Kino

Blick auf das Andere

Wer Dan Shadurs Doku »King Bibi« bisher verpasst hat, kann jetzt endlich mitreden. Foto: © Kobi Gideon/Israeli Government Press Office

Think big! Als das Seret International Film Festival 2012 in London erstmals seine Kinotüren öffnete, haben sich die Gründerinnen Odelia Haroush, Anat Koren und Patty Hochmann wohl kaum träumen lassen, dass sieben Jahre später die Leute alljährlich auch in Edinburgh, Glasgow, Brighton und Cambridge, in Amsterdam, Amstelveen, Maastricht und Rotterdam, in Santiago de Chile oder in Berlin, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln, Leipzig und München Schlange stehen würden, um zu sehen, was Israels Film- und Fernsehvisionäre sich jetzt schon wieder ausgedacht haben.

Das tun sie aber, und es werden immer mehr, denn mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Israel zu den besten Filmskript-Lieferanten der Welt gehört, wie die internationalen Erfolge von Fauda, BeTipul, Homeland oder auch Shtisel bezeugen. Tatsächlich gibt es in Israel bereits Firmen, die sich aufs Geschichtenschreiben spezialisiert haben, um diese dann gleich nach Hollywood und in den Rest der Welt zu verkaufen.

Also, Ihr Ticket wartet schon für das vierte Seret International Film Festival in Deutschland, das vom 31. August bis zum 10. September antritt, Filmliebhaber glücklich zu machen. Allerdings werden in München, Frankfurt/Main, Hamburg, Leipzig und Köln nur ausgewählte Seret-Filme laufen, während Berlin – Entschuldigung, Rest der Republik! – alles zu sehen bekommt. Wer das Sitzfleisch hat, kann sich hier an acht Tagen 14 Lang- und fünf Kurzfilme ansehen. Und dieses Jahr erstmals auch mit deutschen Untertiteln.

NEUGIER Den Anfang mit Eröffnungsgala im Babylon macht The Unorthodox, eine unkonventionelle Komödie zu einem ernsten Thema, nämlich der Gründung der ultraorthodoxen Schas-Partei Mitte der 80er-Jahre. Ein Underdog-Streifen mit Western-Anklängen, in dem Sefardim und Aschkenasim die schwarzen und weißen Hüte tragen. Wer welche Farbe trägt, bleibt dem Zuschauer überlassen.

2012 in London gegründet, trat das Festival seinen europaweiten Siegeszug an.

Sollten Sie bereits erfolgreiche Filme wie Dan Shadurs beeindruckende Dokumentation King Bibi über Netanjahus nicht enden wollende Freude am Regieren oder auch den diesjährigen Berlinale-Gewinner, Nadav Lapids skurrilen Synonymes, verpasst haben, können Sie jetzt endlich mitreden. Zahlreiche Regisseure werden übrigens auch vor Ort sein, um neugierige Fragen zu beantworten.

ZAUBER Aber der Zauber von Festivals liegt ja immer wieder auch darin, Filme zu sehen, die in Deutschland eher nicht ins Kino kommen und an die sich nicht einmal Netflix herantraut – wie zum Beispiel Redemption von Yossi Madmoni und Boaz Yehonatan Yaacov. Erzählt wird die Geschichte von Menachem, der nach einem wilden Leben als Rockstar zum Charedi geworden ist, dessen kleine Tochter nach dem Tod der Mutter sein Ein und Alles ist, die aber an Krebs erkrankt, sodass der Vater schließlich noch einmal an die alte Karriere anknüpft, um die teuren Therapien für das Kind irgendwie bezahlen zu können.

Auch in The Other Story geht es um einen wilden jungen Mann, der sich vollends dem Glauben zuwendet – und um die Auswirkungen dieser Entscheidung für eine säkulare Familie, deren Tochter seine Freundin ist. Filmemacher Avi Nesher gibt wieder alles.

Yaron Shanis Drama Chained erzählt von einem Polizisten, dessen Karriere von 16 Jahren Ruhe und Ordnung von einem Tag auf den anderen zu Ende ist, als er verdächtigt wird, zwei Jungen sexuell belästigt zu haben, nachdem er einen Rauschgiftdeal hat auffliegen lassen.

Marco Carmels Noble Savage gibt den Blick frei auf eine Mutter und ihren fast erwachsenen Sohn, der alles tut, um die entfremdeten Eltern wieder zusammenzubringen, was auch bedeutet, dass er jeden neuen Verehrer der ziemlich wilden Mutter wegbeißt.

Der israelische Film ist dafür bekannt, auch schmerzhafte Wahrheiten auszusprechen.

Sie sehen, für jeden ist etwas dabei, und dabei habe ich noch nicht einmal Laces mit dem wunderbaren Dov Glickman, den zutiefst berührenden Good Morning Son oder die Kurzfilme erwähnt, die die jüngsten Werke von unabhängigen Regisseuren und von Hochschulabsolventen zeigen.

FENSTER Das Seret International Film Festival steht nicht nur für »Think big!«, sondern auch für »Think positive!«. Ein Grund, warum Odelia Haroush einst mit ihren Kolleginnen beschloss, ein israelisches Filmfestival nach London zu bringen, waren ihre Erfahrungen als Managerin eines Ahava-Stores. Immer wieder wurde gegen den Laden protestiert, immer wieder musste sie sich anti-israelische Hetze anhören. Anstatt den Mut zu verlieren, wollte Haroush den Menschen geben, was ihnen offensichtlich fehlt: tiefergehendes Wissen über Israel und über die Vielfalt von Biografien und Haltungen innerhalb der israelischen Gesellschaft. »Ich hoffe, das Festival wird ein Fenster in die israelische Kultur und das israelische Leben öffnen«, sagte Haroush damals bei der Eröffnung.

Tatsächlich ist auch das Seret-Festival immer wieder Ziel von BDS-Angriffen, dabei ist es doch vor allem der israelische Film, der berühmt dafür ist, auch schmerzhafte Wahrheiten auszubuchstabieren. Glücklicherweise war auch der diesjährige Boykottaufruf erfolglos. Wie groß die Arroganz bei den Israelgegnern ist, zeigt, dass sie sich nicht einmal die Mühe gemacht haben, sich das diesjährige Programm genauer anzusehen.

Denn darin geht es bewusst um das, was im vergangenen Jahr eingefordert wurde: »das Andere«, den anderen Menschen, das andere Leben, die andere Zukunft. Und, um es mal ganz britisch mit Johnny Rotten zu sagen: »Kunst ist nicht für die Politiker, sie ist für die Menschen da.«

Das Festival läuft vom 31. August bis zum 10. September. Die Termine finden sich auf der Website www.seret-international.org/category/germany-2019

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