Kulturkolumne

Das Hessenlied

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Kulturkolumne

Das Hessenlied

Wie aus einem Sowjetbürger ein Besser-Wessi wurde

von Eugen El  01.09.2025 17:55 Uhr

Kennen Sie eigentlich das Hessenlied? »Vom Main bis zur Weser, / Werra und Lahn / ein Land voller blühender Auen, / dort glänzen die Städte, / die wir alle sahn, / sind herrlich im Lichte zu schauen.« – So beginnt seine dritte Strophe. Nie gehört?

Bis vor Kurzem kannte ich das irgendwann um 1900 gedichtete, nach dem Zweiten Weltkrieg zur hessischen Landeshymne erhobene Lied auch nicht. Dabei lebe ich seit meiner Einwanderung nach Deutschland im Jahr 1997 als »Kontingentflüchtling« ununterbrochen in Hessen.

Kürzlich musste ich den kurz vor Halle an der Saale liegen gebliebenen Fernzug nach Frankfurt gegen eine Regionalbahn eintauschen. Ganze drei Stunden hat der Zug – »mit Halt an allen Unterwegsbahnhöfen« – bis Kassel-Wilhelmshöhe gebraucht. Als mir Sachsen-Anhalts und Thüringens pittoreske Dörfer und Landschaften nach 150 Minuten gemächlicher Fahrt zu viel wurden, machte ich die Karten-App meines Smartphones auf, um nachzusehen, wann der Zug endlich die sogenannten neuen Bundesländer verlässt.

Gelobtes Bundesland

Und kaum näherte sich auf der Karte die gestrichelte Linie, die den Wiedereintritt in das gelobte Bundesland verhieß, googelte ich Hessens Landeshymne. Mit einiger Emphase rezitierte ich daraufhin das Hessenlied – nicht nur für meinen lieben Begleiter hörbar. Seien Sie mir nicht böse, aber ich bin jedes Mal froh, wenn ich Ostdeutschland wieder verlasse. Denn irgendwann im Laufe meiner 28 Jahre in Deutschland muss ich zum Besser-Wessi mutiert sein!

Seien Sie mir nicht böse, aber ich bin jedes Mal froh, wenn ich Ostdeutschland wieder verlasse.

Ist es vielleicht bei einem der frühen Bonn-Besuche geschehen, als das bürgerliche Rhein-Städtchen noch einen Hauch Bundeshauptstadt-Flair versprühte?

Schließlich war schon der erste Kanzler der Bonner Republik ein bekennender Besser-Wessi: »Hinter Kassel beginnt die Walachei«, soll Konrad Adenauer einmal gesagt haben. Und das war noch nicht alles: »Wenn ich bei Magdeburg in die norddeutsche Tiefebene komme, beginnt für mich Asien«, bekundete der legendäre Bundeskanzler.

Eine Anekdote besagt, dass Adenauer auf Zugfahrten nach Berlin irgendwann – als draußen die Walachei begann – die Vorhänge zuzog. Der rheinländische Katholik mochte das Preußische samt seiner Hauptstadt nämlich gar nicht. Ich bin zwar weder Katholik, noch haben heutige Fernzüge Vorhänge – aber auch ich taue innerlich erst auf, wenn hinter den Zugfenstern endlich die Straßenzüge von Charlottenburg auftauchen: lieber Savoir-vivre am Savignyplatz als Platte in Plauen!

Plakative Ost-Allergie

Wahrscheinlich geht meine plakative Ost-Allergie auf meine ersten sieben Lebensjahre in der Sowjetunion zurück. Denn wer will schon an seine mühselig abgestreifte Herkunft erinnert werden? Zu genau kenne ich die sarkastisch als »Sowok« (russisch für »Kehrblech«) bezeichnete, auch im ehemaligen Ostblock verbreitete Sowjetmentalität – immer eine Spur zu grimmig, zu nörgelig, zu direkt.

Und so versuche ich, die mir erschreckenderweise bis heute als Ohrwurm präsente Sowjethymne mit dem Hessenlied wegzukriegen: »Ich grüß dich, du Heimat, / du herrliches Land. / Herz Deutschlands, / mein blühendes Hessenland.«

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