Andrea Kiewel aus Tel Aviv

»Das Wichtigste in meinem Leben sind meine Kinder. Ich bin willens, ihre Leben zu opfern …«

Die Söhne von Tommy warten im Süden Israels auf ihren Marschbefehl Foto: privat

Andrea Kiewel aus Tel Aviv

»Das Wichtigste in meinem Leben sind meine Kinder. Ich bin willens, ihre Leben zu opfern …«

Die Moderatorin schildert den Alltag im Ausnahmezustand

von Andrea Kiewel  18.10.2023 14:33 Uhr

Sonntag, 15. Oktober 2023

Tel Aviv, Kfar Schmaryahu, Israel

Der Tag beginnt damit, dass ich meiner Freundin Kati via WhatsApp Küsse zum Geburtstag schicke. Sie antwortet umgehend: »Danke Liebste, die hebe ich mir bis morgen auf.«

Heute ist noch gar nicht der 16.? Erst der 15.? Sind tatsächlich erst acht Tage seit dem Horror vergangen? Oder schon? 

Tommy Mozes sitzt vor mir auf dem Boden. 

Nathalie.

Ben.

Roy.

So heißen seine Kinder. 

Ich bitte Tommy um Entschuldigung. Ich sage ihm, dass ich Fragen frage, die man jetzt nicht fragt. Eigentlich nie.

Tommy: »Frag!«

Ich: »Tommy, was ist Deine größte Angst?«

Tommy: »Ich liebe mein Land. So sehr, dass ich willens bin, mein Leben für Israel zu geben. Das Wichtigste in meinem Leben sind meine Kinder. Ich bin willens, ihre Leben zu opfern …«

Es ist kompliziert, dass englische »I am willing« ins Deutsche zu übertragen. Vielleicht beschreibt »Ich bin vorbereitet …« etwas besser, was da vorgeht in Tommy Mozes.

Ben (20) und Roy (18), die Söhne von Tommy, warten im Süden Israels auf ihren Marschbefehl. Keine Reservisten. Soldaten. Sie sind 18 und 20 Jahre alt. Ihr Vater sitzt vor mir auf der Erde und versucht, nicht zu weinen. 

Seit acht Tagen rotieren Tommy und seine Frau Carmit. 

Carmit ist einer der führenden Köpfe bei den Protesten gegen die Justizreform. Aus ihrer »heilen Welt« wurde ein Stützpunkt größter Solidarität und Zivilcourage. Sie organisieren, kaufen, verpacken und senden Nahrungsmittel, Ausrüstungsgegenstände, alles, was dringlichst gebraucht wird, direkt zu den Einheiten der IDF. 

Vor drei Tagen bekam ich von Tommy eine Liste. Ich lese: Babypuder. Das kann nicht sein, denke ich, benutze Google Translate und lese: Babypuder. 

Inzwischen weiß ich, dass sich die Soldatinnen und Soldaten die Füße mit dem Talkum einreiben, damit diese während der vielen Stunden in den schweren Schuhen trocken bleiben. Wunde Füße sind sogar in Friedenszeiten Mist …

Ich kaufe alles Babypuder, was der Superpharm (vergleichbar mit Rossmann oder Müller) hergibt. 

Meine Freunde und deren Freunde, meine Kollegen und deren Kollegen, spendeten Geld. Auf meinem Kontoauszug stehen hinter Geldeingängen Namen von Menschen, die ich gar nicht kenne. Ich weine vor Rührung über all die Liebe und Solidarität aus Deutschland und kaufe und bringe zu Tommy und weine und kaufe und bringe zu Tommy und again und again. 

Ich frage ihn: »Woher nimmst Du die Kraft, mutig zu sein, mutig zu bleiben. Hast Du ein Mantra?«.

Tommy: »Nein. Es gibt kein Mantra. Ich schlafe kaum. Ich esse nicht und verliere Gewicht. Es fällt mir schwer, zu atmen. Ich halte mich «busy» (beschäftigt).«

Tommy schweigt. 

Dann sagt er: »Meine Söhne halten ein Gewehr in ihren Händen. Mein Großvater musste meine Mama weggeben, als sie ein Baby war, um sie vor den Nazis zu retten. Er wusste nicht, ob er sie jemals wiedersehen wird. Das war schlimmer.«

Wieder Stille.

Tommy: »Wir Juden in Israel kämpften und rangen miteinander, bis vor einer Woche, großer Probleme wegen. Politik, Religion, Demokratie und die persönliche Gestaltung unserer Leben. Nichts davon ist aktuell wichtig. Wichtig ist jetzt, dass wir - Israelis und Armee - ein für alle mal dafür sorgen, dass niemand in unser Land eindringt und jüdische Babys abschlachtet.«

Stille.

Aufgegabelt

Gitti

Unser Rezept der Woche!

 01.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Katrin Richter  01.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 01.10.2026

Aufruf

Rapper Danger Dan: Man darf sich von Angst nicht lähmen lassen

Das ZDF untersagte im Sommer den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit mit ihrem Song »Keine Angst« in der Satire-Sendung »Die Anstalt«. Doch das Lied motivierte andere, aktiv zu werden gegen Neonazi-Umtriebe

von Barbara Just  01.10.2026

Kalifornien

Israelischer Schauspieler Guy Kapulnik stirbt bei Flugzeugabsturz

Parallel zur Schauspielerei entwickelte sich das Fliegen zu einem zentralen Bestandteil seines Lebens

 01.10.2026

»NAZA«

Die Banalität der Propaganda

Der umstrittene Film über Israels digitale Kriegsführung in Gaza beherrscht das Spiel mit Gefühlen. Ein Versuch, sachlich zu bleiben

von Sophie Albers Ben Chamo  30.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  30.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  30.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026