Interview

Das Schreiben danach

Zeruya Shalev darüber, wie man ein altes Buch zu neuem Leben erweckt, was israelische Autoren nach dem 7. Oktober denken und über lebenslanges Ringen mit der Angst

von Sophie Albers Ben Chamo  08.02.2024 09:39 Uhr

An literarisches Schreiben sei nach dem 7. Oktober nicht zu denken, sagt die israelische Autorin Zeruya Shalev. Foto: Chris Hartung

Zeruya Shalev darüber, wie man ein altes Buch zu neuem Leben erweckt, was israelische Autoren nach dem 7. Oktober denken und über lebenslanges Ringen mit der Angst

von Sophie Albers Ben Chamo  08.02.2024 09:39 Uhr

»Nicht ich«, so heißt das neue Buch von Israels Starautorin Zeruya Shalev, das in Wirklichkeit ein altes ist. Ihr erster Roman, um genau zu sein, der 1993, acht Jahre vor ihrem internationalen Durchbruch mit Liebesleben, erschien und nie ins Deutsche übersetzt wurde. Nach 30 Jahren hat Shalev sich das Aufreger-Buch noch einmal vorgenommen, in dem sich eine junge Frau in einer reißenden Flut tabuisierter Gedanken über Ehe, Mutterschaft und Familie um sich selbst dreht. Und das in einem Land der Extreme. »Stand-up-Tragedy« nennt sie es selbst.

Fast zwei Jahre lang hat sie den Text überarbeitet. In welch bedrückender Zeit dieser schließlich wiedergeboren werden würde, konnte die 64-Jährige nicht ahnen. Aber nun ist er da. In einem Berliner Hotel sprach die israelische Autorin mit der Jüdischen Allgemeinen über Angst, Vorahnungen und ihr jüngeres Ich.

Wie geht es Ihnen, Frau Shalev?
Es ist eine schwierige Zeit, ein schwieriger Moment, ein schwieriger Morgen. Heute vor genau 20 Jahren wurde ich bei einem Terroranschlag in Jerusalem verletzt. Es war der 29. Januar 2004. Und als ich heute früh die Nachrichten sah, wurde über den neuesten Terroranschlag in Haifa berichtet, wo ich wohne. Das war ein Schock! Aber die ganze Zeit seit dem 7. Oktober ist schockierend.

Sind das nicht alles psychologische Trigger für Sie?
Es ist immer da. Ich glaube, ich habe es geschafft, 2004 in vielerlei Hinsicht zu überwinden. Doch da ist immer noch dieser Punkt des Schmerzes und des Traumas. Und natürlich kann den alles auslösen, der Terroranschlag in Haifa und auch der Krieg selbst. Am 7. Oktober habe ich mich sofort so gefühlt, wie direkt nach meiner Verletzung. Ich war so erschüttert und traumatisiert. Da war dieses sehr tiefe Gefühl der Trauer. Das Einzige, was ich tun konnte, war, die Nachrichten zu sehen und zu weinen und an all die Menschen zu denken und mich mit ihnen zu identifizieren, die so sehr leiden. Natürlich ist das, was im Oktober passiert ist, so viel größer als meine eigene Geschichte.

Wie gehen Sie mit der persönlichen und kollektiven Trauer um?
Es hat mir dieses Mal wirklich geholfen, dass ich sofort so viele Anfragen für Interviews, Artikel und für alle möglichen Initiativen bekommen habe. Ich wurde sofort sehr aktiv. Sogar das Backen von Kuchen für Soldaten kann mich für ein paar Stunden heilen.

Sie konnten also nach dem 7. Oktober schreiben?
Ja, aber nicht Literatur. Ich kann Grabreden und Artikel schreiben, Interviews geben und auf Demonstrationen sprechen. Ich versuche, meine Worte zu benutzen, um darüber zu diskutieren, was vor sich geht. Ich denke, dass es für einen Schriftsteller sehr wichtig ist, das zu tun. Aber natürlich ist es kein literarisches Schreiben. In literarischer Hinsicht bin ich völlig gelähmt.

Sprechen Sie auch mit anderen Autoren darüber?
Ja, und alle meine israelischen Schriftstellerfreunde können gerade nicht schreiben. Ich glaube, niemand von uns tut es. Im Augenblick ist die israelische Literatur paralysiert.

Die Antwort auf die Frage, wie man über eine Welt schreibt, die auf dem Kopf steht, wäre also: ein Sachbuch?
Ich war gerade mitten im Anfang eines neuen Romans, an dem ich nach langer Recherche seit einem halben Jahr geschrieben habe. Es war Simchat Tora, das Ende der Hohen Feiertage in Israel. Ich habe nur darauf gewartet, dass sie vorbei sind, dass mein Sohn wieder zur Schule geht und ich mich wieder meinem Buch widmen kann …

Und dann kam der »Schwarze Schabbat«.
… und jetzt ist es unmöglich. Wie kann ich mir Geschichten ausdenken, wenn es so viele Geschichten um mich herum gibt?! Geschichten, von denen ich mir nie hätte vorstellen können, dass sie stattgefunden haben.

In Ihrem neuen Buch, der Neubearbeitung Ihres Erstlings »Dancing Standing Still«, gibt es viele erschreckend visionäre Momente: ein Mädchen, das auf die andere Seite der Grenze entführt wird, Tunnel, die Zahl sieben taucht immer wieder auf …
Oh! Sie haben recht, die Sieben. Das war mir gar nicht aufgefallen.

Ohne irrational werden zu wollen, wie erklären Sie sich diese Verweise?
Es gibt sogar noch etwas Erstaunlicheres. In einer Szene vergräbt die Protagonistin einen Teddybären auf der Straße unter der Wohnung ihrer Eltern. Und sie sagt, sie hebe ein Grab aus. Ich habe es 1992 geschrieben, und genau dort lag ich 2004 nach dem Anschlag auf dem Bürgersteig. Ich kann das nicht erklären. Natürlich kann ich etwas zu den Metaphern des Buches sagen. Nichts davon ist zu der Zeit passiert. Es ist nie zuvor passiert. Aber die Ängste waren da. Also benutzte ich sie als Metapher. Und dann wurden sie Realität. Es ist wirklich erstaunlich.

Sie haben einmal davon gesprochen, dass sie als Kind genau diese Angst hatten, dass Terroristen in Israel einfallen und ihre Familie töten oder entführen …
Ich bin mit vielen Ängsten aufgewachsen! Und als ich 1988 Mutter wurde, wurden die nochmal verstärkt. Denn als Mutter ist man plötzlich verantwortlich für ein hilfloses menschliches Wesen. Das vermischte sich mit allen möglichen Schuldgefühlen und Ambivalenzen. Das ist so auf ganz natürliche, assoziative Weise in das Buch eingeflossen.

Warum haben Sie sich eigentlich dazu entschieden, das Buch neu zu schreiben?
Meine Verleger außerhalb Israels wussten von diesem ersten, »geheimen« Roman, und sie fragten mich gelegentlich, ob ich ihn veröffentlichen wolle. Ich habe immer Nein gesagt, denn für mich gehörte er der Vergangenheit an. Das war nicht mehr ich. Aber nachdem ich meinen letzten Roman, »Schicksal«, fertiggestellt hatte, begann ich plötzlich, diese Neugierde zu spüren. Es war wie ein Rufen, wie ein vernachlässigtes Kind …

Und Sie haben es erhört.
Ich schlug das Buch auf und begann zu lesen. Und zum ersten Mal seit seiner Veröffentlichung habe ich es von Anfang bis Ende gelesen, und dann noch einmal, und ich war sehr überrascht, dass das Buch immer noch zu mir sprach, mich zum Lachen und Weinen bringt. Ich hatte das Gefühl, dass es das Richtige ist, es nach so vielen Jahren wiederaufleben zu lassen. Auch weil sich die Rezeption verändert hat. Die Akzeptanz des Buches war damals sehr wertend. Die Literaturszene Israels war nicht bereit, diesen gebrochenen Monolog zu akzeptieren, und erst recht keine Frau, die so über ihre Tochter spricht und Dinge zugibt, die Frauen sonst nie zugeben würden …

Haben Sie bei der Bearbeitung auch größere Eingriffe vorgenommen, oder ist es beim Polieren geblieben?
Ich habe sehr eng mit meiner Übersetzerin Anne Birkenhauer zusammengearbeitet. Es war großartig. Sie hat mich immer wieder motiviert, einzelne Passagen zu überdenken und mich noch präziser auszudrücken. Ich denke, dass die deutsche Übersetzung das Buch noch mehr zu dem gemacht hat, was es sein sollte.

Und, machen Sie das jetzt auch mit Ihren anderen Büchern?
(lacht laut auf) Oh, das ist wirklich ein Risiko! Ich bin nämlich ein bisschen besessen davon zu korrigieren.

Wie hat Ihnen bei der Wiederbegegnung mit sich selbst eigentlich Ihr jüngeres Ich gefallen, Ihre Schreibe von damals?
Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, das ich vor 30 Jahren während des Schreibens hatte. Wow, diese Frau spricht aus mir, aber sie ist nicht ich. Trotzdem spüre ich sie, fühle ich ihren Schmerz und ihre Wut. Ich hatte das Gefühl, dass ich sie einfach nur umarmen und ihr sagen wollte: »Keine Sorge, am Ende wird alles gut. Es ist nicht so schlimm, wie du denkst …« Aber natürlich ist es Literatur.

Sie sagten einmal: »Mich interessiert die emotionale Wahrheit, und die kommt in der Krise zum Vorschein.« In Ihren Büchern beschreiben Sie Emotionen unter dem Vergrößerungsglas. Gescheiterte Beziehungen, Besessenheit, Trennung. Lässt sich das vielleicht auch auf Israel selbst übertragen? Auf die Beziehungen verschiedener Gruppen zueinander oder auch ganzer Länder? Haben Sie das jemals so gesehen?
Ich habe nicht darüber nachgedacht, aber ich denke, Sie haben recht. Ich meine, in Israel zu schreiben, auch wenn ich nicht wirklich über die äußere Realität schreibe, macht natürlich alles viel emotionaler, viel extremer als in anderen Ländern. Ich schreibe über das Privatleben meiner Protagonisten, aber sie sind natürlich beeinflusst vom Leben da draußen, von dem, was da draußen vor sich geht. Also, ja, Israel hat einen großen Einfluss auf mein Schreiben, auch wenn ich mein Bestes getan habe, mein Schreiben nicht von Israel kontrollieren zu lassen.

Was kann Kunst in Zeiten von Katastrophen leisten? Was können Künstler heute tun angesichts des Gefühls, dass nichts von Bedeutung ist?
Ihre Frage erinnert mich an eine sehr interessante Debatte, die 1942 in Eretz Israel während des Zweiten Weltkriegs stattfand, als die schrecklichen Nachrichten aus Europa kamen. Die großen Dichter dieser Zeit – wie Nathan Alterman, Avraham Shlonsky –, sehr berühmte männliche Dichter, sehr einflussreich, sagten damals, dass Dichter und Schriftsteller in Zeiten des Krieges nur über den Krieg schreiben sollten, um den Krieg und die Soldaten zu unterstützen. Es gab eine einzelne Frau, die ihnen geantwortet hat: Lea Goldberg. Sie schrieb einen sehr schönen Artikel über dieses Thema, in dem sie sagte, dass es in Zeiten des Krieges nicht nur erlaubt sei, über Liebe, Momente der Schönheit, die Natur, über einfache Dinge zu schreiben, sondern dass es unsere Pflicht sei. Das Schreiben darüber sei viel wichtiger, als über den Krieg zu schreiben, weil diese Dinge uns an unsere Menschlichkeit erinnern. An das Leben, das wir früher einmal hatten. So kann es etwas vom Gefühl der Menschlichkeit zurückbringen. Ich denke oft darüber nach. Auf der einen Seite stimme ich ihr vollkommen zu. Aber auf der anderen Seite fühle ich mich einfach völlig gelähmt.

Wagen Sie, Hoffnung für eine bessere Zukunft zu haben?
Ich halte mich mit aller Kraft daran fest! In der Geschichte ist es schon vorgekommen, dass Kriege eine friedliche Realität geschaffen haben. So wie in Europa. Ich hoffe, dass wir erkennen, dass dies nicht ein Krieg zwischen Juden und Arabern ist, sondern ein Krieg zwischen Moderaten und Extremisten. Und dass fundamentale Extremisten eine Gefahr für die ganze Welt sind, nicht nur für Israel. Mein Traum wäre, dass die moderaten Kräfte sich zusammentun und wir uns gemeinsam gegen die Extremisten stellen.

Mit der israelischen Autorin sprach Sophie Albers Ben Chamo. »Nicht ich« ist Zeruya Shalevs erster Roman und erscheint nun auf Deutsch (Berlin Verlag, 208 S., 24 €).

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