Bundestag

»Den Ermordeten ihre Stimme zurückgeben«

Saul Friedländer bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestags Foto: dpa

»Ich wurde zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt – vier Monate vor Hitlers Machtergreifung – in Prag geboren«, so beginnen Saul Friedländers Memoiren Wohin die Erinnerung führt (2016). Der Anfang seiner Autobiografie steht in gewissem Sinne auch exemplarisch für Friedländers Methode als Historiker.

Denn anders als etwa Raul Hilberg, der Pionier der Erforschung der Vernichtungspolitik, hat Friedländer in seinem Standardwerk Das Dritte Reich und die Juden nicht nur den mörderischen Vernichtungsapparat geschildert, sondern immer auch die Schicksale der Menschen berücksichtigt. »Die Juden kamen ja meist nur als Opferzahlen vor. Ich wollte den Ermordeten ihre Stimme zurückgeben«, sagte Friedländer jüngst.

Schoa-Gedenken Der Erinnerung Namen geben – das ist der Anspruch des in Los Angeles lebenden israelischen Historikers. Diesen Anspruch hat der 86-Jährige auch im Bundestag noch einmal eingelöst: Am 31. Januar hielt er die Gedenkrede zum Schoa-Gedenktag und erinnerte auch an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 74 Jahren.

Der Historiker und Holocaust-Überlebende appellierte an Deutschland, sich weltweit wachsendem Fremdenhass und Nationalismus entgegenzustellen. »Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen«, sagte er am Donnerstag in Berlin.

»Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird«, sagte Friedländer. »Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in Besorgnis erregender Weise auf dem Vormarsch.«

Als er gebeten worden sei, vor dem Bundestag zu sprechen, habe er zunächst gezögert, sagte Friedländer, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden und der als Junge in einem katholischen Internat in Frankreich überlebte. Er habe dann aber angenommen. »Warum? Weil ich wie viele Menschen weltweit im heutigen Deutschland ein von Grund auf verändertes Deutschland sehe. Denn dank seiner langjährigen Wandlung seit dem Krieg ist Deutschland eines der starken Bollwerke gegen die Gefahren geworden, die sich soeben erwähnt habe.«

Tel Aviv Als Kind deutschsprachiger Juden wurde Friedländer 1932 in Prag geboren. Während seine Eltern in Auschwitz ermordet wurden, überlebte er unter falschem Namen und als getaufter Katholik in einem Internat in Frankreich und wollte sogar Priester werden. 1946 entschloss er sich auf Anraten eines Jesuiten, wieder Jude zu sein. »Ich bin schnell nacheinander Kommunist und dann Zionist geworden und 1948 aus meinem Pariser Gymnasium nach Israel geflüchtet«, schildert er den weiteren Lebensweg. Als Politikwissenschaftler und Historiker unterrichtete der Vater dreier Kinder später in Genf, Tel Aviv und Los Angeles.

Es dauerte lang, bis er sich seiner Familiengeschichte stellte. Er sei auch Jahrzehnte später hoch traumatisiert gewesen und leide noch heute unter Depressionen, schrieb er 2016. Erst seine Kinder hätten ihm geholfen, seine Gefühle wiederzuentdecken. »Es ist die Liebe«, so der Historiker, »die das Leben lebenswert macht.«

Aktuell arbeitet der emeritierte Geschichtsprofessor an einem Buch über den französischen Schriftsteller Marcel Proust. »Ein Freund fragte mich: Warum Proust?«, sagte Friedländer im vergangenen Jahr über sein Projekt. »Meine Antwort war: Um in einer Welt der Schönheit zu enden und nicht mit diesen schrecklichen Themen, mit denen ich mich mein ganzes Leben befasst habe.«  ja/dpa

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