Szene

Davidstern und Dissonanzen

Radikal und jüdisch Foto: JMB

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Davidstern und Dissonanzen

Das Jüdische Museum Berlin zeigt eine Ausstellung über die »Radical Jewish Culture«

von Jonathan Scheiner  03.05.2011 11:25 Uhr

Die Heimat der »Radical Jewish Culture« ist New York. Aber der Geburtsort dieser amerikanischen Avantgardebewegung war München. Rund ein Dutzend US-Musiker, die meisten um 1950 geboren, kamen 1992 auf Einladung des Komponisten und Bandleaders John Zorn in die bayerische Landeshauptstadt zu einem »Festival for New Radical Jewish Music«. Aufgeführt wurde unter anderem Zorns Komposition Kristallnacht. Das epochale Stück zeichnete die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert nach. Versteht sich von selbst, dass nicht schmachtende Klarinettenweisen vorgetragen wurden, sondern dissonante Klangkollagen, die in einer minutenlangen Stille mündeten – radikaler Stoff für die Gehörgänge. Kontrovers diskutiert wurde allerdings, dass die Interpreten bei der Aufführung Judensterne tragen sollten, ausgerechnet in Hitlers »Hauptstadt der Bewegung«.

outlaw 20 Jahre danach sind die Radical Jewish Culture und ihre Protagonisten in die Jahre gekommen. Die Bewegung ist inzwischen museumsreif – im Wortsinn. Voriges Jahr in Paris und jetzt im Jüdischen Museum Berlin ist sie Thema einer großen Ausstellung. »Der Unterschied zwischen beiden Ausstellungen«, sagt Kurator Mathias Dreyfuss, »liegt im Raum, der hier in Berlin zur Verfügung stand«. Der Schau hat das sichtlich gut getan. Schon im Treppenhaus prangt ein riesiges Bild von John Zorn mit seiner rotzigen Military-Hose. Am Ende wird dieses frühe Outlaw-Image ein wenig korrigiert. Hier sieht man das 150 Melodien umfassende Masada-Songbook des Komponisten und sein rotes Sweatshirt mit Magen David und hebräischen Lettern.

Die Ausstellungsmacher haben nicht nur aus einer Unsumme möglicher Exponate wegweisende Stücke ausgesucht, sondern auch vielen unerwarteten Seitenaspekten Platz gewährt. So erfährt man etwa, dass in München seinerzeit auch Ornette Coleman spielte, der schwarze Erfinder des Free Jazz, was die Frage aufwirft, was denn wirklich das »Jüdische« an der Bewegung war. Der Saxofonist Steve Lacy, der üblicherweise nicht zur Radical Jewish Culture gerechnet wird, bekennt: »In den 40er-Jahren habe ich mich noch mit Talmud und Tora beschäftigt, aber dann habe ich mein Judentum eher verdrängt.«

So wie Lacy ging es vielen jüdischen Musikern. München 1992 war deshalb eine Wegscheide. Der Gitarrist Marc Ribot bringt es in einem Video auf den Punkt: »Wir haben erst allmählich gelernt, uns jüdisch zu verhalten.«

bekifft John Zorn hat in einem Manifest die Basis der Radical Jewish Culture einmal so definiert: »Der Jude ist immer Ursprung einer doppelten Infragestellung gewesen: der Infragestellung des Selbst und der Infragestellung des ›Anderen‹. Da ihm nie die Möglichkeit gewährt wird, aufzuhören, jüdisch zu sein, ist er gezwungen, die Frage seiner Identität zu formulieren. Daher ist er von Anbeginn mit dem Diskurs des ›Anderen‹ konfrontiert, und oft hängt sein Leben davon ab. Wir sind die Außenseiter der Welt.«

20 Jahre nach München wird inzwischen selbstbewusst und mit Stolz jüdische Musik gemacht. Wobei das »Jüdische« immer noch Auslegungssache ist. Dafür steht ein Symposium beim »Intergalactic Jewish Museum Festival« in Philadelphia 1997. Es hatte den Titel »Warum Juden Marihuana lieben«. An die Antwort konnten sich die Teilnehmer später allerdings nicht mehr erinnern. Sie waren zu bekifft gewesen.

»Radical Jewish Culture«. Jüdisches Museum Berlin, bis 24. Juli.
www.jmb.de

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