wir haben Artefakte aus beiden Gedenkstätten bekommen und wollten einen Querschnitt aus Leben und Tod zeigen – aus jüdischer und nichtjüdischer Perspektive. Für uns, den Historiker Robert Sommer, die Fotografin Lena Scherer und mich, stand im Mittelpunkt, jedes Artefakt bis hin zu seinem Ursprung zurückzuverfolgen. Einfach, um den Menschen wieder eine Stimme zu geben.

Herr Sommer, nach welchen Kriterien haben Sie die Objekte ausgewählt?
Robert Sommer: Das Objekt musste eine Geschichte erzählen und das System des Konzentrationslagers zeigen. Außerhalb Europas ist die Geschichte von ehemaligen Konzentrationslagern wie Ravensbrück vielleicht nicht allzu sehr bekannt. Einen Teil der Biografien aller Opfer zu zeigen, war vor allem auch für Richard wichtig.

Weshalb?
Wiesel: Weil die persönliche Geschichte hinter den Gegenständen die Menschen mehr erreicht und auch mehr anspricht. Es gibt so viele Dinge, über die man einfach hinwegsieht, weil sie vielleicht schon so oft abgebildet wurden. Es löst nichts aus im Kopf. Aber sobald man einen Namen hat und eine Geschichte dahinter, fängt man an nachzudenken und entdeckt vielleicht: Ich habe auch so einen Siddur zu Hause, wie wir ihn fotografiert haben, oder mein Kind hatte so einen Teddy. Und dieser eine Teddy, den wir fotografiert haben, steht für die Millionen Kinder, die in den Konzentrationslagern in Europa ermordet wurden. Die Fotografien erzählen die Geschichte. Dieser ganze Prozess hat mich persönlich sehr gefordert: Ein einfacher jüdischer Junge, der sich ein Jahr Auszeit genommen hat, um dieses Projekt zu vollenden.

Ist es Ihnen nahe gegangen, diese Bilder zu machen?
Wiesel: Den Teddy aus Ravensbrück zu fotografieren, fand ich unglaublich hart. Oder das Kleid. Allein die Vorstellung, wie brutal gegen Frauen vorgegangen wurde. Das hat mich intensiv beschäftigt. Die Zyklon‐B‐Dose zu halten war surreal. Aber am meisten hat mich die Bein‐Prothese eines Kindes berührt – das konnte ich lange Zeit nicht vergessen.

Das Bild mit dem Teddy dient als Aushängeschild für die Ausstellung. Woher kommt er?
Wiesel: Er gehörte einem kleinen Jungen aus Rumänien. Während er in das Konzentrationslager deportiert wurde, verlor er den Teddy und versuchte, ihn aufzusammeln. Ein SS‐Offizier erschoss das Kind, weil es die Gruppe verlassen hatte. Eine Frau hob das Plüschtier auf und versteckte es unter ihren Sachen. Es gelang ihr, den Teddy bis zu ihrer Befreiung aufzuheben. In den 80er‐Jahren spendete sie ihn der Gedenkstätte Ravensbrück. Er steht für so vieles, dieser Teddy.

Sie haben auch das Kleid erwähnt. Welche Geschichte verbirgt sich dahinter?
Sommer: Es gehörte Erna de Vries. Ihre Mutter wurde nach Auschwitz deportiert, und Erna ging mit, um ihre Mutter nicht alleine gehen zu lassen. Erna wurde schwer krank, und sie entkam der Vergasung nur deswegen, weil sie eine sogenannte Halbjüdin war. Dann wurde sie nach Ravensbrück deportiert und dort trug sie dieses Kleid. Vor Jahren entschloss sie sich, das Kleid der Gedenkstätte zu spenden, und wusch es. Denn sie wollte den Geruch loswerden. Die Archivare konnten es fast nicht glauben, denn für sie ist das Original ja das Wichtigste. Aber das ist für viele Menschen, die im Konzentrationslager waren, genau der Punkt: Sie mussten ihre wenigen Habseligkeiten sauber halten, sonst drohte ihnen der Tod. Das Wichtigste allerdings ist der Gürtel. Und Erna de Vries erklärte auch, warum: Er wurde im Geheimen im Lager angefertigt, und anhand der Löcher kann man Ernas de Vries‹ Geschichte ablesen und sehen, wie sie immer dünner wurde. Sie brauchte diesen Gürtel, denn ansonsten hätte ihr Kleid einfach so heruntergehangen. Das wiederum hätte bedeutet, dass sie noch mehr als ohnehin schon gefroren hätte oder ein SS‐Mann sie geschlagen hätte, weil das Kleid unordentlich war.

Erna de Vries ist – wie viele Zeitzeugen – hochbetagt. Wie wird Erinnerung ohne Zeitzeugen einmal aussehen?
Wiesel: Durch Kunst, durch Projekte, die Menschen anstoßen, bleibt die Erinnerung erhalten. Die Quellen sind ja da. Nur die Geschichten müssen recherchiert werden. Wir versuchen vor allem, durch Vorträge auch die jüngere Generation an den persönlichen Geschichten teilhaben zu lassen. Vor allem in Europa sind die Menschen sehr an diesem Thema interessiert.
Sommer: Die Kultur heutzutage ist eine visuelle, und gerade deswegen können junge Menschen eher über Bilder erreicht werden als über viel Text.

Herr Wiesel, haben Ihre Eltern zu Hause eigentlich über die Schoa gesprochen?
Wiesel: Ja. Mein Vater wurde von einem Zeugen Jehovas in Ungarn versteckt. Er gab meinen Vater als seinen Neffen aus. Dieser Mann rettete noch einige andere Juden. Und mütterlicherseits haben sie mithilfe von gefälschten Papieren überlebt. Also es war schon ein Thema – und es hat mich auch immer interessiert.

Einer Ihrer Verwandten war der Schoa‐Überlebende Elie Wiesel. Haben Sie ihn einmal getroffen?
Wiesel: Ein oder zwei Mal. Es war interessant, und ich kenne natürlich seine Bücher, die einen immensen Effekt auf mich hatten. Aber ansonsten kenne ich die Familie nicht so gut.

Wie sieht jüdisches Leben in Australien aus?
Wiesel: Zuerst einmal haben wir in Australien eine sehr große jüdische Gemeinde. Viele kommen aus Südafrika oder – wie meine Eltern – aus Ungarn. Es ist eine lebendige und halbwegs liberale Gemeinde. Zu Hause leben wir nicht koscher, aber wir halten die Traditionen ein, sind am Schabbat alle zusammen. Familie und Traditionen sind mir sehr wichtig – Religion nicht so sehr.

Mit dem Fotografen und dem Historiker sprach Katrin Richter.

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