Robert Frank

Das eigene Leben im anderen

Robert Frank hat es sich nie leicht gemacht. Und das Leben hat es ihm in gleicher Münze zurückgezahlt. Man könnte meinen, es habe ein existenzieller Dauer-Ringkampf stattgefunden, den Robert Frank, wie alle Menschen, am Ende doch verloren hat. Aber aufgegeben hat er nie.

Geboren 1924 und behütet aufgewachsen in Zürich, haben Frank und seine Familie – sein Vater war ein jüdischer Innenarchitekt aus Frankfurt, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nach Zürich ausgewandert war – in der neutralen Schweiz die Schoa überlebt. Im Radio-Handel des Vaters hätte sich der junge Mann ins gemachte Nest setzen können, doch Frank wollte raus: raus aus den Erwartungen seiner Eltern, raus aus dem kleinen Land, in dem er sich gefangen fühlte.

PARIS Er hatte Foto-Retusche gelernt, verdiente bald Geld mit Fotos im ganz eigenen Stil. Er ging nach Paris, doch der Abstand war ihm nicht groß genug. Er musste raus aus den noch rauchenden Ruinen Europas, raus aus dem Kontinent, auf dem der antisemitische Massenmord möglich gewesen war.

1947 setzte er über nach Amerika, und dank seiner Fotomappe mit 40 Bildern landete er als Fotograf beim renommierten Modemagazin »Harper’s Bazaar«. Wenige Monate später kündigte er, denn da war sie wieder, die Enge. Frank arbeitete selbstständig und sicherte sich Aufträge bei großen Fotomagazinen wie »Life« und »Look«.

Robert Frank wollte raus aus der Schweiz, in der er sich gefangen fühlte.

Melting Pot Wie alles im Leben Timing ist, war dies der Moment, in dem sich die Weichen der unvorhersehbaren Karriere des jungen Schweizers zu stellen begannen. New York war ein sprudelnd-kochender »Melting Pot«. Jackson Pollock und Mark Rothko waren dabei, die Kunst zu revolutionieren, Charlie Parker den Jazz, und Jack Kerouac und Allen Ginsberg sollten bald die Literatur neu erfinden.

1950 heiratete Frank die Künstlerin Mary Lockspeiser. Das Paar bekam zwei Kinder, und als Frank ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung gewann – niemand Geringeres als Fotogott Walker Evans hatte den Nachwuchsfotografen vorgeschlagen –, ging die Familie gemeinsam auf Reisen. Was sich wie ein netter Ausflug anhört, war das mitunter knochenharte Abreißen von Tausenden von Meilen, von Küste zu Küste und zurück, währenddessen Frank nicht weniger zu porträtieren suchte als Amerika selbst. In Arkansas wurde er verhaftet, weil er »fremd« aussah und fotografierte. Drei Tage war er im Gefängnis. Natürlich machte er weiter, von New Orleans bis North Carolina.

SKANDAL In zwei Jahren entstanden 28.000 Fotos. 83 davon wählte er aus für sein Buch The Americans. Als Frank Jack Kerouac eine Auswahl der Bilder zeigte, war der davon so begeistert, dass er sich sogleich hinsetzte und das Vorwort schrieb. »Du hast den Blick!«, sagte er. Franks The Americans erschien ein Jahr nach Kerouacs On the Road. Und es war ein Skandal.

Die üblichen Verdächtigen im McCarthy-Amerika warfen dem Immigranten vor, »unamerikanisch« zu sein, denn Franks Schwarz-Weiß-Fotos kratzen den dünnen Putz vom strahlend-polierten, reichen, bombastischen Selbstbild der USA. Frank zeigte die Verlierer des amerikanischen Traums, die Einsamen, die Armen, die Verlorenen, die Schwarzen. Vor allem der Rassentrennung im Süden stand der europäische Jude schockstarr gegenüber. Und drückte immer wieder auf den Auslöser.

Einen beeindruckenden – und seltenen – Blick auf diese Bilder von Robert Frank präsentiert nun die Berliner Galerie C/O im Amerika-Haus. Die Klassiker aus The Americans zeugen von der künstlerischen Kraft, die die Fotografie im Nachkriegs-Amerika für immer verändert hat. Aber auch unbekanntere Werke Franks zeigt die Ausstellung – das Frühwerk, Bilder von seinen Reisen nach Europa und Südamerika.

»Es ist mein Leben, das mit mir durch Amerika gereist ist.«Robert Frank

Die Zeit zollte Franks Arbeit Bewunderung, zehn Jahre nach Veröffentlichung von The Americans überschlugen sich Kunstkritiker im Lob der Bilder, die ewige Augenblicke sind, gefrorene Bewegung, Lebensmomente, die alles sagen, doch nie wiederkehren. »Spontane Intuition« nannte Frank es selbst. Er sei sehr geduldig gewesen, sagte er, vor allem aber »immer bereit«. Den Fotos sei ein »neugieriges, existenzielles Staunen« eigen, urteilte die gefeierte Fotografin Diane Arbus. Eine ganze Generation von Fotografen habe es einfach »umgehauen, denn so etwas hatten sie noch nie gesehen«. Und das Selbstbild der Amerikaner änderte sich.

Franks Reaktion auf den Erfolg von The Americans war die Flucht nach vorn. Etwas anderes, raus aus der Enge eines Genres, in das man ihn stecken könnte. Film sollte es sein. Zusammen mit Kerouac machte er Pull My Daisy, Kino für die Beat-Generation. Roh und zutiefst poetisch waren auch die folgenden Kurzfilme. Und vor allem authentisch. Cocksucker Blues, seine Dokumentation über die US-Tour der Rolling Stones zum Album Exile on Main St. war sogar den Stones zu authentisch. Per Gerichtsbescheid wurde deren Veröffentlichung unterbunden.

Er zeigte die Verlierer des amerikanischen Traums, die Einsamen, die Armen.

Er habe die Reaktion der Band lächerlich gefunden, sagte Frank in einem der wenigen Interviews, die er je zuließ. Wenn die Kamera auf ihn selbst gerichtet war, wurde er ungehalten. »Ich will raus aus dem verdammten Bildausschnitt«, schrie er in Laura Israels Frank-Dokumentation Don’t blink von 2015. Auch zehn Jahre vorher, in Leaving home, coming home von Gerald Fox, rannte er aus dem Bild.

Judentum Wenn man ununterbrochen mit dem Leben ringt, wenn man versucht, diesem einen Leben, das man hat, einen Sinn abzuringen, muss man ein Sturkopf sein. Wie sonst hält man es ein Leben lang durch. In einem raren Moment in Fox’ Film spricht Frank über das Jüdischsein: »Es gibt dir eine besondere Empfindsamkeit und eine besondere Kraft, und wenn du stark genug bist, kannst du es nutzen.«

1970 hat Frank New York verlassen und lebte seitdem mit seiner zweiten Frau June in der schroff-schönen Einöde von Nova Scotia in Kanada. Er hat bis zum Ende gearbeitet. Dann ist er, am 9. September, aus dem Leben gerannt.

Robert Frank: »Unseen«. C/O Berlin, bis 30. November

Meinung

Antisemitische Verschwörungen, Holocaust-Relativierung, Täter-Opfer-Umkehr: Der Fall Samir

Der Schweizer Regisseur möchte öffentlich über seine wirren Thesen diskutieren. Doch bei Menschenhass hört der Dialog auf

von Philipp Peyman Engel  22.04.2024

Essay

Was der Satz »Nächstes Jahr in Jerusalem« bedeutet

Eine Erklärung von Alfred Bodenheimer

von Alfred Bodenheimer  22.04.2024

Sehen!

Moses als Netflix-Hit

Das »ins­pirierende« Dokudrama ist so übertrieben, dass es unabsichtlich lustig wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.04.2024

Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

Obwohl sein Antisemitismus bekannt war, hat in der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne kein Autor mehr Wirkung entfaltet

von Christoph Schulte  21.04.2024

TV

Bärbel Schäfer moderiert neuen »Notruf«

Die Autorin hofft, dass die Sendung auch den »echten Helden ein wenig Respekt« verschaffen kann

von Jonas-Erik Schmidt  21.04.2024

KZ-Gedenkstätten-Besuche

Pflicht oder Freiwilligkeit?

Die Zeitung »Welt« hat gefragt, wie man Jugendliche an die Thematik heranführen sollte

 21.04.2024

Memoir

Überlebenskampf und Neuanfang

Von Berlin über Sibirien, Teheran und Tel Aviv nach England: Der Journalist Daniel Finkelstein erzählt die Geschichte seiner Familie

von Alexander Kluy  21.04.2024

Glosse

Der Rest der Welt

Nur nicht selbst beteiligen oder Tipps für den Mietwagen in Israel

von Ayala Goldmann  20.04.2024

Frankfurt am Main

Bildungsstätte Anne Frank zeigt Chancen und Risiken von KI

Mit einem neuen Sammelband will sich die Institution gegen Diskriminierung im digitalen Raum stellen

von Greta Hüllmann  19.04.2024