Kino

Das Bild der alten Dame

Es war ein Rekordpreis – zumindest im Juni 2006: 135 Millionen Dollar bezahlte Ronald S. Lauder für das dick mit Silber- und Blattgold belegte Ölgemälde »Adele Bloch-Bauer I« von Gustav Klimt – in Österreich bekannt als »Goldene Adele«. Seitdem hängt das 1938 von den Nazis geraubte Porträt der österreichischen Jüdin Adele Bloch-Bauer, ab 1941 in der österreichischen Nationalgalerie ausgestellt, in Lauders Neuer Galerie in New York. Vorangegangen war ein bitterer Rechtsstreit der Erbin Maria Altmann gegen die Republik Österreich bis vor das Oberste Gericht der USA und ein Schiedsgericht in Wien.

Ein Stoff, wie geschaffen für einen Hollywood-Film: Raubkunst, bestohlene Juden, bösartige Österreicher und ein kleiner amerikanischer Anwalt, der den Fall seines Lebens gewinnt. An diesem Donnerstag kommt Woman in Gold mit Helen Mirren in der Hauptrolle, in den USA bereits Anfang April angelaufen, auch in die deutschen Kinos.

berlinale Eine Produktion, an der es, wenn man möchte, einiges auszusetzen gibt: viel Pathos, wenig Zwischentöne, zu viel Streicherkitsch bei den Rückblenden. Doch der lange und begeisterte Applaus nach der Weltpremiere während der Berlinale im Februar diesen Jahres im Friedrichstadt-Palast war mehr als verdient – vor allem für Helen Mirren (69), eine Idealbesetzung der über 80-jährigen Maria Altmann, die 1938 aus Österreich in die Vereinigten Staaten geflohen war.

»Sie war eine lustige, sexy, weise, menschliche, ganz große Frau«, sagte Mirren in Berlin über Maria Altmann, die 2011 starb. Leider habe sie sie nicht mehr kennengelernt: »Ich weiß aber, dass es für sie eine enorme Genugtuung war, Klimts Bild zurückzubekommen.«

Spröde, eigenwillig und scharfsinnig: Es ist einfach ein Genuss, die Britin Mirren in der Rolle der österreichischen Emigrantin Altmann zu sehen – einer Boutiquebesitzerin in Los Angeles, die sich geschworen hat, nie in ihre alte Heimat Wien zurückzukehren. Unter ihre behütete Kindheit und Jugend in einer großbürgerlichen Familie, so glaubt sie, hat Maria Altmann längst einen Schlussstrich gezogen – bis der Kampf um die »Goldene Adele« sie dazu bringt, sich ihrer Geschichte zu stellen. Sehr emotional inszeniert sind vor allem die Rückblenden ins Wien der 30er-Jahre – und vor allem die Szene, in der die junge Frau sich kurz vor ihrer Flucht 1938 von ihren Eltern verabschiedet, nicht wissend, ob es ein Wiedersehen geben wird.

starrsinn Der Rechtsstreit wird so auch zu einem Mittel, sich dem Schuldgefühl als Überlebende zu stellen: Erst 50 Jahre später, nachdem sie aus dem Hausarrest in der von Nazis bewachten Wohnung fliehen und über einen Keller entkommen konnte, erhebt Altmann als Erbin ihres Onkels, des jüdischen Kunstsammlers Ferdinand Bloch (dem Witwer der von Klimt porträtierten Adele), Anspruch auf das Porträt ihrer Tante, das die Österreichische Galerie Belvedere mit fadenscheinigen Ausreden auf keinen Fall wieder herausgeben wollte. »Sie ist die Mona Lisa von Österreich«, lässt Regisseur Simon Curtis den Wiener Investigativjournalisten Hubertus Czernin (Daniel Brühl) sagen. Der Halsstarrigkeit der österreichischen Behörden und der wenig hilfreichen Bundesministerin Elisabeth Gehrer setzt Altmann ihren eigenen Starrsinn entgegen, der sich schließlich auszahlt: »Dann verklagen wir halt Österreich!«

Schritt um Schritt und emotional packend lässt der Regisseur Curtis den Zuschauer das juristische Drama mitverfolgen und auf die Niederlage ihrer Gegner hoffen. Doch als die alte Dame schließlich gesiegt hat, mischt sich Trauer in die Freude: Den Verlust der Welt ihrer Jugend kann alles Geld nicht rückgängig machen.

Neben Helen Mirren ist auch Frauenschwarm Ryan Reynolds in der Rolle des linkischen Juristen, der sich erfolgreich durch alle Instanzen klagt, ein Glücksgriff des Regisseurs. Der junge Anwalt Randol Schoenberg ist Enkel des Komponisten Arnold Schönberg – Amerikaner mit österreichischen Wurzeln wie Maria Altmann. Die immer verständnisvolle Gattin des Anwalts, der sein ganzes Vermögen in den Fall investiert, um später selbst ein Vermögen zu machen, spielt Katie Holmes.

beachtlich Dass der Deutsche Daniel Brühl den früh verstorbenen österreichischen Investigativjournalisten Hubertus Czernin nicht allzu authentisch verkörpern kann, dürfte eher österreichische als deutsche Zuschauer stören. Quantitativ ist das Aufgebot an deutschen Darstellern jedenfalls beachtlich: Einen Gastauftritt hat Moritz Bleibtreu als Gustav Klimt mit Vollbart. Außerdem zu sehen: Tom Schilling, Nina Kunzendorf und Justus von Dohnányi.

Natürlich vereinfacht der Film die komplizierte juristische Auseinandersetzung: Nach Altmanns Sieg vor Gericht wurden 2006 ein weiteres Bloch-Bauer-Porträt und drei Landschaftsbilder bei Christie’s für 193 Millionen Dollar versteigert. Die Erbin spendete einen Großteil der Erlöse für wohltätige Zwecke. »Sicher, das Resultat ist sehr schön, aus finanzieller Sicht«, hatte Maria Altmann 2006 der »Weltwoche« gesagt. »Aber das können Sie mir glauben, auch wenn viele Österreicher mich als geldgierige Jüdin sehen, es ging mir nie ums Geld, es ging mir einzig darum aufzuzeigen, dass Gerechtigkeit ausgeübt werden kann.«

Auch Ronald S. Lauder (Ben Miles) hat einen Gastauftritt in Woman in Gold – der heutige Präsident des World Jewish Congress hatte Maria Altmann nahegelegt, sich lieber einen erfahrenen Anwalt als Schoenberg zu suchen. Davon, dass Altmann es vorzog, bei ihrem »Schuljungen« zu bleiben, profitieren Kunstfans noch heute. Die »Goldene Adele« in der Neuen Galerie in New York wird bis September in einer Sonderausstellung zum Film gezeigt.

www.neuegalerie.org

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