Standpunkt

Braucht es ein Verbot?

Foto: Getty Images

Es gibt sie noch: Politiker, die der Herde trotzen und Entscheidungen verteidigen, die zwar unpopulär, aber richtig sind. Ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige ist so ein Fall. Ein Handyverbot mindestens an Grundschulen ein weiterer. Und obwohl der Sturm der Empörung über Freiheitsbeschränkungen heftig wütet, bleiben sie meist standhaft. Gott sei Dank!

Es ist kein Geheimnis, dass die zu frühe und vor allem unkontrollierte Smartphone-Nutzung ebenso wie der Sog der sozialen Medien dramatische Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit sowie die physische und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben. Die Folgen sind massiv und nach wie vor unterbelichtet: Schlafentzug, soziale Vereinsamung, eine dramatische Fragmentierung der Aufmerksamkeit und ausgeprägtes Suchtverhalten. Dazu kommen: Depression, Angstzustände, Übergewicht, Neigung zu Suizidalität und mangelnde Resilienz.

Beide Seiten haben gute Argumente

All das ist nicht neu und gut belegt. Und dennoch türmen sich die Argumente der Verbotsgegner, die da lauten: Es gab in jeder Generation Sorgen der Elterngeneration über den Medienkonsum und das Verhalten ihrer Kinder, und meist waren sie unbegründet. Oder: Der Staat hat in diesem Feld nichts zu suchen. Stattdessen ist es Angelegenheit der Eltern, sich darum zu kümmern. Und mit Verboten erreicht man nichts. Und: Auch Kinder haben Rechte.

Viele dieser Argumente sind nicht falsch. Und sie werden oft in guter Absicht formuliert. Trotzdem verfehlen sie das Ziel oder sind nicht schlagkräftig genug. Denn der Smartphone-Konsum ist wie das Social-Media-Universum nicht mit klassi­schen Medien, Büchern oder Musik zu vergleichen, sondern mit Suchtmitteln wie Alkohol und Drogen oder dem Phänomen Spielsucht.

Der US-Psychologe Jonathan Haidt erklärt, Kindheit sei in den letzten 15 Jahren völlig auf den Kopf gestellt worden. Von Interaktion, Miteinander, Risikobewusstsein und dem Erkunden und Erleben der echten Welt zu einer smartphonebasierten Kindheit, die von digitalen Welten, Algorithmen, Dopamin-Schleifen und Suchtverhalten bestimmt wird.

Faktor Desinformation durch Social Media

Als wäre das nicht schlimm genug, gibt es noch andere gute Gründe für die Politik, in diesem Minenfeld endlich tätig zu werden: Das Maß an Desinformation, mit dem die sozialen Medien die Welt überschwemmen, ist atemberaubend. Und das gilt erst recht für die Flut von Herabwürdigung und desorientierenden Inhalten aller Art.

Die Folgen der unkontrollierten Social-Media-Nutzung sind massiv.

Was in den vergangenen Jahren mit Blick auf Israel, Zionisten und Juden das Licht der digitalen Welt erblickt hat, ist sowohl in seiner globalen Dimension wie auch mit Blick auf die Lügen, Verleumdungen, Geschichtsfälschungen, Dämonisierungen, Gewaltaufrufe und Vernichtungsfantasien präzedenzlos. Uralte antisemitische Mythen wechseln sich mit schamlosen judenfeindlichen Erzählungen der Gegenwart ab und verbinden sich zu einem giftigen, hasserfüllten und nicht selten tödlichen Cocktail. Juden als Gottesmörder und Weltverschwörer. Zionisten als Landräuber und brutale Kindermörder. Israelis, die einen Apartheidsstaat betreiben und Genozid begehen.

Ewiger antijüdischer Kreislauf

All das und vieles mehr wird von Dichtung zu Wahrheit, von Lüge zu Überzeugung, verwandelt Abneigung in Hass. Und speist den ewigen antijüdischen Kreislauf von Verleumdung zu Dämonisierung zu Entmenschlichung zu Auslöschung.

Sicher: Auch Erwachsene sind diesem Komplex von Lügen, Propaganda und Desinformation ausgesetzt. Aber es besteht die Hoffnung, dass ein erwachsener, reflektierterer Umgang mit dem sozial-medialen Komplex ein gewisses Maß an intellektuellem Selbstschutz bietet, um der Manipulation etwas entgegenzusetzen.

Für Eltern allein ist das Problem fast unslösbar

In der Smartphone- und Social-Media-dominierten Gegenwartskultur ist es für Eltern allein aufgrund des sozialen Gruppendrucks nahezu unmöglich, ein Gegengewicht zu etablieren. Hier braucht es den Gesetzgeber und den Staat, um den sozialen Druck von der gesamten Gruppe zu nehmen und die Gefahren einzuhegen.

Was bei Zigaretten, Alkohol und Drogen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen wichtig und richtig ist, gilt auch hier: Ein Verbot ist weniger Freiheitseinschränkung als Freiheitsförderung. Die Freiheit, im Freien zu spielen, die Höhen und Tiefen echter sozialer Beziehungen zu durchleben, einen kritischen Umgang mit Informationen zu erlernen, bevor einen die allgegenwärtige sozial-mediale Desinformation mitreißt. Kritisches Denken, Debatten, argumentativen Austausch, das Hinterfragen, die Skepsis und die faktenbasierte oder logische Reflektion zu erfahren, bevor die erzwungene Eindeutigkeit und das Schwarz-Weiße die Freiheit zur Mehrdeutigkeit im Keim ersticken. Und schließlich die Freiheit, sich mit dem eigenen Tempo Texten, Geschichten, Büchern und vielem anderen zuzuwenden.

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Lösen Verbote alle Probleme und bieten eine Garantie für die erhofften Effekte? Leider nicht. Denn auch sie sind nur ein mögliches Ergebnis eines sorgfältigen Abwägungsprozesses. Ein Versuch, Fehlentwicklungen entgegenzuwirken, und eine Spekulation auf die Zukunft der jungen Generation. Vor allem aber sind sie eines: eine klare Kampfansage gegen Manipulation, Desinformation und Hass. Und deren erste Opfer sind erfahrungsgemäß die Juden.

Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

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