Wuligers Woche

Das Silberstein-Komplott

Foto: imago images / Viennareport

Was ein richtiger österreichischer Skandal ist, braucht einen Drahtzieher im Hintergrund, der an allem schuld ist. Und wer ist stets an allem schuld? Der Jud natürlich. In diesem Fall der Jude Silberstein. Den erwähnte Kanzler Kurz wohl nicht zufällig, als er sein Bündnis mit den Rechtsextremen aufkündigen musste, nachdem das Ibiza-Video mit seinem Stellvertreter Strache publik geworden war: »Die Methoden erinnern mich klarerweise an die von Tal Silberstein.«

Zwar hat der Wiener Regierungschef, wie er selbst einräumt, dafür »leider keinen Beweis«. Doch Kurz wird schon gewusst haben, warum er diesen Namen nannte. So etwas wie »Silberstein« klingt in österreichischen Ohren traditionell verdächtig.

Wer ist stets an allem schuld? Der Jud natürlich. In diesem Fall der Jude Silberstein.

Besagter Silberstein – für diejenigen, die mit Wiener Politik nicht so vertraut sind – ist Israeli und ein weltweit gefragter Fachmann für schmutzige Wahlkampftricks. Als solchen hatten ihn die österreichischen Sozialdemokraten im Wahlkampf vor zwei Jahren engagiert. Dummerweise flogen Silbersteins Manipulationen damals rasch auf, was nicht gerade für die Professionalität des Mannes spricht. Die SPÖ kostete das ziemlich viele Stimmen, und Kurz verhalf es mit zum Wahlsieg. Denn Schweinereien im Wahlkampf sind das eine. Wenn aber noch ein Silberstein dahintersteckt, wird der Wähler richtig böse.

MOSSAD Weil das schon einmal so gut geklappt hat, scheinen Kanzler Kurz und vor allem die FPÖ jetzt wieder zu versuchen, mit Silberstein »Haltet den Dieb« zu spielen. Der kann zwar diesmal nicht direkt involviert sein, weil er wegen anderer Geschichten in Israel im Knast saß und derzeit auf sein Strafverfahren wartet. Aber das Video ist ja von 2017, könnte also eventuell, vielleicht und möglicherweise aus der Hinterlassenschaft des Politikberaters stammen.

Jüdische Buhmänner ziehen immer.

In den sozialen Medien jedenfalls wird in die Richtung jetzt schon ordentlich geraunt. Das habe »Silberstein oder der Mossad« gemacht, zitiert das österreichische Fernsehen FPÖ-Politiker. Und so ist nicht auszuschließen, dass Österreichs Rechte einen Silberstein-Wahlkampf führen könnten, ähnlich wie Viktor Orbán Soros-Kampagnen macht und in Deutschland manche versuchen, Anetta Kahane zur Hassfigur zu stilisieren.

Jüdische Buhmänner ziehen immer. Auch im französischen Präsidentschaftswahlkampf 2017 wurde von der radikalen Rechten wie von der extremen Linken gerne und genüsslich darauf hingewiesen, dass der liberale Kandidat Spitzenmanager bei der Rothschild-Bank gewesen war. Dabei böte sich, um auf die österreichische Regierungskrise zurückzukommen, statt Silberstein eigentlich ein anderer Verdächtiger an.

Der engste Vertraute des Israelis war im Wahlkampf 2017 ein gewisser Paul Pöchhacker. Den hat die SPÖ vor einigen Monaten wieder als Berater angeheuert. Und prompt taucht das Ibiza-Video auf. Wenn man schon mit Verschwörungstheorien hausieren will, klingt die doch viel plausibler. Aber »Pöchhacker-Komplott« macht nicht wirklich was her. Mit »Silberstein« klingt es viel überzeugender.

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will.

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026