Oper

»Da ruft mich jemand«

Auf der Bühne: Florian Wugk als Peter van Pels, Susanna Edelmann als Anne Frank und Jan Friedrich Eggers als Otto Frank (v.l.) Foto: Bettina Stoess

Peter ist wieder da. Ist zurück in Osnabrück. In der Stadt, wo er am 8. November 1926 geboren wurde, wo er zur Schule ging, wo er zu Hause war. Er könnte tatsächlich noch leben. Denn 100 Jahre alt werden, ist möglich. Doch Peter van Pels ist keine 19 geworden. Er starb am 10. Mai 1945 im kurz zuvor von US-Truppen befreiten Konzentrationslager Mauthausen. Nach einem »Todesmarsch« ab Auschwitz, nach der vorherigen Deportation aus dem Durchgangslager Westerbork in den besetzten Niederlanden, nach der Entdeckung eines Verstecks in Amsterdam, das zwei Jahre lang sicher gewesen war.

Hätte Peter van Pels überlebt, könnte er ein Zeuge auch jener Zeit sein, die er mit seinen Eltern im Hinterhaus an der Prinsengracht verbrachte. Auf allerengstem Raum, ein Nachbar der Familie Frank, ein Gegenüber der beiden Töchter und für die Jüngere die erste große Liebe. »Behalte den gestrigen Tag, er ist sehr wichtig für mein ganzes Leben«, schreibt Anne Frank an die »liebe Kitty« in ihr Tagebuch und erzählt von dem Glück, ihren allerersten Kuss bekommen zu haben. Von Peter, der vom langweilig-schüchternen »Lulatsch« zum echten Gefährten wird, zum Verbündeten in einem engen Kosmos einer gefährlichen Welt.

Peter wurde vom langweilig-schüchternen »Lulatsch« zum echten Gefährten

Im Jahr des 100. Geburtstags von Peter van Pels erzählen nun andere aus dem Leben des jüdischen Jungen aus Osnabrück. Einer von ihnen ist der Komponist Anno Schreier. Ihn hat das Theater der Stadt beauftragt, auf der Basis von Peters Geschichte eine Oper zu schreiben. Peter van Pels feierte vor Kurzem eine viel beachtete Premiere im Theater am Domhof; weitere Aufführungen folgen bis zum 18. Dezember.

Die Initiative für das »Projekt Peter« ging vom Intendanten des Theaters aus. Fast zufällig sei er darauf gestoßen, dass der Jugendfreund von Anne Frank ein Sohn der Stadt gewesen ist, berichtet Ulrich Mokrusch in einer Einführung im Opernfoyer. Als er feststellte, dass er selbst kaum einen Steinwurf entfernt vom Haus der Familie van Pels lebt, sei bei ihm das Gefühl einer Unmittelbarkeit entstanden: »Da ruft mich jemand.«

Mokrusch spürte dem nach, sah und hörte hin – und setzte als Regisseur die Idee mit seinem Team und weiteren Beteiligten um. Die Stärke der Oper liegt in ihrer inhaltlichen Verdichtung. Episodenhaft zeichnet sie die Biografie von Peter van Pels nach, konzentriert sich auf den Übergang vom unbeschwerten Jungenleben in Osnabrück zum erzwungenen Rückzug in das Amsterdamer Versteck und endet mit der Verschleppung ins Lager.

Die Stärke der Oper liegt in ihrer inhaltlichen Verdichtung

Diese äußeren wie inneren Veränderungen spiegeln sich in Schreiers Musik, die versucht, die damalige Stimmung der Protagonisten aufzugreifen, die ja durchaus hoffnungsvolle Momente hatte. Der Zufluchtsort schien sicher, der Sieg der Alliierten nah, eine Zukunft möglich. Doch der Schein trügt. Das zeigt sich in manch dissonanter Schärfe, in abrupten Brüchen, in hochemotionalen Arien von grundtrauriger Verzagtheit.

Auf der Bühne agieren, neben dem wie in einem antiken Drama kommentierenden Chor, vier Personen: Peter (Florian Wugk), Anne (Susanna Edelmann), Auguste van Pels (Susann Vent-Wunderlich) und Otto Frank (Jan Friedrich Eggers). Damit konzentriert sich die Wahrnehmung auf eine Art Dopplung. Jung und älter, Mann und Frau, Vater und Tochter, Mutter und Sohn, ein Wir und ein Ihr. Es kriselt, knistert und kracht. Denn diese vier Menschen sind erst einmal keine Heldinnen und Helden, sondern sind wie du und ich, stark und schwach. Das erleichtert die Identifikation. Die Grenzen zwischen dem Gestern und dem Heute verschwimmen.

Der schöne Schein trügt. Das zeigt sich in manch dissonanter Schärfe, in abrupten Brüchen.

Diesen Eindruck verstärkt auch der neu geschaffene Audiowalk »Auf Peters Spuren«, der mit seinen lebendigen Hörspielszenen eine Gleichzeitigkeit vermittelt, die Verschwundenes sichtbar macht. Er führt zu einigen Osnabrücker Stationen des Peter van Pels: zur Wohnung der musikliebenden Tante Clara, zur Villa am Heger-Tor-Wall (damals Sitz der NSDAP), zum Ort der einstigen Synagoge, ins Katharinenviertel, wo das jüdische Leben pulsierte, und schließlich zum Wohnhaus der Familie an der Martinistraße 67a.

Dort erinnern Stolpersteine an Auguste, Hermann und Peter van Pels. Sie bilden eine Brücke von der Vergangenheit ins Hier und Jetzt und sind auch Bezugspunkt für ein tragendes inszenatorisches Element der Oper. Denn über der spiral­artig angedeuteten Rampe, die auf der Bühne Symbol für so vieles ist, projiziert die Regie Fotos auf die bronzene Fläche eines riesigen Steins.

»Ich komme zurück«, sagt Peter in der Fiktion. Das Versprechen lösen andere nun ein: das Theater Osnabrück, die Gesellschaft für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit, die Jüdische Gemeinde und weitere Unterstützer in Stadt und Land. Zum 100. Geburtstag von Peter van Pels wird es am Sonntag, den 8. November, ab 11.30 Uhr eine Matinee im Theater am Domhof geben. Beteiligt sind unter anderem der Historiker Gertjan Broek von der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam sowie Jugendliche aus Osnabrücker Schulen. Zu Gast ist an diesem Tag auch die Schoa-Überlebende Eva Weyl.

Weitere Aufführungen der Oper am 8. und 26. November sowie am 4. und
18. Dezember

Tobias Korenke

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