Literatur

Berliner Runde in Jerusalem

Die deutsch-israelischen Beziehungen sind fast genauso alt wie die Jerusalemer Buchmesse: Die beiden Staaten feiern in diesem Jahr das 50. Jubiläum der diplomatischen Beziehungen – auch auf der Jerusalem International Book Fair (JIBF), die 2015 bereits zum 52. Mal stattfindet, in diesem Jahr vom 8. bis zum 12. Februar und mit zahlreichen deutschen Themen.

berlin-hype Die literarische Verbindung zwischen beiden Ländern hat Tradition, betont Yoel Makov, Direktor der Buchmesse. Die kulturellen Kontakte seien sogar älter und stärker verwurzelt als die diplomatischen Beziehungen. »Viele, die aus Deutschland eingewandert sind, blieben der deutschen Kultur verbunden. Und in den vergangenen 20 Jahren sind immer mehr deutsche Bücher ins Hebräische und umgekehrt übersetzt worden«, so Makov: »Literatur und Kultur sind die besten Wege, um sich gegenseitig kennen- und verstehen zu lernen und sich auszutauschen.«

Eines der Themen in der kommenden Woche ist der Berlin-Hype unter den jungen Israelis, die Gründe dafür und die Auswirkung auf das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland. »Seit einigen Jahren findet auf der Jerusalemer Buchmesse die sogenannte ›Berliner Runde‹ statt. In diesem Jahr wird es um genau dieses Phänomen, Israelis in Berlin, gehen«, erklärt Kerstin Malka-Winter vom Goethe-Institut Tel Aviv, das eng mit den Veranstaltern der Buchmesse zusammenarbeitet. Zu den Teilnehmern der »Berliner Runde« gehören der deutsche Botschafter Andreas Michaelis, Fania Oz-Salzberger, Autorin des Buchs Israelis in Berlin (2001), und Eldad Beck, Deutschlandkorrespondent der Zeitung »Yedioth Achronioth«, dessen Buch Germania, Acheret (»Deutschland, oder«) 2014 erschienen ist.

Der Historiker Moshe Zimmermann wird mit dem Autor Dietrich Schulze-Marmeling über dessen Buch Der FC Bayern und seine Juden sprechen, das sich mit den jüdischen Spielern und dem jüdischen Präsidenten Kurt Landauer des Münchner Traditionsvereins beschäftigt. Jennifer Teege liest aus ihrem Werk Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen. Die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers setzt sich darin mit ihrem Großvater, dem KZ-Kommandanten Amon Göth, auseinander. Teege ist nicht zum ersten Mal in Israel. »Vor 20 Jahren war sie bei uns Praktikantin, während sie in Israel studiert hat«, erinnert sich Kerstin Malka-Winter vom Goethe-Institut.

preisträger Nicht nur aus Deutschland kommt Besuch nach Jerusalem. Rund 200 Autoren und andere Gäste aus insgesamt 22 Ländern werden bei der Buchmesse anwesend sein, unter ihnen der Träger des diesjährigen »Jerusalempreises für die Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft«, der albanische Schriftsteller Ismail Kadare. Kadare, so Buchmessendirektor Makov, habe sich in seinem Werk auch während der Zeit der kommunistischen Diktatur mit den Rechten des Individuums befasst. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten unter anderen Bertrand Russell, Simone de Beauvoir, Milan Kundera und – als bisher einziger Deutscher – 1993 Stefan Heym. Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat wird die Auszeichnung am Eröffnungsabend überreichen.

Eine große Veränderung ist in diesem Jahr der Veranstaltungsort: nicht wie bisher das internationale Kongresszentrum in Jerusalem, sondern die First Station, der ehemalige Bahnhof der Stadt, der zu einer angesagten Ausgehmeile mit Cafés, Restaurants, kleinen Läden und Veranstaltungsräumen umgebaut wurde. »Wir hoffen, dass wir damit in diesem Jahr auch mehr junge Menschen anziehen können, die in den vergangenen Jahren immer weniger wurden«, so Yoel Makov.

Außerdem können die Besucher der Buchmesse in diesem Jahr Zitate deutscher Dichter und Denker einstecken: Die Verschwindende Wand ist eine Installation mit 5000 Holzklötzen, auf denen berühmte Zitate auf Deutsch, Hebräisch und Arabisch geschrieben sind – zum Mitnehmen. Nach und nach verschwindet dadurch die Wand.

Jerusalem International Book Fair. 8. bis 12. Februar. The First Station Compound, David Remez Street 4, Jerusalem

www.jbookfair.com

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich bei bestimmten Melodien weinen muss

von Nicole Dreyfus  14.07.2024

Documenta

Findungskommission, die zweite

Die neue Künstlerische Leitung soll von einem »multiperspektivisch« besetzten Expertengremium gesucht werden

von Eugen El  14.07.2024

Angriffe auf Mahnmale

Das soll propalästinensisch sein?

Anti-israelische Aktivisten attackieren Schoa-Denkmäler. Sogar eine Anne-Frank-Skulptur in Amsterdam wurde nun beschmiert. Mehr Hass geht nicht.

von Sophie Albers Ben Chamo  12.07.2024

Kino

Der Fritz-Gerlich-Preis 2024 geht an »Tatami«

Erste Kooperation von Filmemachern aus Israel und dem Iran

von Marius Nobach  12.07.2024

Antisemitismus

Rapper Mois stachelt zum Judenhass auf

Ein Streit zwischen zwei Szenegrößen im Deutschrap sorgte in den vergangenen drei Wochen für einen Anstieg an antisemitischen Hasskommentaren in den sozialen Medien

von Ralf Fischer  12.07.2024

Meinung

Angriff auf FU-Präsident: Gewalt ist Gewalt

Warum die Attacken auf Politikerinnen und Akademiker wie FU-Präsident Günter Ziegler so gefährlich sind

von Ayala Goldmann  12.07.2024

Literatur

»Jeder hat ein Geheimnis«

Der israelische Schriftsteller Eshkol Nevo über Wahrheit, Sexszenen und seine Arbeit als Therapeut nach dem 7. Oktober

von Tobias Kühn  11.07.2024

Geheimisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

 11.07.2024

Film

Kino mit Auftrag

In »Führer und Verführer« illustriert Joachim Lang die Geschichte von Hitler und Goebbels – und will auch Antidemokraten von heute entlarven

von Jens Balkenborg  11.07.2024