Tipp

Bloss keinen Stress

Ob Strandurlaub oder Sightseeing: Geben Sie Körper und Seele eine Chance. Foto: Fotolia

Sonne, Strand und Meer: Die Ferien gelten als die »schönsten Wochen des Jahres«. Doch was tun, damit sie wirklich so harmonisch und erholsam werden, wie wir es uns das ganze Jahr über erträumt haben? Entscheidend sind schon die Tage, bevor es mit Flieger, Bahn oder Auto in den Urlaub geht. Viele neigen dazu, noch bis zur letzten Minute Vollgas zu geben und alles abzuarbeiten, was sie zu erledigen versäumt haben. Das ist falsch. Schon die Ausgangssituation ist ein verlässlicher Wegweiser dafür, wie sich der Urlaub entwickeln wird. Wer gereizt, erschöpft und ausgelaugt ist, braucht viel Zeit, um sich selbst zu finden.

Der Großteil von uns hat viel zu wenig Zeit für die eigenen Bedürfnisse, und auch dafür, sich auf die des anderen einzustellen. Wichtig dabei ist beispielsweise das Thema der Rollenverteilung. Denn die ändert sich im Urlaub häufig. So neigen Mütter berechtigterweise dazu, in den Ferien die Verantwortung für die Kinder an den Vater zu delegieren. Kommen die Partner aber erst unterwegs auf die Idee, darüber nachzudenken, wie sie den gemeinsamen Urlaub gestalten wollen, kann das zu Streitigkeiten führen.

Verwandte Widersprüchliche Erwartungen sollten vorher geklärt werden. Die üblichen Streitpunkte, die man von zu Hause kennt, werden mit auf die Reise genommen. Sei es die Unordnung eines Partners, der Umgang mit dem Geld, mangelnde Aufmerksamkeit und Zuwendung oder auch das Thema Verwandtenbesuche. Was in den eigenen vier Wänden für Stress sorgt, sollte woanders tunlichst vermieden werden. Oder man sollte bewusst zumindest eine Zeit vereinbaren, in der es tabu ist, Konflikte anzusprechen oder sie gar auszutragen. Das entspannt.

Man kann sich aber auch umgekehrt dafür einmal bewusst Zeit nehmen. Eine gute Beziehung funktioniert wie moderne atmungsaktive Sportkleidung. Sie schützt, soll aber auch »Dampf rauslassen« können.Die Einstellungen und Erwartungen des Einzelnen sind entscheidend. Denn nur zu oft wollen wir uns in Partnerschaft und Familie gegenseitig erziehen. Doch man sollte lernen, jeweils die Andersartigkeit, Persönlichkeit, unterschiedlichen Wertvorstellungen und Gewohnheiten zu akzeptieren. Es ist ein Irrglaube, man könne aus einem Nachtvogel und Langschläfer einen munteren Frühaufsteher formen.

Die Kunst besteht darin, auf manches zu verzichten – zu signalisieren, dass man zu Kompromissen bereit ist. Gleichzeitig müssen Meinungsunterschiede als etwas Gesundes akzeptiert werden. Es gibt keine robuste Partnerschaft ohne Konflikte. Insofern sollte man versuchen, die unterschiedlichen Bedürfnisse zu erkennen und zugleich zu spüren, was einem selbst guttut. Das geschieht viel zu selten. Deswegen verlieren wir das Gespür für unsere Grenzen und Bedürfnisse. Wenn wir innehalten und uns fragen »Wie fühle ich mich und was benötige ich?«, sind die Antworten sehr individuell. Der eine braucht Bewegung, der andere Besinnlichkeit oder geistige Stimulanz. Jeder Mensch ist anders.

Symbiose Der eine will im Urlaub aktiv sein, joggen, Kajak fahren und Ähnliches. Für den anderen ist es sinnvoller, die Aufmerksamkeit auf die Natur zu lenken und es ruhig angehen zu lassen – Geschwindigkeit versus Langsamkeit. Es ist falsch, um jeden Preis eine Symbiose herbeiführen zu wollen. Jeder Mensch braucht die Möglichkeit zum Rückzug. Einer der Hauptstressfaktoren ist mangelnde Zeit für sich selbst. Nirgendwo heißt es, dass man gemeinsam Sport treiben, Denkmäler besichtigen oder stundenlang am Strand sitzen muss.

Jeder muss für sich einen Weg finden, den Akku wieder aufzuladen. Auch hier ist die Ausgangslage wichtig: Wie verbraucht sind meine Ressourcen, wie groß meine Erwartungen und Sehnsüchte? Davon hängt ab, wie viel Zeit wir benötigen, um uns zu erholen. Es gibt wichtige Faktoren, die bestimmen, wie lange diese Phase dauert: Dazu gehören das Alter und erstaunlicherweise auch der Beruf. Untersuchungen zeigen, dass Selbstständige sich schneller erholen als Arbeiter, Büroangestellte und Beamte. Und: Der Urlaub muss ein völliges Ausblenden des »Betriebssystems« Arbeit ermöglichen, damit der Körper eine Möglichkeit erhält, seine Stresshormone abzubauen. Geben Sie Ihrem Körper und Ihrer Seele eine Chance!

Wer im Urlaub dennoch erreichbar sein muss, sollte dafür bestimmte Zeiten vorsehen. Man kann dem Arbeitgeber durchaus signalisieren, von wann bis wann man Anrufe entgegennehmen oder E-Mails beantworten kann. So ist man selbst derjenige, der die Kommunikation steuert, und wird nicht zum Opfer ständiger Verfügbarkeit. Und zu guter Letzt: Auch das Danach ist entscheidend.

Das Leben ist während des Urlaubs weitergegangen. Wir tendieren dazu, gleich nach der Rückkehr aus den Ferien diese »verlorene Zeit« wieder aufholen zu wollen. Das ist falsch. Schuldgefühle helfen da nicht weiter. In einer Zeit der Arbeitsverdichtung gibt es diese Tendenz immer häufiger. Mit Blackberry und iPhone steigt unsere Erreichbarkeit. Die Freizeit ist durchlässiger geworden.

Darum: Freuen Sie sich erst auf Ihren Urlaub und dann über Ihre Erholung!

Der Autor arbeitet als Diplom-Psychologe, Coach und Stress-Experte in München und ist Verfasser des Buches »Die Kunst, gelassen zu bleiben«.

Sehen!

»Doitscha – Alles geht vorüber«

Die Tragikomödie »Doitscha – Alles geht vorüber« in der ARD beruht auf einem Buch von Adriana Altaras

von Pascal Beck  04.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

TV-Tipp

Viele Jahre bis zum großen »Hallelujah«: Arte zeigt Porträt von Leonard Cohen zum zehnten Todestag

Es ist wohl das bekannteste Lied des kanadischen Sängers Leonard Cohen. Und so steht »Hallelujah« auch im Zentrum eines so unterhaltsamen wie inspirierenden Porträts über diesen modernen Minnesänger

von Jan Lehr  04.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  04.11.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 4. November bis zum 12. November

 04.11.2026

Sachbuch

Der Kampf jüdischer Gemeinden für den Synagogen-Aufbau nach dem Krieg

Durch die Nationalsozialisten zerstört, wollten jüdische Gemeinden viele Synagogen in Deutschland nach dem Krieg wieder aufbauen. Doch sie hatten mit Widerständen zu kämpfen - und mit Parkplätzen und Einkaufszentren

von Thomas Klatt  04.11.2026

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  04.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026