Literatur

Brillant und lakonisch

»Je dunkler und geheimnisvoller die Dinge bleiben, desto mehr haben sie mich immer interessiert«: der Schriftsteller Patrick Modiano Foto: picture alliance / TT NEWS AGENCY

Wer Paris, vor allem das der Vergangenheit, erkunden möchte, sollte sich der Unterstützung des wohl besten Kenners der Stadt – ihrer Arrondissements und Banlieues, ihrer Plätze und Ausblicke zwischen Place de l’Étoile und Quartier perdu – versichern. Es ist der Schriftsteller Patrick Modiano, der 2014 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Sein literarisches Debüt, das erst 2010 auf Deutsch erschien, stammt aus dem Jahr 1968. Der Roman La Place de l’Étoile (»Sternplatz«) handelt von einem jungen Mann namens Raphaël Schlemilovitch, einem jüdischen Antisemiten. Den provokationsreichen Text überarbeitete und milderte Modiano für spätere Ausgaben ab. Gewidmet hat er ihn seinem 1957 an Leukämie verstorbenen Bruder Rudy. Mit diesem Verlust war das Ende seiner dysfunktionalen Herkunftsfamilie vollendet. Die Ehe zwischen einem Vater, der keinem geregelten Beruf nachging, und einer Mutter, die sich als Schauspielerin versuchte, scheiterte.

Die Kenntnis historischer Zusammenhänge, berüchtigter Adressen, verfolgter Persönlichkeiten, wahrer Faschisten, opportunistischer Karrieristen und Kollaborateure, die Modiano schon mit Anfang 20 zusammentrug, lassen staunen. Denn Anfang der 60er-Jahre sonnte Frankreich sich noch im Lichte des reinen Opferstatus und der Résistance. Man blickte keineswegs selbstkritisch auf die braunen und blutigen Flecke der eigenen jüngeren Vergangenheit.

Held des Debütromans ist der jüdische Antisemit Raphaël Schlemilovitch.

Modiano gehörte zu den wenigen Ausnahmen. Sein Erstling beginnt so: »Im Juni 1942 tritt ein deutscher Offizier auf einen jungen Mann zu und sagt: ›Pardon, monsieur, où se trouve la place de l’Étoile?‹ (Entschuldigen Sie, mein Herr, wo befindet sich der Sternplatz?) Der junge Mann zeigt auf die linke Seite seiner Brust.«

Schließt man von der literarischen Verdichtung einzelner Episoden im Leben Modianos auf seine reale Kindheit und Jugend, so mutet sie trostlos an. Im Rückblick bezeichnet er diese als »chaotisch«, sich selbst als »Kind des Krieges: ein unwahrscheinliches Produkt aus lauter Zufällen und Widersprüchen«.

Seine Autobiografie Ein Stammbaum (deutsch 2007) beginnt mit den Worten: »Ich wurde am 30. Juli 1945 geboren, in Boulogne-Billancourt, Allée Marguerite Nr. 11, als Kind eines Juden und einer Flämin, die sich im Paris der Okkupationszeit kennen­gelernt haben.« Sie führt wenig später zur Selbsterkenntnis, »dass ich mich niemals als legitimer Sohn gefühlt habe und noch weniger als Erbe«.

Die Bürde seiner Herkunft nahm er an

Doch die Bürde seiner Herkunft nahm er an, nicht im halachischen Sinne, doch empathisch und unentrinnbar mit jüdischen Schicksalen, französischer Geschichte und den Folgen der deutschen Okkupation verknüpft. Sie wurde zum Wesensmerkmal seines reichen literarischen Schaffens.

Modiano, aus einem Pariser Vorort in die Großstadt verpflanzt, wurde zum literarischen Erforscher eines schäbigen Paris, das hinter dem Glanz der Boulevards und Stadtresidenzen, dem Luxus und der Blendung lauert. Er hat in rund 30 Büchern die Stadt der Liebe, der Kultur und des Verrates durch die Zeitläufte erkundet; er hat die Leser als Ich-Erzähler immer wieder auf seine Exkursionen mitgenommen. Ob er in die Rolle von Roland oder Jean, in die einer jungen Frau oder schlicht eines Autors namens Patrick Modiano schlüpft, immer wieder geht es um die Suche nach Verschwundenen: einer Mutter, einer Geliebten, einer deportierten jüdischen Familie.

1997 erschien auf Französisch Dora Bruder. Fast ein Jahrzehnt hatte Modiano eine Personensuche aus der Zeitung »Paris Soir« vom 31. Dezember 1941 beschäftigt. Auf der Suche nach den Spuren der vermissten 15-jährigen Dora Bruder zog er durch Archive, Antiquariate und Polizeipräfekturen. Es wurde zu einer Beschäftigung mit seiner eigenen Herkunft und den Traumata seines Vaters, dem er im wahren Leben nie nahekommen durfte: »Es dauert lange, bis das, was ausgelöscht worden ist, wieder ans Licht kommt.«

Imaginärer literarischer Stein auf nicht vorhandenen Gräbern

Modiano legt einen imaginären literarischen Stein auf nicht vorhandene Gräber. Am 18. September 1942 wurden Dora Bruder und ihr Vater aus Drancy nach Auschwitz deportiert, die Mutter am 11. Februar 1943. Am Ende empfindet der Autor die Straßen von Paris als leer, »selbst am Abend, in der Stoßzeit« glaubt er, »ein Echo ihrer Gegenwart zu verspüren«. Den Nachnamen »Bruder« kann man als Fügung begreifen oder auch als Auslöser der jahrelangen Recherche.

Unglück kann – ob erfahren als Entwurzelung und Einsamkeit, Verrat oder Verlust – zur Inspiration werden. Oder wie Modiano meint: »Je dunkler und geheimnisvoller die Dinge bleiben, desto mehr haben sie mich immer interessiert.« Seine Dunkelheit wurde jedoch stets erleuchtet von glasklaren Fakten, wie sie alte Straßenkarten, Telefonbücher, Zeitungsnotizen und Polizeiprotokolle liefern. In diesem Sinne ist Patrick Modiano von seinem ersten Buch an ein akribischer Rechercheur, ein brillanter, dabei ganz lakonischer Erzähler geblieben.

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