Studie

Berlinale-Gründer wichtiger Funktionär der NS-Propaganda

Alfred Bauer (Mitte) mit den Schauspielern Horst Buchholz (r.) und Mario Adorf (l.) bei einem Empfang 1975 Foto: dpa

Berlinale-Chef mit NS-Vergangenheit: Der erste Leiter der Internationalen Filmfestspielen Berlin, Alfred Bauer, hat nach einer neuen Studie eine bedeutendere Rolle im nationalsozialistischen Regime gespielt als bisher bekannt.

Nach 1945 habe Bauer seine Stellung in der Filmindustrie in der NS-Zeit systematisch verschleiert, heißt es in einer von der Berlinale in Auftrag gegebenen Untersuchung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ).

Verhalten Die Erkenntnisse über Bauers Verantwortlichkeiten in der Reichsfilmintendanz und sein Verhalten im Entnazifizierungsverfahren seien bestürzend, erklärte Berlinale-Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek am Mittwoch. Bauer hatte die Berlinale von ihren Anfängen 1951 bis 1976 geleitet. Nach seinem Tod wurde eine Auszeichnung nach ihm benannt.

Der Reichsfilmintendant stand in direktem Austausch mit Goebbels.

Es stelle sich die Frage, welche personellen Kontinuitäten die deutsche Kulturszene in den Nachkriegsjahren prägten, erklärte Rissenbeek weiter. »Durch die neuen Kenntnisse verändert sich auch der Blick auf die Gründungsjahre der Berlinale.« Die Niederländerin Rissenbeek und der Italiener Carlo Chatrian stehen seit dem Sommer 2019 an der Spitze der Filmfestspiele.

Filmwesen Der Autor der Studie, der Historiker Tobias Hof, kommt nach IfZ-Angaben zu dem Schluss, dass Bauer durch seine Tätigkeit
bei der Reichsfilmintendanz einen nicht unwesentlichen Beitrag zum Funktionieren des deutschen Filmwesens während der NS-Diktatur und damit zu ihrer Stabilisierung und Legitimierung geleistet habe.

Hof hatte Untersuchungen zur Geschichte des NS-Films ausgewertet und unter anderem im Bundesarchiv, den National Archives and Record Administration in Washington und der Deutschen Kinemathek recherchiert. Dabei sei deutlich geworden, so das IfZ, dass Bauer als Referent der Reichsfilmintendanz von 1942 bis 1945 über die gesamte deutschen Filmindustrie bestens informiert war und im Bereich der
Produktionsplanung eine zentrale Rolle spielte.

In der Nachkriegszeit wollte sich Bauer offenbar das Image eines NS-Gegners geben.

Die Reichsfilmintendanz war als zentrale Institution zur Steuerung der Filmproduktion im NS-Regime durch einen Erlass des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, vom 28. Februar 1942 geschaffen worden. Der Reichsfilmintendant stand in direktem Austausch mit Goebbels.

Dokumente Als einer der beiden Referenten des Reichsfilmintendanten sei Bauer für die eigentliche Bearbeitung der Geschäftsgänge zuständig gewesen. Die Dokumente ließen erkennen, dass er sich dabei der Rolle der Reichsfilmintendanz bewusst gewesen sein und die Bedeutung des Films für das NS-Gesellschafts- und Herrschaftsprojekt erkannt haben musste.

Nach Angaben von Hof hatte sich der Jurist Bauer bereits ab 1933 verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen angeschlossen und war 1937 Mitglied der NSDAP geworden.

Weitere Studien zur Nachkriegs-Filmbranche sollen blinde Flecke untersuchen.

Während seines Entnazifizierungsverfahrens (1945–1947) habe er durch bewusste Falschaussagen, Halbwahrheiten und Behauptungen seine Rolle im NS-Regime zu verschleiern versucht und sich in den teils chaotischen Verhältnissen im Berlin der Nachkriegszeit das Image eines NS-Gegners konstruiert.

Dreistigkeit Historiker Hof hebt dabei Bauers »Dreistigkeit und Penetranz« hervor. Am 6. Juli 1950 habe er dem Berliner Bürgermeister Ernst Reuter, den drei alliierten Stadtkommandanten sowie dem Verband der Berliner Filmwirtschaft eine Denkschrift über die Gründung eines Filminstituts sowie eines Filmfestivals vorgeschlagen. Das Festival startete dann unter Bauers Leitung im Juni 1951.

Die IfZ-Studie weist zudem darauf hin, dass es noch zahlreiche Forschungslücken bei der Betrachtung der Nachkriegs-Filmbranche gibt. Eine weitere Studie sollte diese blinden Flecken untersuchen.

Hollywood

Zwei große Favoriten für die Oscars - und jede Menge Außenseiter

Zwei Filme, die originell zwischen allen Genres hin- und herspringen, führen das Oscar-Rennen an - und das mit einer neuen Rekordzahl von Nominierungen. Doch in der Nacht zum Montag könnte es auch Überraschungen geben

von Marius Nobach  12.03.2026

Berlin

Wirbel um Weimer: Regierung weist Rücktrittsforderung zurück

Erst gab es Debatten über Antisemitismus auf der Berlinale, jetzt über den Buchhandlungspreis: Die Bundesregierung stellt sich hinter ihren Kulturstaatsminister Wolfram Weimer

von Julia Kilian, Verena Schmitt-Roschmann, Sabrina Szameitat, Silke Sullivan  12.03.2026

Aufgegabelt

Kräuter-Hühnersuppe mit Hawaij

Rezepte und Leckeres

von Katrin Richter  12.03.2026

Der Rest der Welt

Der Rest der Welt

Eine Überdosis an Chatgruppen oder Was das Jüdische daran ist

von Nicole Dreyfus  12.03.2026

Tischtennis

Wer waren Marty Reisman und Alojzy Ehrlich?

Der Oscar-nominierte Film »Marty Supreme« knüpft an wahre Biografien an

von Martin Krauss  12.03.2026

Hollywood

Curtis zu Chalamets Opernspruch: Vermächtnis beschädigt

Oper und Ballett interessierten niemanden mehr: Mit solchen Äußerungen sorgt der Oscar-nominierte Timothée Chalamet weiter für Wirbel. Nun meldete sich auch Oscarpreisträgerin Jamie Lee Curtis zu Wort

 12.03.2026

Kolumne

Die Schließung des HIAS Wien ist das Ende einer Ära

Aus für einen Leuchtturm: Die Hebrew Immigrant Aid Society war die erste Anlaufstelle für sowjetische Juden, die in den Westen oder nach Israel auswandern wollten

von Eugen El  12.03.2026

Kinderfilm

Mit dem Aufzug ins Jahr 1938

»Das geheime Stockwerk« zeigt die Zeitreise eines Jungen als Detektivgeschichte. Ein gelungener und mehrfach ausgezeichneter Kinderfilm

von Gabriele Hermani  12.03.2026

Solingen

100 Porträts jüdischer Künstlerinnen im Zentrum für verfolgte Künste

Die Ausstellung erzählt von künstlerischen Lebenswegen zwischen Krieg, Verfolgung und Neubeginn, wie das Museum ankündigte

 11.03.2026