Jerusalem

Dem Vergessen entrissen

Alles, was es hier zu sehen gibt, sind Ausnahmen. Der Großteil dessen, was die Opfer der Schoa einst besaßen, ist verloren. Sie mussten ihren Besitz zu Ramschpreisen verkaufen, oder er wurde ihnen nach ihrer Ankunft im Konzentrationslager geraubt, für die unersättliche Kriegsmaschine der Nazis weiterverarbeitet, zerstört oder schlicht irgendwo vergessen.

All den verschwundenen Dingen, die ihren Besitzern einmal die Welt bedeuteten, ist in der Ausstellung Living Memory ein einzelnes Kunstwerk gewidmet: ein eiserner Kasten, in den durch eingravierte Buchstaben Licht hineinfällt. Alef, Jod und Nun bilden das Wort »Ejn«, das im Hebräischen die Nichtexistenz von etwas ausdrückt und sich grob als »Es gibt nicht« ins Deutsche übersetzen lässt.

Doch von diesem Mahnmal abgesehen, ist die neueste Ergänzung im Ensemble der Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem dem gewidmet, was gegen jede Wahrscheinlichkeit gerettet werden konnte: dem, was Überlebende nach ihrer Befreiung noch bei sich hatten, und dem, was Angehörige von ihren ermordeten Familienmitgliedern geblieben ist. Irgendwann kamen diese Gegenstände alle in die Hügellandschaft westlich von Jerusalem, wo seit 1953 Yad Vashem steht. Nach wie vor gehen dort täglich gespendete Artefakte ein, die von der Schoa, der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden durch Deutsche, Zeugnis ablegen.

Die jährlich etwa zwei Millionen Besucher Yad Vashems sehen nur einen Bruchteil der Sammlung

So umfangreich ist die Sammlung, dass die jährlich etwa zwei Millionen Besucher Yad Vashems nur einen Bruchteil davon zu sehen bekommen. Die Idee von Living Memory ist es, der Öffentlichkeit noch mehr Stücke aus dem Archiv zugänglich zu machen.

Darunter sind Gemälde von Hanna Hellmann, einer in Hamburg geborenen Literaturwissenschaftlerin und Künstlerin. In ihrem Leben malte Hellmann Hunderte Blumen, die sie gern Briefen an Freunde und Familie, vor allem an ihre Schwester Lilly, beilegte. Die deutsche Jüdin schrieb Gedichte, liebte Philosophie und Mystik. Sie war eine Exzentrikerin.

Täglich werden der Schoa-Gedenkstätte immer noch Artefakte gespendet.

1938 wurde Hellmann in die Jacoby’sche Heil- und Pflegeanstalt für jüdische »Nerven- und Gemüthskranke« geschickt und von dort im Juni 1942 ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, wo sie ermordet wurde. Einige ihrer Bilder – darauf violette, blaue, weiße und rote Blumen – konnten von Hellmanns Angehörigen bewahrt werden und fanden schließlich ihren Weg nach Yad Vashem.

Neben den Gemälden von Hanna Hellmann steht die Gitarre von Nina Simon

Neben den Gemälden von Hanna Hellmann steht die Gitarre von Nina Simon, geboren 1925 im jugoslawischen Sarajevo. Wenn sie spielte, wurde sie oft von ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Yehoschua auf der Violine begleitet. Anders als seine Schwester überlebte Yehoschua die Schoa und bekam Gitarre und Violine von einem Nachbarn der Familie zurück, der diese jahrelang aufbewahrt hatte.

Seine Tochter, Esther Nina Simon, übergab 2021 das Instrument ihrer Tante der Gedenkstätte. Im selben Raum wie Nina Simons Gitarre kann man die silbernen Schabbatleuchter von Yomtow und Matilda Marek aus Rumänien sehen, Isaac Barshais Fotokamera vom sowjetischen Hersteller »Fotokor« und die filigrane Puppe der fünfjährigen, in Auschwitz ermordeten Inge Liebe.

Überleben sei auch ein kultureller Kampf, sagt Kunstdirektorin Eliad Moreh-Rosenberg.

Anhand der Dinge, die ihnen im Leben wichtig waren, wird das Schicksal dieser Verfolgten erzählt – und gleichzeitig die Pläne ihrer Peiniger durchkreuzt. »Die Nazis wollten die Juden nicht nur physisch vernichten, sondern auch jede Erinnerung an sie auslöschen«, sagt die Kuratorin der Ausstellung, Eliad Moreh-Rosenberg, im Gespräch mit der »Jüdischen Allgemeinen«. Der Kampf ums Überleben, so die Kunstdirektorin von Yad Vashem, sei auch »ein kultureller Kampf«. Bewahren, Gedenken, Weitergeben: Für Moreh-Rosenberg sind dies wichtige Praktiken, um dem Vernichtungswillen gegen die Juden etwas entgegenzusetzen.

Zwei weitere Räume hat Living Memory. Sie sind der Arbeit an dem Geschehenen, der Verarbeitung, gewidmet: den Gemälden und Skulpturen, geschaffen von Überlebenden und ihren Nachkommen, andererseits dem, was Yad Vashem seit 70 Jahren tut: sammeln, präservieren, kuratieren. So gibt die neue Dauerausstellung einen Einblick in die Weise, wie in der Herzkammer der Gedenkstätte, dem Archiv, gearbeitet wird. Dort lagern viele Tausende weitere Objekte, die von den Schicksalen ihrer ehemaligen Besitzer erzählen können.

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