Nachruf

Bewahrerin der Erinnerung

Miriam Gillis-Carlebach sel. A. Foto: Gesche M. Cordes

Nachruf

Bewahrerin der Erinnerung

Die israelische Wissenschaftlerin Miriam Gillis-Carlebach erforschte das Kulturerbe ihrer Hamburger Familie

von Andreas Brämer  06.02.2020 14:51 Uhr

In ihrer Biografie spiegelt sich die deutsch-jüdische Geschichte eines ganzen Jahrhunderts. Geboren in eine bürgerliche jüdische Familie, die man damals wohl der sogenannten Neo-Orthodoxie zurechnete, genoss Miriam Gillis-Carlebach, wie ihre acht Geschwister, die Vorzüge einer urbanen Erziehung. Religiöse Gesetzestreue verknüpfte sich darin mit einer Begeisterung für die europäische Bildung und Kultur.

Die Eltern, Lotte und Joseph Carlebach, führten ein offenes Haus, in dem zahlreiche Gäste ein- und ausgingen. Nach Hamburg waren die Carlebachs 1921 gekommen, als Miriams Vater die Leitung der Talmud-Tora-Realschule im Grindelviertel übertragen wurde.

Oberrabbiner Seit 1925 lebte die Familie im benachbarten Altona, wo Rabbiner Joseph Carlebach fortan als religiöses Oberhaupt der Hochdeutschen Israelitengemeinde amtierte. 1936 zog die Familie ein weiteres Mal nach Hamburg, als der orthodoxe Synagogenverband der Deutsch-Israelitischen Gemeinde Joseph Carlebach zum Oberrabbiner berief.

Von dem, was zuweilen als »deutsch-jüdische Symbiose« idealisiert wird, war mehr als drei Jahre nach der Machtergreifung nichts mehr geblieben. Wie alle Juden in Deutschland war auch die Familie Carlebach mit einer Realität konfrontiert, in der rassistische Ausgrenzung zum Alltag gehörte und die Lebensräume zunehmend von Obrigkeit und Umwelt beschnitten wurden.

Ihre Eltern sowie ihre Schwestern Ruth, Noemi und Sara sollte Miriam nie wiedersehen.

Die 16-jährige Miriam, glühende Zionistin, verließ Deutschland wenige Monate vor der Pogromnacht als Pionierin in Richtung Palästina. Ihre Eltern jedoch sowie ihre Schwestern Ruth, Noemi und Sara sollte Miriam nie wiedersehen. Sie wurden am 26. März 1942 im Hochwald bei Riga auf deutschen Befehl von lettischen Hilfstruppen ermordet.

Forschung Zur Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte gelangte Miriam Carlebach erst über Umwege. Nach dem Abitur begann sie ein Studium der Erziehungswissenschaften, das sie 1984 mit der Promotion abschloss. Seit den 70er-Jahren widmete Miriam Gillis-Carlebach ihre Forschung auch dem deutsch-jüdischen Kulturerbe.

Besonders machte sie sich um die Bewahrung der Erinnerung an die wissenschaftliche und publizistische Arbeit ihres berühmten Vaters verdient, indem sie dessen wichtigste Schriften herausgab. 1992 gelang es ihr, an der Bar-Ilan-Universität das Joseph-Carlebach-Institut zu gründen, das seitdem dieser Beschäftigung eine institutionelle Heimat bietet.

Seit den 80er-Jahren reiste Miriam Gillis-Carlebach immer wieder nach Hamburg.

Aber auch ihrer Mutter wusste Gillis-Carlebach ein Denkmal zu setzen: Ihre Familienchronik aus der Perspektive auf Lotte Carlebach – das Buch trägt den Titel Jedes Kind ist mein Einziges – entwickelte sich zu einem Bestseller.

Seit den 80er-Jahren reiste Miriam Gillis-Carlebach immer wieder nach Hamburg, um Kontakte zu knüpfen und das Gespräch zu suchen. Wie schwer es ihr gefallen sein muss, das Land der Mörder ihrer Familie aufzusuchen, ist kaum einzuschätzen.

Versöhnung Dennoch war es ihr ein intensives Bedürfnis, wieder Fäden des Miteinanders, des Vertrauens und der Versöhnung zu knüpfen. Aus der engen Zusammenarbeit des Joseph-Carlebach-Instituts mit der Universität Hamburg seit den frühen 90er-Jahren ist eine Tradition erwachsen, von der auch Dokumentationen gemeinsamer wissenschaftlicher Konferenzen beredtes Zeugnis ablegen.

All die Auszeichnungen konnten den erlittenen Verlust nicht ersetzen.

Miriam Gillis-Carlebach ist allen, die mit ihr zusammentrafen, als außergewöhnliche Persönlichkeit in lebendiger Erinnerung geblieben. Ihr unermüdliches Engagement und ihre Beharrlichkeit, die sie mit ethischer Verantwortung und Warmherzigkeit verband, waren eine Inspiration für alle, die das Privileg hatten, ihr zu begegnen. Wenige Tage vor Vollendung ihres 98. Lebensjahres, am 28. Januar, ist Miriam Gillis-Carlebach in Petach Tikwa im Kreise ihrer Familie friedlich eingeschlafen.

Öffentliche Wertschätzung und Anerkennung hat Miriam Gillis-Carlebach in Deutschland in vielfältiger Weise erhalten. Doch machen wir uns nichts vor: All diese Auszeichnungen konnten den erlittenen Verlust nicht ersetzen. Aber Miriam Gillis-Carlebachs Wirken war auch auf die Zukunft gerichtet. Es liegt an uns, dieses Vermächtnis zu bewahren.

Der Autor ist stellvertrender Direktor des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg und Co-Sprecher des Joseph Carlebach-Arbeitskreises an der Universität Hamburg.

Meinung

Wie Georg Restle die Glaubwürdigkeit des ÖRR untergräbt

Nach dem X-Post des Journalisten hat sich Felix Schotland, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, an WDR-Programmdirektorin Andrea Schafarczyk gewandt. Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut

von Felix Schotland  07.08.2026

Berlin

Einsatz gegen Judenhass: Iris Berben erhält Deutschen Kulturpolitikpreis

Die Schauspielerin steht nicht nur vor der Kamera, sondern engagiert sich auch ehrenamtlich. Der Deutsche Kulturrat würdigt diese Leistung mit einem Preis. Igor Levit ist Laudator

 07.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  07.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  06.08.2026

London

Schwinden die Chancen auf einen jüdischen James Bond?

Seit Jahren wird darüber spekuliert, wer der neue 007 wird. Wenn es nach Produzentin Amy Pascal geht, fällt die Entscheidung bald. Stehen die Chancen für Aaron Taylor-Johnson weiterhin gut?

 06.08.2026

Kulturkolumne

Abschied von einer Gerechten

Laura Cazés erinnert an die Journalistin Marija (Mia) Latković

von Laura Cazés  06.08.2026

Theater

Abschied vom Ich

Jossi Wieler bringt Peter Handkes Stück »Schnee von gestern, Schnee von morgen« bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung

von Nicole Golombek  06.08.2026

Zahl der Woche

4 Etagen

Fun Facts und Wissenswertes

 05.08.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 6. August bis zum 13. August

 05.08.2026