Berlin

»Clärchens bleibt Clärchens«

Yoram Roth vor dem neu eröffneten Clärchens Ballhaus Foto: Clärchens Ballhaus

Herr Roth, seit eineinhalb Wochen hat Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte wieder geöffnet. Was würde Günter Schmidtke, der legendäre und kürzlich verstorbene Garderobier, dazu sagen?
Ich glaube, er würde sich freuen, denn es kommen wirklich die gleichen Leute wie vorher ins Clärchens. Es klingt vielleicht wirklich nach einem Klischee, aber wenn ich sehe, wer alles bei uns zu Gast ist – von den alten Damen über Fashion Punks bis hin zu kleinen Kindern, und mir macht es obendrein auch Spaß –, dann freut es mich. Viele hatten Sorge, dass es zu schick wird, was ich verstehen kann, aber das wollen wir alle nicht. Wir wollen, dass sich alle wohlfühlen.

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Das Motto des Ballhauses ist »Clärchens – Tradition seit 1913«. Was bedeutet Ihnen diese Tradition?
Das Haus hat ja mehrere Phasen durchlebt: Es eröffnete 1913. Es war einer der letzten Orte in Deutschland, die noch nicht im kompletten Chaos versunken waren. In den 20er-Jahren, nach dem Krieg und zu DDR-Zeiten war das Haus immer anders. Das Einzige, was sich wirklich durchzieht, ist, dass die Leute hier getanzt haben, und dass jeder hier willkommen war. Es gab nie einen Moment, in dem Clärchens zu den schicksten oder den heruntergekommensten Orten in Berlin zählte. Es war immer alles gleichzeitig.

Das Ballhaus liegt mitten im alten Scheunenviertel. Was verbinden Sie mit der Umgebung?
Sie hat einen Wandel durchlaufen, den ich zeitlich nicht komplett nachvollziehen kann, weil ich nicht vor Ort war. Mein Vater ist 1933 in der Schönhauser Allee geboren, meine Mutter 1940 in der Linienstraße – insofern ist natürlich auch die Verbindung zum Scheunenviertel vorhanden, das ja auch eine sehr jüdische Ecke war. Wobei Clärchens nie wirklich jüdisch war. Ich kenne ein paar Fotos von damals vom Laden meiner Mutter in der Linienstraße. Ich habe diesen Teil Berlins erst nach dem Fall der Mauer kennengelernt, und da hat sich schon einiges geändert.

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Durchweg immer zum Positiven?
Ja. Alle Veränderungen, die in Berlin stattgefunden haben, finde ich positiv. Wir waren bisher in der Lage, eine tolle Stadt aufzubauen. Ich bin hier geboren. Es gab Jahre, in denen haben wir gehofft, dass wir endlich mal gute Arbeitsplätze finden. Die haben wir jetzt. Es kommen immer mehr dazu. Trotzdem sind auch die freien Kultur- und Kunstschaffenden ein aktiver Teil dessen, was Berlin attraktiv macht. Wir haben die Klublandschaft, die Berlin prägt und diese Stadt definiert.

… und die jetzt gefährdet ist.
Was nach Corona passiert, macht mir Sorgen. Ich habe Angst, dass das unser Hurrikan Katrina war. Unsere Aufgabe ist es, den Spagat hinzubekommen zwischen den tollen Jobs aus der Hightech-Branche und dem freischaffenden Kulturleben. Wir brauchen beides: diese Jobs und die Kulturlandschaft, zu der auch die Klubs gehören.

Sie haben Ende Juni an der »Night of Light« teilgenommen, die auf die finan-zielle Krise der Branche aufmerksam machen wollte.
Wir wollen die Einschränkungen, die es jetzt gibt, ja nicht frühzeitig beenden, denn wir müssen uns diesem Virus so stark wie nur möglich entgegenstellen. Trotzdem tun diese Maßnahmen den Menschen in der Kulturbranche sehr weh und sind existenzbedrohend. Wir haben sehr vieles in Deutschland richtig gemacht, haben die Kurve flach gehalten. Aber dieser Teil des Lebens, der den hedonistischen Lebensstil Berlins so mitgeprägt hat, der fehlt uns.

Zurück zu Clärchens Ballhaus: Was hat Sie bewogen, das Haus zu übernehmen?
Es ist ein bewusster Schritt nach vorne, mit dem ich dazu beitragen will, dass wir in Berlin diesen kulturellen Spagat hinbekommen. Ich liebe Berlin, und ich denke, man unterstützt die Stadt am besten, indem man solche Orte am Leben erhält und sie beschützt. Ganz so altruistisch wie das klingt, ist es natürlich nicht, denn ich möchte hier auch ein tolles Restaurant haben, einen tollen Ballsaal. Aber es geht schon darum, einen Pflock in den Boden zu schlagen und zu sagen: Wir bleiben Berlin.

Die Emotionen kochten nach Ihrer Ankündigung, das Haus zu übernehmen, sehr schnell sehr hoch.
Ich war sehr verwundert, dass dieser Schritt so missverstanden wurde. Aber das ist okay: Viele kannten mich nicht, und ich weiß, dass Clärchens geliebt wird. Die Petition, die von vielen unterschrieben wurde, zeigte mir, dass sich die Leute Sorgen um das Haus gemacht haben. Und wenn wir einmal ehrlich sind: Es gibt genügend Orte in Berlin, die auf eine Art renoviert, restauriert und gentrifiziert wurden, dass sie nicht wiederzuerkennen waren.

Wie wirkt das Wort »Gentrifizierung« auf Sie?
Ich sehe es nicht als Schimpfwort. Ich weiß, dass es in Berlin als solches gesehen wird – da ist die Stadt vielleicht auch ein wenig naiv. Ich habe in New York, London und anderen Städten gelebt und gesehen, wie sie sich über die Zeit verändern. Die Gentrifizierung kommt mit tollen Arbeitsplätzen und auch mit tollen Restaurants. Vor zehn Jahren konnte ich nur wenige Restaurants in Berlin empfehlen. Wenn wir heute im »tip Berlin« über Food-Themen schreiben, haben wir Hunderte Restaurants. Da hat sich vieles getan.

Welches Food-Konzept haben Sie für das Clärchens?
Wir kochen Berliner Hausmannskost. Wir nehmen die Klassiker und modernisieren sie etwas. Clärchens muss Clärchens bleiben. Das bedeutet auch, dass das Essen bezahlbar sein muss. Wir sind mit unseren Gerichten so lokal und so biodynamisch wie möglich, und wir passen die Karte saisonal an.

Ihr Vater, Rafael Roth, ist ein Kind des Prenzlauer Bergs gewesen. Die Familie musste aus Berlin fliehen. Wie hat er sich an seine Kindheit erinnert?
Mein Vater ist im November 1933 geboren und im Herbst 1938 geflohen. Seine Kindheit in Berlin war bis zur Flucht sehr geborgen. Die Familie fuhr nach Sylt, nach Rügen, nach St. Moritz. Es waren deutsche Juden, die weder Jiddisch noch Hebräisch, sondern Deutsch sprachen. Mein Urgroßvater David Roth hatte viele Wohnimmobilien im Prenzlauer Berg, und eines dieser Gebäude war in der Schönhauser Allee, in der die Familie mehrere Wohnungen hatte. Die Roths lebten alle dort. Mein Vater erinnerte sich sehr gut daran, dass er mit seinen Cousins viel Zeit verbracht hat. Die Familie meiner Oma, Rosa Kugel aus Kassel, baute Möbel. Ihre Fabrik wurde 1936 arisiert. Sie gingen ins damalige Palästina. Die Flucht meines Vaters und eines Teils der Familie führte über Nizza und Palermo nach Alexandria und schließlich Jaffa. Die anderen Familienmitglieder wurden ermordet.

Hat ihr Vater Ihnen von seiner Flucht erzählt?
Nicht sehr viel. Er konnte sich daran erinnern, auf Booten zu sein. Ich unterstütze eine Organisation, die sich um syrische Flüchtlinge kümmert, eben, weil ich diese Bilder von Eltern vor dem geistigen Auge habe, die mit Kleinkindern fliehen. Und ich weiß, dass mein Vater damals in die andere Richtung fliehen musste. Für mich gibt es da kein Wenn und Aber: Wir müssen als Deutsche diesen Menschen helfen – und ich ganz persönlich auch.

Ihr Vater kehrte nach Deutschland zurück.
1954 kamen meine Großeltern zurück, auch weil sie nicht wussten, wo der Rest der Familie war. Die Hoffnung war groß, dass jemand an der Tür klopfen würde. Wir waren ja eine große Familie. Unter den jüdischen Familien gab es immer mal die Geschichten, dass ein Familienmitglied überlebt hatte. Kaufmännisch waren wir Immobilienbesitzer, und der Gedanke, dass wir diese Immobilien, die die Nazis meiner Familie weggenommen hatten, wieder zurückbekommen, der war da. Da sich die Häuser aber im Ostteil Berlins befanden, wurden wir eigentlich zweimal enteignet: einmal von den Nazis und dann noch einmal von den Kommunisten. Meine Großeltern sind dann nach Charlottenburg gezogen, mein Vater ist nach seinem Armeedienst in Israel nach England zum Studium gegangen und auf dem Weg zurück nach Israel beim Besuch meiner Großeltern hiergeblieben.

Rafael Roth war ein Teil von Berlin, ein Unterstützer des Jüdischen Museums …
… und er war sehr gern Berliner, sehr gerne deutscher Jude.

Hat er berlinert?
Ja, aber er sprach auch sehr gepflegtes Hebräisch und ein schönes Oxford-Englisch. Manche Leute haben ein musikalisches Ohr, mein Vater hatte ein Ohr für Sprachen. Er hatte ’ne Berliner Schnauze.

War Ihre Familie religiös?
Meine Großeltern waren stolze Mitglieder der Reformsynagoge in der Oranienburger Straße. Meinem Großvater war es wichtig, neben seiner Frau sitzen zu dürfen und nicht hinter einem Zaun. In West-Berlin waren wir in der Joachimsthaler Straße. Generell bin ich enttäuscht von der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Ich bin von allen Seiten relativ unbeeindruckt.

Sie haben ein Fotografiestudium absolviert, widmen sich der künstlerischen Aktfotografie. In Stockholm betreiben Sie das »Fotografiska«. Was verbirgt sich dahinter?
Das ist das größte Fotomuseum der Welt. Wir haben vor mehr als zehn Jahren eröffnet. Wir zeigen Fotografien, egal welcher Richtung: Dokumentar-, Pop-, Kunst- oder Modefotografie. Wir haben Solo-Shows, und vier oder fünf Shows laufen immer parallel. Bereits bekanntere Künstler hängen neben noch weniger bekannten. Wir sind kein sammelndes Museum, und wir sind keine Galerie – wir sind eine Kunsthalle. Das Schöne daran ist, dass es rund um das Museum ein tolles Community-System gibt – mit Musik und Workshops. Bei uns kann man mit einem Glas Wein durch die Ausstellung gehen. Wir wollen das Museum neu erfinden. Und dieses Konzept wollen wir in andere Städte tragen. Gerade jetzt nach New York, denn dort bin ich teilweise groß geworden, und diese Stadt liebe ich.

Welche Ecke von New York erinnert Sie am meisten an Berlin?
Mittlerweile keine mehr. New York ist sehr erwachsen geworden. Soho erinnert mich an Berlin, aber der Spirit von Williamsburg kommt dem vom Friedrichshain vielleicht am Nächsten.

Wie haben Sie die 80er-Jahre in West-Berlin erlebt?
Ich war ein Teenager und sehr verliebt in amerikanische und englische Musik. Fand alles das, was wir hier hatten, relativ provinziell. Aber die Neue Deutsche Welle war cool. Richtig meins wurde das alles aber erst nach dem Mauerfall mit den Anfängen der Techno-Szene in Berlin. Ich hatte damals mit »D’Vision Records« ein eigenes Label. Das war unsere Szene, unsere Kultur, unsere Mode. Ich war für das SO36 und Nick Cave in Berlin einfach zu jung.

Und welche Musik soll im Clärchens gespielt werden?
Von Salsa bis Swing, von Tango bis Bukowina Balkan Beats und auch eine ganze Menge Klezmer. Wir haben eine »Clärchens Ballhaus«-Playlist mit 6000 Titeln bei Spotify. Wie früher wird es natürlich verschiedene Abende geben: Swing, Tango, Salsa und Schwoof-Abende, an denen alles gespielt wird.

Wenn Sie mit jemandem schwoofen könnten, wer wäre das?
Mein Traum wäre ein anderer: Ich möchte mit meinen Söhnen und Vorvätern, alle im Alter von 35 Jahren, essen gehen – mal sehen, wie der Abend dann läuft. Denn: Mein Urgroßvater wurde mit 35 zum ersten Mal Vater eines Sohnes, mein Großvater und Vater ebenfalls, und mein Sohn kam zur Welt, als ich 35 war.

Mit dem Berliner Unternehmer und Fotografen sprach Katrin Richter.

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