»Aus der Zeit fallen«

Das Buch Uri

Uri Grossman war nicht dabei: Israelische Soldaten kehren 2006 aus dem Libanon heim. Foto: Flash 90

Im Sommer 2006 ereilte den Schriftsteller David Grossman und seine Frau die Nachricht vom Tod ihres Sohnes Uri. Ihr Zweitgeborener war beim Rückzug seiner Panzereinheit von einer Hisbollah‐Rakete getötet worden, buchstäblich in den letzten Stunden des Libanonkrieges. Grossman arbeitete gerade an der Schlussfassung seines Romans Eine Frau flieht vor einer Nachricht, in dem sich die Protagonistin in allerlei Aktivitäten, Ablenkungen, Neben‐Leben und Verknüpfungen flüchtet, nur damit sie nicht etwa ruhig zu Hause säße und Fremde an die Tür klopften, um ihr den etwaigen Tod ihres Sohnes mitzuteilen.

erinnerungsschmerz Doch dann sitzt in der Wirklichkeit ein Ehepaar wortlos am Küchentisch: Sinnlos gewordene Lebenszeit für beide, ab nun für immer Totenzeit für den Sohn. Mit dieser Szene beginnt David Grossmans 2011 in Israel erschienenes und von Anne Birkenhauer skrupulös in kongeniales Deutsch übersetztes Aus der Zeit fallen. Der Sohn bleibt auf ewig jung, während die Eltern nicht einmal mehr das Gedächtnis als Zuflucht haben. »Ich sage ihm: Um eines würde ich dich gern bitten: Ich möchte trennen die Erinnerung vom Schmerz; zumindest den Teil, den man trennen kann, denn sonst ist die Vergangenheit für immer schmerzgedrängt. Dann könnte ich, verstehst du, auch öfter an dich denken, und fürchtete nicht jedesmal den Schmerzbrand der Erinnerung.«

Diese Zurufe, Klagen und Selbstvergewisserungen sind im Zeilenbruch geschrieben, eine konzentrierte lyrische Prosa. Man könnte fragen, was derlei ästhetische Erörterungen sollen angesichts eines solchen Schicksalsschlages. Präziser aber wäre die Frage, was sie vermögen, was Literatur überhaupt leisten kann angesichts der Unzulänglichkeit der beschwörenden Worte. »Nach einer Weile, was ich auch tu, erstarrst du.

Immer wieder muss ich dich herausmeißeln aus den Steinhüllen, in denen du steckst.« Doch selbst bei partiellem Gelingen gibt es weder Rettung noch Trost: »Dabei schmerzt es nicht weniger, wenn’s mir gelingt, wenn Vorstellungskraft den Steinblock sprengt.« Was der Leser erwartet, ist nämlich nicht unbedingt deckungsgleich mit dem, was der Autor, ein trauernder Vater, sich als Anspruch stellt. Mögen bei der Lektüre auch gerade jene Passagen am tröstlichsten scheinen, die den namenlos bleibenden Sohn mit sinnlich nachvollziehbaren Details wieder lebendig werden lassen – ihr Verfasser muss gerade da fürchten, die noch verbleibenden Erinnerungsbilder durch stilistisches Kolorieren zu verfälschen.

stimmen Geschrieben ist Aus der Zeit fallen wie ein Hörstück oder Drama für viele Stimmen. Den Eltern ist nur für Augenblicke vergönnt, die Illusion der Vergegenwärtigung zu hegen. »… wie er geschwitzt hat, nach dem Spiel, erinnerst du dich, ganz und gar glühend und entflammt … für jede Jahreszeit hatte er einen Geruch, den Erdgeruch von Herbstausflügen und den Regengeruch, der aus Wollpullis steigt … oder wenn er vom Strand zurückkam, mit Salzgeruch im Haar …«

Dieser Dialog, mit dem das Ehepaar gegen seine wechselseitige Entfremdung anredet, wird kommentiert von einem »Chronisten der Stadt«, dem sich im Laufe der Handlung noch andere hinzugesellen, mythisch wirkende Gestalten namens »Frau im Netz«, »Herzog«, »Zentaur« oder »Hebamme«. Zeile für Zeile wird danach offenbar, dass auch sie Kinder verloren haben und mit ihren Verlusten … ja was? Umgehen müssen, sie verarbeiten? Die billigen Wundpflaster der Floskelsprache helfen ebenso wenig wie das Kryptische und Hermetische. Was bleibt, höchstens, ist eine Zärtlichkeit, die im Bunde ist mit illusionsloser Genauigkeit: »Und jetzt sag aus vollem Herzen: ich – (Verdammt, jetzt kapier ich’s: Auch dieses Fürwort ging mir mit dir verloren und starb; nur ›er‹ und ›du‹ und ›uns‹ sind noch geblieben – doch ›ich‹ sagt keiner mehr mit deiner Stimme; auch das – auch das ist jetzt vorbei.)«

Im Nachwort zu Eine Frau flieht vor einer Nachricht wurde der gesamten Einheit gedacht, die damals ums Leben gekommen war: Uri Grossman, Benaja Rein, Adam Goren, Alex Bonimovitsch. Aus der Zeit fallen setzt ihnen kein Denkmal, das sie versteinern würde. Ihren Eltern aber macht David Grossman ein Geschenk, ein Angebot, wie es allein große, existenziell entscheidende Literatur vermag: Das Wort, das Gedächtnis ist und gleichzeitig transzendiert. Mehr ist in dieser Welt nicht möglich.

David Grossman: »Aus der Zeit fallen.« Übersetzt von Anne Birkenhauer. Hanser, München 2013, 127 S.,16, 90 €

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