Ausstellung

Bilder von der Erschaffung der Welt

Ein auffallend großer Vorbeter mit einem Turban hält die Schriftrolle für die Lesung, gefaltet wie ein Brief. Männer umringen ihn, ihre Köpfe sind mit einem Fez mit Bommel bedeckt. Im Hintergrund schlagen Knaben auf ihre Trommeln, am oberen Bildrand sind fünf Frauen abgebildet. Bereits das erste Bild dieser aus Indien stammenden hebräischen Schriftrolle macht deutlich, wie sich westliche und indische Traditionen vermischen. Auf über sieben Meter Länge wird hier im Wechsel von Text- und Bildfeldern die Esther-Geschichte auffallend farbig erzählt.

»Besonders schön ist, dass wir diese ungewöhnliche Schriftrolle hier in Berlin in ihrer ganzen Länge zeigen können«, freut sich Emile Schrijver, Kurator der Züricher Braginsky-Sammlung, zu der diese Estherrolle gehört. Unter dem Titel »Die Erschaffung der Welt« präsentiert das Jüdische Museum Berlin die weltweit größte Privatsammlung illustrierter hebräischer Handschriften und früher Drucke.

Schwerpunkte Die drei Sammlungsschwerpunkte umfassen illustrierte Gebet- und Gesetzesbücher, Hochzeitsverträge sowie die Estherrollen, illustrierte Texte aus dem Buch Esther, die während des Purimfestes gelesen werden. Auf 600 Quadratmetern Fläche zeigt die Ausstellung etwa 60 illustrierte Drucke und Handschriften aus sechs Jahrhunderten, 30 aufwendig gestaltete Hochzeitsverträge sowie rund 30 Estherrollen. Darunter sind auch jüngere Neuerwerbungen des Sammlers wie die älteste illustrierte Estherrolle, die von einer Frau geschrieben wurde. An dieser fünften und letzten Station der Ausstellung in Berlin ist sie erstmals zu sehen.

Nach den Sammlungsschwerpunkten ist auch die Ausstellung gegliedert. Im ersten Abschnitt werden Bücher und Handschriften präsentiert. Während die Tora, die im Zentrum des Judentums steht, traditionell ohne Schmuck bleibt, wurden Gebetbücher wie die Pessach-Haggada, die den Auszug aus Ägypten schildert, reich verziert. Die Bilder sollten dabei nicht von Gott ablenken, sondern die Gebote festlich umrahmen.

Hochzeitsgeschenk In der Sammlung handgeschriebener Gebetbücher für den Familiengebrauch fällt ein kleines Buch ins Auge, das offenbar als Hochzeitsgeschenk gedacht war. Die Handschrift stammt aus Korfu und ist besonders farbig illustriert. Auffällig sind Abbildungen von Gott, wie er die Welt erschafft. Das ist in der jüdischen Tradition unüblich. Der Auftraggeber dieses Buches hatte sich einen christlichen Künstler für die Illustration dieser Schrift ausgesucht, die Vermischung der Traditionen störte ihn nicht. »Die Ausstellung zeigt an vielen Stellen, dass diese Bücher nie in der Isolation geschrieben wurden«, betont Kurator Schrijver, »die jüdischen Handschriften passten sich an ihre Umgebung, ob christlich oder muslimisch, an.«

Zu den wertvollsten Handschriften gehört die einzig vollständige Fassung einer Mischne Tora von 1355, ein Gesetzeskodex, den der Arzt und Philosoph Moses Maimonides verfasst hatte. Die Schriften sind digitalisiert, sodass man eine Auswahl an Terminals vollständig durchblättern und betrachten kann.

Einflüsse aus der Diaspora lassen sich auch an den üppig gestalteten Hochzeitsverträgen ablesen. Im Mittelpunkt steht der Vertragstext, die Ränder sind reich verziert, mal in barocken Formen, mal mit islamischen Mustern. Den Gesamtwert seiner kostbaren Sammlung vergleicht der Züricher Unternehmer René Braginsky verschmitzt mit einem Hochzeitsvertrag: Das Geld, das eine Familie für die künstlerische Gestaltung dieses Vertrags ausgab, habe er Jahrhunderte später für den Erwerb dieses Stücks aufbringen müssen.

höhepunkt
Ein Höhepunkt sind jedoch die Estherrollen. Hier ergänzt eine Leihgabe der Gottfried-Leibniz-Bibliothek in Hannover die Braginsky-Sammlung. Diese erst kürzlich aufgetauchte Schriftrolle von 1746 ist über sechs Meter lang, der Bibeltext auf Deutsch. Der Gestalter, ein jüdischer Künstler aus Hildesheim, benutzte in anderen Rollen und Büchern die hebräische Schrift, wie ein Beispiel daneben aus der Braginsky-Sammlung beweist. Warum und für wen er hier auf Deutsch schrieb, ist eine von vielen ungeklärten Fragen. Die vielfältigen Formen jüdischer Schriftkultur, die in dieser Ausstellung zu erleben sind, erzählen eine Geschichte des interkulturellen Dialogs in der Diaspora. epd

www.jmberlin.de

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