Kino

Das zweite Gesicht der Nelly Lenz

Unerkannte alte Liebe: Johnny (Ronald Zehrfeld) und Nelly (Nina Hoss) Foto: piffl-Medien

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Phoenix heißt der neue Film von Christian Petzold, der diese Woche in die Kinos kommt. Phoenix, wie aus der Asche, Asche wie Auschwitz.

Der Film beginnt mit einem Auto, das durch die Nacht fährt, bis es von amerikanischen Soldaten angehalten wird. Neben der Fahrerin sitzt eine zitternde Kreatur, von einem Kopfverband total verhüllt. Die Fahrerin möchte passieren, sie ist von der Jewish Agency. Der junge Soldat besteht darauf, unter den Verband zu schauen – es könnte ja Eva Braun in Tarnung sein. Langsam nimmt die Frau den Verband ab, der Soldat schreckt zusammen und lässt sie passieren. Die Schranke ist kein echter Schlagbaum, sondern nur ein Holzbalken.

Phoenix ist feinst gearbeitet. Jede Naht sitzt. Filmische Intelligenz nennt man das. Kleine Details, wie der Holzbalken als notdürftige Schranke, bleiben lange hängen. Auch wenn der große Entwurf nicht stimmt.

operation Nelly Lenz, die Frau mit dem Verband, (Nina Hoss), wird von ihrer Freundin Lene Winter (Nina Kunzendorf), der Frau von der Jewish Agency, in eine Klinik gebracht, in der ihr Gesicht rekonstruiert werden soll. Nach der Operation irrt Nelly – das Gesicht immer noch mumifiziert – durch das Klinikgelände. Nachts trifft sie eine andere verhüllte Frau. Worte werden nicht gewechselt. Gespenster. Lagergespenster.

Langsam traut sich Nelly wieder auf die Straße, ins Leben. Sie sucht Johnny (Ronald Zehrfeld), mit dem sie vor dem Krieg verheiratet war – sie war Sängerin, er Pianist. Sie findet ihn, doch er erkennt sie nicht. Stattdessen schlägt Johnny ihr ein Geschäft vor: Sie sehe seiner toten jüdischen Frau ähnlich, sie solle für die Behörden so tun, als sei sie diese, um an das Erbe ihrer toten Familie zu kommen. In seiner kleinen Wohnung unterweist er sie, wie seine Nelly zu laufen, zu reden, zu schreiben. Und erkennt dabei nicht, dass er sie doch vor sich hat.

Das ist das emotionale Herz des Films. Die alte Nelly liebt Johnny, und für die neue Nelly ist diese Liebe die einzige Verbindung zu dem Leben »davor«. Auch Johnny hat Nelly geliebt und versucht jetzt, eine Fremde zu ihr zu formen. Verquast gesprochen: Er liebt sie so sehr, dass er sie nicht erkennt. Das ist eine gute, kraftvolle Konstruktion, mit genauem Gespür für die Verletzungen der Figuren. Hoss und Zehrfeld spielen mit großer Intensität. Doch dann fällt dem Zuschauer – und vielleicht auch dem Film – wieder ein, dass es ja um die Schoa gehen soll.

Hier tritt Lene auf den Plan, die für die Jewish Agency täglich Opferlisten durchgeht, voller Namen wie Rosenzweig und Levi – als ob es keine Juden mit nicht jüdisch klingenden Namen gab. Lenes Rolle ist eigentlich nur da, um historischen Kontext zu geben, die Geschichte jüdisch aufzuladen. Sie ist angeekelt, sagt sie, von den Juden, die wieder nach Deutschland kommen und vergeben wollen. Ein interessanter Gedanke für einen deutschen Film. Allein: laut Handlung fällt dieser Satz im Spätsommer 1945. Von welchen Strömen remigrierender Juden spricht Lene da?

klischees An anderer Stelle lässt Lene die Kulturleistungen der deutschen Juden Revue passieren. Nelly war schließlich Cabaret-Sängerin, ihr Trauma beschreibt auch das Sterben der oft beschworenen »deutsch-jüdischen Leichtigkeit«. Aber das ist wohl kaum die ganze Geschichte der Schoa. Der arme Schuster aus einem galizischen Schtetl hatte der deutschen Kultur recht wenig zu geben, die Familie aus Lyon auch nicht.

Am Ende gibt es für Nelly ein vorsichtiges Happyend, während sich Lene, unter der Last des Schmerzes, dem sie durch ihre Arbeit ausgesetzt ist, das Leben nimmt. Der Film heißt Phoenix, Nelly blüht wieder auf. Aber heißt das, dass Lene keine Heldin ist? Dass sie vielleicht sogar versagt hat? Auch wenn Petzold in Anspruch nimmt, von Jean Améry und Primo Levi inspiriert worden zu sein: Mit diesen schwierigen Fragen geht er unsicher und oberflächlich um. Natürlich ist ein Film keine geschichtsphilosophische Abhandlung. Doch mit der schablonenhaften Symboljüdin Lene verspielt Petzold das Vertrauen, ihm und seinem Film auch in die etwas abwegigeren Gefilde von Liebe, Verrat und Versöhnung explizit im deutsch-jüdischen Kontext zu folgen.

Kann man im Jahr 2014 erwarten, dass sich ein deutscher Film nicht verhebt, wenn es um jüdische Fragen geht? Petzolds Vorsatz, ein ehrliches Schoa-Drama fernab vom Klischee zu machen, geht oft auf. Aber nicht ganz. Der Regisseur hat den Film Fritz Bauer gewidmet. Bei aller Courage und bei aller filmischen Intelligenz: diese Ehre hat sich Phoenix dann doch nicht verdient.

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