Roman

Bloß nicht zu den Deutschen!

Menschliche Existenz, Leben und Tod, Liebe und Abstammung, Zärtlichkeit und Hass stehen in einer philosophischen Prüfung. Foto: S.Fischer

Roman

Bloß nicht zu den Deutschen!

Katharina Hacker schickt in »Skip« einen israelischen Architekten mit übersinnlichen Kräften nach Berlin

von Harald Loch  17.08.2015 18:31 Uhr

Jonathan Landau, von allen nur Skip genannt, restauriert in Israel alte, unbewohnbar gewordene Häuser. An größere Aufträge kommt er als Architekt nicht heran. Seine Mutter war keine Jüdin, aber sein jüdischer Vater hatte in Paris für seine Brit Mila gesorgt.

In Tel Aviv ist er mit Shira verheiratet, die mit ihm keine Kinder bekommen kann. Die beiden Söhne lässt sie sich von einem anderen Mann zeugen: Naim und Avi. Skip, weder »richtiger« Architekt, noch »richtiger« Jude oder »ganzer« Mann, ist der Protagonist des gleichnamigen Romans von Katharina Hacker.

Die Schriftstellerin und Trägerin des Deutschen Buchpreises ist vor 48 Jahren in Frankfurt geboren worden und hat mit ihren Studien der Philosophie, Geschichte und Judaistik in Jerusalem das Rüstzeug für dieses Buch erworben. Skip erzählt in der ersten Person, nur selten kommt eine Stimme aus dem allwissenden Off hinzu. Er spricht meist zu sich selbst, in inneren Monologen, Träumen, Phantasien.

Nur manchmal bricht er – scheinbar unmotiviert – auf, lässt seine Frau in Tel Aviv zurück, fliegt nach Paris oder nach Amsterdam, wird hier Zeitzeuge eines schweren Zugunglücks, dort eines Flugzeugabsturzes, und zwängt sich in eine moralische Verantwortung für die Opfer.

Intifada Derweil wächst in Israel – der Roman spielt kurz vor der zweiten Intifada – die Gewalt zwischen Juden und Palästinensern. »Das Leid häufte sich an, ohne Rücksicht darauf, dass Menschen glaubten, irgendwann müsse es genug sein.« Die Autorin lässt Skip und sein Umfeld für Frieden und Toleranz einstehen, Gewalt ist für keinen akzeptabel. Dieser politisch-moralische Grundton beherrscht den Roman. Shira erkrankt und wird von einem palästinensischen Arzt mit illegal besorgtem Morphium versorgt.

Der muss dafür ins Gefängnis, und Skips Frau stirbt. Mit großer Ehrlichkeit reflektiert Skip die schwindende Liebe zwischen ihm und seiner Frau. Nach ihrem Tod machen die beiden Söhne Abitur, leisten ihren Wehrdienst und gehen dann zum Studium nach England. Skip findet eine Anstellung in einem florierenden Architekturbüro, bekommt lukrativere Aufträge und lernt Zipora kennen, eine viel jüngere Frau, die im gleichen Büro arbeitet.

Dort ergeben sich für ihn nach der Wende Aufträge in Berlin, also ausgerechnet dort, wo die Ermordung seiner Großeltern angeordnet worden war – für ihn anfangs ein Schock. Im letzten Viertel des Romans wechselt der Schauplatz in die deutsche Hauptstadt, wo die Autorin lebt, sich bestens auskennt und den so oft traurigen Roman zu einem glücklichen Ende bringt, weil Skips beide Söhne nach Berlin ziehen und weil Skip etwa zur gleichen Zeit Großvater und Vater werden wird.

Gedanken Katharina Hacker gelingt das Wunder, in ihrem Roman nicht nur eine vielfältige und abwechslungsreiche Handlung unterzubringen, die in ständigem Fluss bleibt. Überwältigend sind die Gedanken, die sich Skip über seine spezielle und die allgemein gültige condition humaine macht. »Freiheit ist vielleicht, die Zeit in ihrem inneren Zusammenhalt zu begreifen, der nicht Ablauf ist sondern Struktur, Gewissheit, eine Art zu denken.«

In diesem großartigen Roman stehen die menschliche Existenz, Leben und Tod, Liebe und Abstammung, Zärtlichkeit und Hass in einer philosophischen Prüfung.

Die Autorin findet für diese Vielfalt an Handlung und Gedanken perfekte Worte und Sätze, ohne ihren Roman mit dieser wunderbaren Fracht zu überladen – und lässt den Leser in der oft traurigen Grundstimmung zum Glück nicht ohne Hoffnung zurück.

Katharina Hacker: »Skip«. S. Fischer, Frankfurt am Main 2015, 384 S., 21,99 €

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Am Montag wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  30.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Bettina Piper, Imanuel Marcus  29.10.2026

Auszeichnung

Shimon-Peres-Preis für deutsch-israelische Projekte

Für einen Dialog in Krisenzeiten werden jetzt zwei deutsch-israelische Projekte ausgezeichnet. Der Preis erinnert an den Friedensnobelpreisträger und israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres

 29.10.2026

Kulturkolumne

Tikkun Olam am Abend

Das Geheimnis der Waldschnepfe

von Sophie Albers Ben Chamo  29.10.2026

Tel Aviv

Gal Gadot will mit ihrer Familie nach Israel zurückkehren

Die Hintergründe

 29.10.2026