Finale

Benis Welt

Der Talmud schreibt, dass man nicht versuchen soll, einen Choleriker während seiner Wutattacke auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Die Gefahr sei zu groß, dass die Faust des Tobenden im Gesicht des Mahnenden lande. Wie so oft in unseren Schriften, spricht hier die Lebensklugheit unserer Rabbinen.

Ich versuche, daraus zu lernen. Vorigen Freitag zum Beispiel fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Es herrschte eine Affenhitze, der Bus war so überfüllt, dass manche Fahrgäste auf den Stufen der Türen standen. Ich hatte noch Glück und fand einen Stehplatz neben dem Busfahrer. Der wirkte genervt. Nicht nur war es extrem heiß im Bus, unglaublich viele Fahrgäste stanken auch. Und als wäre das noch nicht genug, musste der Bus auch noch wegen eines Unfalls eine Umleitung fahren.

a...loch Dort passierte es dann. Eine junge Radlerin versperrte uns kurz den Weg. »F... dich, du A...loch!« schrie der Busfahrer die Frau durch das halb geöffnete Fenster an. Mein erster Impuls war, einzugreifen und den Mann zu ermahnen. War das nicht sogar eine Mizwa? Aber dann fiel mir ein, was im Talmud steht. Also schaute ich den Fahrer an und nickte zustimmend. Er freute sich. Vielleicht hatte ich mit meiner Geste dem Wuntentbrannten den Wind aus den Segeln genommen.

Hundert Meter weiter war eine Schule. Eine Schülerlotsin versuchte, den Verkehr zu dirigieren. Der Bus fuhr direkt an das Mädchen heran, bremste nur Zentimeter vor ihr ab, der Fahrer brüllte auch sie an. Wieder nickte ich ermunternd. Kurz später, als wir um eine Ecke biegen wollten, lief eine alte Frau über die Straße. »Mach, schon, du alte Schnecke!«, schrie der immer noch wütende Fahrer. Offenbar hatten meine gestischen Besänftigungsversuche nicht funktioniert. Also setzte ich verbale Mittel ein. »Am besten heute noch!«, rief ich der alten Dame zu. Außerdem schlurfte sie tatsächlich so langsam wie eine Schnecke.

pech An der nächsten Haltestelle kam eine Frau mit Kinderwagen angerannt. Genau in dem Moment, als sie außer Atem den Bus erreicht hatte, schloss der Fahrer die Türen und fuhr ab. »Pech gehabt!«, kommentierte ich. Der Fahrer grinste. Die folgende Station war in der Nähe einer Jugendherberge. Einige ostasiatische Rucksacktouristen standen dort und schauten unsicher in ihre Stadtpläne hinein. Pech für sie, der Bus fuhr weiter, ohne anzuhalten. Wir beide lachten.

Als wir an der Endhaltestelle ankamen, war der Fahrer überhaupt nicht mehr genervt, sondern dank mir bester Laune. Ich war stolz auf mich. Ich hatte einen Zornigen besänftigt. Wer hätte gedacht, dass talmudische Weisheiten zu befolgen so viel Spaß machen kann.

Rezension

Wie wurden wir, was wir wurden?

Der Judaist Peter Schäfer erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte des aschkenasischen Judentums – faktengesättigt, klar gegliedert und mit einer provokanten These zu Mutterland und Diaspora

von Michael Wolffsohn  18.10.2026

Aufgegabelt

Salat mit gerösteten grünen Bohnen

Rezept der Woche

von Yotam Ottolenghi  18.10.2026

Ausstellung

Hinweise auf Hamas-Symbol - Museum Friedland verschiebt Schau

Bundespräsident Steinmeier war schon angekündigt, um die erweiterte Ausstellung des Museums Friedland bei Göttingen neu zu eröffnen. Nun verschiebt sich der Termin. Hintergrund ist ein antisemitisches Symbol

 18.10.2026

Großbritannien

Wegen Unterstützung von Palestine Action: Britischer Verlag nimmt Sally Rooneys Bücher vom Markt

Die irische Bestsellerautorin ist für ihre Unterstützung der in Großbritannien als Terrorgruppe eingestuften Organisation bekannt. Sie sei bereit, die Konsequenzen zu tragen, sagt Rooney

 16.10.2026

Wolf Biermann

»Israel ist mir näher als alle übrigen Länder dieser Welt«

Der Liedermacher wird 90 Jahre alt. Ein Gespräch über den Krieg gegen Unterdrückung, seine Eltern, den 7. Oktober und über neuen Faschismus

von Tobias Kühn  16.10.2026

Boca Raton (Florida)

Billy Joel kann derzeit weder Auto fahren noch auftreten

Der jüdische Sänger, Pianist und Komponist leidet unter einer Gehirnerkrankung

 16.10.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum ich keine Flugangst mehr habe

von Katrin Richter  15.10.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter  15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026