Erinnerung

Besondere Maßstäbe

Stéphane Hessel (1917–2013) Foto: dpa

Erinnerung

Besondere Maßstäbe

Stéphane Hessel, Israel und das Judentum

von Rüdiger Suchsland  05.03.2013 10:07 Uhr

In Nachrufen weltweit ist der vergangene Woche im Alter von 95 Jahren verstorbene französische Résistancekämpfer, Diplomat und Buchautor Stéphane Hessel als große moralische Instanz unserer Zeit gewürdigt worden. Immer wieder verwiesen wurde dabei auf seine 2010 zuerst in Frankreich erschienene, dann international in Millionenauflage verbreitete Streitschrift Empört Euch! In seinem Heimatland freilich war Hessel eben wegen dieser 14-seitigen Publikation insbesondere in der jüdischen Gemeinschaft umstritten. Nicht die globalisierungskritische Stoßrichtung des Büchleins stand dabei in der Kritik, sondern dass der Verfasser, wie viele meinten, einseitig den Staat Israel ins Visier nahm, den Hessel wegen des Gazakriegs 2010 scharf kritisierte.

identifizierung In der Tat war dieser Krieg in Empört Euch! der einzige konkret genannte Konflikt, während es dort sonst nur in allgemein gehaltenen Tönen um Gerechtigkeit auf der Welt ging. Dabei war Stéphane Hessel, 1917 in Berlin als Sohn des Schriftstellers Franz Hessel geboren, väterlicherseits selbst jüdischer Herkunft. »Eigentlich bin ich ein ›falscher Jude‹, denn die Mutter muss ja jüdisch sein – bei mir ist es der Vater. Ich habe keine jüdische Erziehung gehabt.

Ich bin nicht beschnitten worden«, erzählte Hessel in einem Interview mit dieser Zeitung im März 2011. Zum Juden sei er im KZ Buchenwald geworden, in das die Deutschen den jungen Résistancekämpfer 1944 nach seiner Festnahme durch die Gestapo deportiert hatten. »Spätestens seit dem Lager und gerade durch diese Erfahrung empfinde ich tiefe, existenzielle Solidarität mit dem Judentum. Und von da an fühlte ich mich selbst unbedingt als Jude.«

»Gerade darum«, so Hessel, falle seine Kritik an Israel so scharf aus: »Weil ich mich als Jude empfinde und eine Solidarität gerade mit den Juden habe, die in Israel leben, habe ich große Angst, dass Israel sich gehen lässt und sich von dem entfremdet, was es in seinen Anfangsjahren gewesen ist – ein weltanschauliches und demokratisches Modell, in das wir unsere Kinder geschickt haben, um in den Kibbuzim zu lernen, wie man als Demokrat lebt.« Als Besatzungsmacht seit dem Junikrieg von 1967 habe Israel sich von diesen ursprünglichen Werten entfernt: »Das werfe ich den Regierungen vor, aber leider auch der Bevölkerung.«

Was den Vorwurf der Einseitigkeit angehe, so lege er, sagte Hessel, an Israel in der Tat strengere Maßstäbe an als an andere Länder. Zum einen, weil es ein jüdischer Staat sei: »Wenn mir jemand sagt: Israel ist eben ein Land wie jedes andere, nichts Besonderes, dann sage ich: Nein. Wir dürfen die Schoa nicht vergessen. Nicht aus Furcht, dass sie sich wiederholen könnte. Aber wir Juden haben eine Geschichte von zwei Jahrtausenden Verfolgung hinter uns und den größtmöglichen Schrecken vor gerade 70 Jahren.«

völkerrecht Außerdem, so Hessel, der als junger Diplomat 1946 an der Erarbeitung der UN-Menschenrechtscharta beteiligt war, habe Israel eine besondere Verpflichtung gegenüber dem Völkerrecht und den Vereinten Nationen: »Erstens würde Israel überhaupt nicht existieren, wenn nicht die UNO diese Staatsgründung befürwortet hätte. Es gibt also eine gegenseitige Verantwortung: Wir sind gegründet worden aus Recht, durch eine Rechtscharta.

Darum müssen wir uns auch rechtsstaatlich verhalten, nicht rein machtstaatlich. Zweitens: Die Zukunft von Israel ist langfristig davon bestimmt, dass es aus der augenblicklichen Kriegssituation herausfindet. Das ist doch keine Zukunft! Daher empfinde ich es als meine besondere Verantwortung Israel gegenüber, laut zu sagen: Die israelische Regierung muss das internationale Recht akzeptieren. Das internationale Recht und die UNO wollen Israel ja auch beschützen.«

Trotz aller Kritik an der Politik des jüdischen Staats – von Antizionisten gleich welcher Couleur wollte Stéphane Hessel sich nicht vereinnahmen lassen. Wegen der Schoa sei die Menschheit »verpflichtet, den Juden ihren Staat zu garantieren. Und der muss in Palästina sein – da fühlen wir uns zu Hause.«

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