Kunst

Chagall geht immer

»Das Brautpaar am blauen Himmel von Paris« (um 1976) Foto: ALBERTINA, Wien

In Maastricht hatte gerade die Kunst- und Antiquitätenmesse TEFAF ihre Tore geöffnet. Aus Limousinen stiegen Menschen, die vielleicht mit dem Erwerb von Chagalls 6,4-Millionen-Euro-Bild »Les Boulevards« von 1953 liebäugeln – angeboten von der Galerie Alon Zakaim aus London. Dort übertrifft wenig später Chagalls Gemälde »Fleurs et fruits« bei der Abendauktion von Christieʼs mit 730.000 Pfund »bei Weitem« die Erwartungen. Andere Chagalls erbrachten sogar das Achtfache ihres Schätzpreises.

Solche Ergebnisse beflügeln natürlich den Markt. Die TEFAF, veranstaltet von der European Fine Art Foundation, ist generell ein Testlauf. Werke aus vielen Schaffensperioden Chagalls in suggestivem Ambiente lockten im März erneut auf die weltweit führende Messe ihrer Art.

Bei Alon Zakaim, der in Tel Aviv geboren wurde, als Junge nach England kam und einen Angehörigen im Krieg gegen die Hamas verloren hatte, kontrastierten farbintensive Chagalls aus mehreren Jahrzehnten, darunter zauberhafte Gouachen, mit dem Schwarz des Messestandes. Im Mai plant der Händler eine Chagall-Schau in Kooperation mit der Galerie Utermann in Dortmund. Sein Sechs-Millionen-Werk fand in Holland noch keinen Käufer, jedoch Interessenten.

Von vielen in der Kunstbranche wurde er lange in der Kitsch-Ecke verortet.

Moische Chazkelewitsch Schagal (so sein Geburtsname) wird gegenwärtig nicht nur in monetärer Hinsicht neu entdeckt und bewertet. Als einer der wichtigsten Vertreter der europäischen Moderne erfährt er vermehrt Aufmerksamkeit. Selbst von vielen in der Kunstbranche wurde der 1887 im heute belarussischen Witebsk geborene Maler lange eher in der Kitsch-Ecke verortet.

Chagalls jüdische Identität und der Niederschlag von Heimatverlust und Verfolgung

Nun aber zeichnet sich, vielleicht genährt vom aktuellen politischen und Kriegsgeschehen, das Bedürfnis ab, das Gewebe von Leben und Werk neu zu durchleuchten, in dem man versucht, Chagalls jüdische Identität und den Niederschlag von Heimatverlust und Verfolgung in seinem Œuvre aufzuspüren.

Vielen anderen mag es weiterhin genügen, die fliegenden Liebespaare, Tierfiguren, prächtigen Blumensträuße und den Mond zu bewundern. »Chagall erreicht immer die Seele«, sagt eine belgische Sammlerin angesichts von Zakaims Offerten. Der Kunsthandel schätzt Chagall ohnehin hoch: Bereits 2017 ersteigerte ein russischer Sammler nach Angaben des Auktionshauses Sotheby’s ein Gemälde von Marc Chagall für 28,5 Millionen Dollar (etwa 24 Millionen Euro).

Dies war der bisherige Rekordpreis für ein Bild des Künstlers. Doch nun entledigt sich auch der Ausstellungsbetrieb einiger Scheuklappen. Wegweisend für den neuen Blick auf »einen der eigenwilligsten Künstler der Moderne«, wie ihn die Frankfurter Kunsthalle Schirn nannte, war deren Chagall-Ausstellung Welt in Aufruhr.

Pandemiebedingt verschoben, endete die Schau im Februar 2023, kurz vor dem ersten Jahrestag von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine: schlussendlich kein schlechtes Timing, denn wann wäre die Welt zuletzt derart in Aufruhr gewesen? Das Zeitgeschehen rund um die russische Aggression dürfte den Zuspruch gesteigert haben, da die Schau vor dem Kriegshintergrund kontextualisiert werden konnte.

Das Exilschicksal ist ein Pfad, auf dem man Chagall – nach Aufenthalten in Berlin und Paris emigrierte er 1941 in die USA – näher kommen kann. Die von Themenfeldern wie Judentum, Heimat, Verfolgung und Flucht geprägte, jedoch nicht unangenehm vereinnahmende Schirn-Schau verzeichnete rund 244.000 Besucher: fast 50 Prozent der Gesamtbesucherzahl 2023, dem erfolgreichsten Jahr seit dem Start der Schirn 1986. Gezeigt wurden vor allem Bilder aus den 30er- und 40er-Jahren, einer Zeit, in der Chagall mit seinem Gekreuzigten sinnbildlich das Leid der Juden zum Ausdruck bringt.

Einer der am häufigsten reproduzierten Künstler

Marc Chagall sei einer der am häufigsten reproduzierten Künstler und einer der verkanntesten, hatte Direktor Sebastian Baden bei der Ausstellungseröffnung betont. Als einer der großen Koloristen der Moderne spricht der jüdische Künstler sein Publikum nonverbal an. Seine Bildsprache für die Schoa verlangt dagegen ein gewisses Maß an Vorwissen.

Aktuell lädt die Sala Recoletos in Madrid zur Chagall-Schau Ein Schrei nach Freiheit (bis 5. Mai). Und die Wiener Albertina zeigt Chagall ab dem 28. September in Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, die diese Schau 2025 übernimmt: im Jahr von Chagalls 40. Todestag.

Das institutionelle Interesse dürfte die Preise weiter in die Höhe treiben und viele Werke die Eine-Million-Marke überspringen lassen. Das Liebespaarbild »Sur le divan« aus den 30er-Jahren wird von der Münchner Galeristin Silke Thomas für 980.000 Dollar angeboten.

47 Prozent der Werke von Marc Chagall werden in den USA versteigert.

Unterdessen bemerkt der Bielefelder Galerist Samuelis Baumgarte, Chagall habe bereits 1914 in der Galerie »Der Sturm« in Berlin, die seine erste große Einzelausstellung ausrichtete, den »Zenit des Ausnahmekünstlers erreicht« und sei seit den 50er-Jahren auf der Suche nach der verlorenen Zeit. »Dem späteren Chagall«, so Baumgarte, »fehlt das Dringliche seiner Emotion und der brennenden Aktualität, die ihn früher begleiteten.«

Seit 2005 ermittelt die Artnet Price Database die am meisten nachgefragten Künstler. Chagall rutschte 2023 vom dritten auf den vierten Platz, belegt im Ranking der bankfähigsten Künstler den neunten, und zwar vor Cézanne, und Platz acht – vor David Hockney – auf der Liste der in Europa geborenen Top-Künstler.

»Die Preise entwickeln sich stetig nach oben«

»Die Preise entwickeln sich stetig nach oben«, bilanziert Anne Rinckens vom Kölner Auktionshaus VAN HAM, das zumeist Arbeiten auf Papier absetzt. 47 Prozent der Chagall-Werke werden in den Vereinigten Staaten versteigert.

Ein rares Selbstporträt aus dem Jahr der Oktoberrevolution hütet der New Yorker Upper-East-Side-Galerist und TEFAF-Aussteller David Tunick, dessen erster Kunsterwerb nach dem College ein Chagall-Druck war. Die Geschichte, die sich um das 1917 gemalte Selbstbildnis mit Palette rankt, das mehr als 30 Millionen Dollar bringen soll, hat freilich Facetten – nicht nur ikonografischer Natur –, die es noch zu klären gilt.

Der langjährige Chagall-Händler Laszlo von Vertes befindet: »Für jüdische Sammler ist Chagall ein Muss.« Er würde sich ein Museum in Berlin wünschen, das sich exklusiv dem Künstler widmet. Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen wiederum wirbt mit den Worten für ihre Schau: »Marc Chagall ist und bleibt ein Mysterium.« Ganz ergründen können wird man sein Werk wohl nie.

www.albertina.at/ausstellungen/chagall

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