Literatur

Das Böse hat mitunter auch ein sanftes Gesicht

Ayelet Gundar-Goshen Foto: Chris Hartung

Literatur

Das Böse hat mitunter auch ein sanftes Gesicht

Das neue Buch »Wo der Wolf lauert« von Ayelet Gundar-Goshen spielt in den USA – ein Thriller um Israelis in der Diaspora

von Carsten Hueck  17.08.2021 11:38 Uhr

»Das ausschließlich Gute und das ausschließlich Böse – das gibt es nur bei Walt Disney. Aber nicht in der Politik. Und auch nicht in der Literatur«, sagt Ayelet Gundar-Goshen. Die Enddreißigerin, Mutter zweier Kinder, arbeitet als Psychologin in Tel Aviv. Und schreibt erfolgreich Drehbücher und Romane. Wo der Wolf lauert, ihr vierter, ist eben erschienen und hat das Zeug zu einem Bestseller.

»Ich liebe diesen Moment in der Literatur, wenn jemand etwas Schlechtes tut. Die wichtigste Regel für einen Autor – übrigens auch für eine Psychologin – besteht aber darin, die Figur oder den Patienten nicht zu verurteilen. Ich will herausfinden, warum jemand auf eine bestimmte Weise agiert.« Wie auch schon in den Vorgängerromanen Löwen wecken und Lügnerin entwickelt Gundar-Goshen ihre Geschichten aus einer Alltagssituation heraus. Mit Charakteren, die ein unauffälliges Leben führen, bis plötzlich etwas geschieht, das alles Vertraute infrage stellt und die handelnden Personen immer ambivalenter erscheinen lässt.

SILICON VALLEY Der Leser wird schockiert, verunsichert und herausgefordert. In Wo der Wolf lauert führt die Autorin ins Silicon Valley. Lilach und Michael Schuster sind aus Israel in die USA gezogen. Er, weil er nach seiner Militärzeit bei der Sayeret Matkal als Programmierer Karriere macht und es zum Vize in einer IT-Firma bringt, die Waffensysteme für das Pentagon entwickelt. Lilach, weil sie nach einer Fehlgeburt in der Zeit der Zweiten Intifada beschlossen hat, ihren Sohn Adam an einem sicheren Ort aufwachsen zu lassen.

»Wir haben ein Kind in den USA großgezogen. Haben seine israelische Identität im Schrank verstaut, zusammen mit den Fußballpokalen, die Michael vom Gymnasium aufbewahrt – zur Erinnerung, nicht weil sie irgendeinen Nutzen hätten.« Die israelische Identität – was macht sie aus? Was nutzt sie außerhalb von Israel? Mit der jüdischen Gemeinde vor Ort ist die Familie Schuster nur locker verbunden. Lilach lässt sich Lila nennen, weil die Amerikaner Schwierigkeiten mit der Aussprache ihres israelischen Namens haben. Adam hat im Alter von sieben seine Mutter aufgefordert, in der Öffentlichkeit nicht mehr Hebräisch mit ihm zu sprechen. Er ist jetzt 16, ein ganz normaler Teenager.

ANSCHLAG Bis plötzlich ein antisemitischer Anschlag auf eine Synagoge in der Nachbarschaft auch die Schusters daran erinnert, dass man zwar den Raketen der Hisbollah entkommen kann, nicht aber der Gefahr, als Jude in der Diaspora zu leben. Das Gefühl der Bedrohung wächst, als auf einer Schüler­party ein junger Schwarzer zu Tode kommt und Adam dafür verantwortlich gemacht wird. Antisemitische Graffiti tauchen auf, ein Stein zertrümmert die Scheibe seines Elternhauses, das auch noch von der Drogenfahndung durchsucht wird.

In dieser Situation werden alte Ängste bei Lilach getriggert. Adam hingegen schließt sich einer Art Selbsthilfegruppe an. Uri, ebenfalls Israeli, ehemaliger Kampfsoldat wie Adams Vater, unterrichtet im Valley jüdische Kinder in Krav Maga und Überlebenstraining. Seine ruhige, fürsorgliche Art in Kombination mit konzentrierter Männlichkeit fasziniert Adam, der plötzlich seine israelischen Wurzeln entdeckt. Während er Gesprächen mit den Eltern ausweicht, vertraut er sich Uri an.

VERDACHT Und an dieser Stelle ist man Ayelet Gundar-Goshen längst ins Netz gegangen. Nun zieht es sich langsam zusammen: Es gibt eine erotische Anziehungskraft zwischen Lilach und Uri. Es gibt eine verborgene Beziehung zwischen Adam und dem toten schwarzen Jungen. Es gibt den begründeten Verdacht der Mutter, ihr Sohn könne tatsächlich etwas mit dessen Tod zu tun haben.

Der Roman wird zum Thriller. Souverän verbindet die Autorin Motive, sät Misstrauen. Mit psychologischer Raffinesse schafft sie eine Atmosphäre der Unsicherheit, zeigt die Doppelgesichtigkeit ihrer Figuren. Keine von ihnen ist so, wie sie erscheint. Und am Ende ist der Gute der Böse, doch das Opfer nicht nur Opfer und Adam auf dem Weg nach Israel. »Relocation« ist der Originaltitel dieses furiosen und spannenden Romans, eine herrliche literarische Herausforderung, immer wieder neu seinen Standpunkt zu überprüfen – und zu wechseln.

Ayelet Gundar-Goshen: »Wo der Wolf lauert«. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2021, 347 S., 25 €

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