Wuligers Woche

Da hilft auch kein Beton

Thema Sicherheit: Wie effektiv die Blöcke und Poller tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Foto: Thinkstock

Beton – es kommt drauf an, was man draus macht» hieß in den 80er-Jahren ein Werbespruch des Bundesverbandes der Deutschen Zementindustrie. Man kann aus Beton zum Beispiel das Holocaust-Mahnmal nachbauen und Herrn Höcke von der AfD vors Haus stellen. Das hat etwas von einem pubertären Schülerstreich, bringt einen aber in die Medien. Herrn Höcke allerdings auch, womit zu der Aktion des Berliner «Zentrums für politische Schönheit» von voriger Woche auch schon alles gesagt wäre.

Beton macht in diesen Tagen eh in anderen Zusammenhängen Schlagzeilen. Die Weihnachtsmärkte in den großen Städten werden rundum mit Betonblöcken und -pollern gesichert. Kein Islamist am Steuer eines Lkws soll, wie vergangenes Jahr in Berlin, wieder Dutzende von Menschen ermorden können. Sie haben, versichern die zuständigen Behörden, aus dem Fall Amri gelernt. Lernen können hätten sie zwar auch schon vor dem Massaker vom Breitscheidplatz – Stichwort Nizza –, aber besser spät als nie.

Skeptiker Wie effektiv die Blöcke und Poller tatsächlich sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Skeptiker spötteln, sie könnten bestenfalls einen Smart aufhalten. Ein leitender Sicherheitsbeamter hat mir allerdings versichert, die Barrieren seien weitaus wirksamer, als sie auf den ersten Blick wirken. Man habe die Praxis anderer Länder studiert, unter anderem auch die Israels, das mit Terrorismus bekanntlich besonders viel Erfahrung hat.

Der Vergleich mit Israel hinkt allerdings. Zwar werden auch im jüdischen Staat Menschen und Objekte mit zum Teil aufwendigen Maßnahmen vor Anschlägen geschützt. Aber die technische Seite ist dort nur ein Aspekt der Terrorabwehr. Wichtiger als Barrieren ist die ständige Wachsamkeit der Bürger. Jeder Israeli ist sich bewusst, dass jederzeit und überall arabische Killer zuschlagen können. Darauf sind die Menschen in Tel Aviv, Jerusalem oder Haifa ständig vorbereitet. Und das, ohne in Hysterie oder Wehleidigkeit zu verfallen. Resilienz nennt man das in der Psychologie: die Fähigkeit, Krisen seelisch zu bewältigen und an ihnen zu wachsen.

Würzburg In Deutschland hingegen … Hier widersteht man nicht dem Terrorismus, man verdrängt ihn. Trotz der tödlichen Attacken von Berlin, Ansbach, Würzburg und München 2016 wiegt der deutsche Michel sich, wie’s scheint, noch immer in der schönen Illusion, Terror sei etwas, das anderswo passiert.

Die Sicherheitsbehörden können ihr Bestes versuchen (man hofft jedenfalls, dass sie es tun); es nützt wenig, wenn bei Bevölkerung und Politik eine Kopf-in-den-Sand-Mentalität vorherrscht. In der Hauptstadt etwa ist die am leidenschaftlichsten diskutierte Frage bei den Betonbarrieren nicht, wie effektiv sie schützen, sondern, wer sie bezahlen soll.

Die Häufigkeit von Anschlägen ist in Israel um ein Vielfaches höher als hierzulande. Und dennoch fühle ich mich auf dem Carmelmarkt in Tel Aviv sicherer als auf dem Berliner Breitscheidplatz. Da hilft auch kein Beton.

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