Ruth Westheimer

»Bei manchen Fragen werde ich rot«

Die Sexualtherapeutin über den neuen Dokumentarfilm »Fragen Sie Dr. Ruth«, ihr Wirken und warum sie noch heute Handgranaten werfen könnte

von Julia Manfredi  20.08.2020 12:17 Uhr

Könnte heute noch immer Handgranaten werfen: Ruth Westheimer Foto: imago images/Everett Collection

Die Sexualtherapeutin über den neuen Dokumentarfilm »Fragen Sie Dr. Ruth«, ihr Wirken und warum sie noch heute Handgranaten werfen könnte

von Julia Manfredi  20.08.2020 12:17 Uhr

Frau Westheimer, diese Woche läuft der Film »Fragen Sie Dr. Ruth« in den deutschen Kinos an. Über Sie und Ihr Leben ist wirklich viel bekannt, aber dass Sie mal eine gute Scharfschützin waren und Handgranaten werfen können, eher nicht, oder?
(lacht) Ja, darüber spreche ich auch nicht jeden Tag. Aber glauben Sie mir, ich habe es nicht verlernt! Als ich nach Palästina kam, gingen wir alle in irgendeine Einheit, um das Land zu verteidigen. Aus irgendeinem Grund habe ich mich entschieden, Scharfschützin zu werden. Dann wurde ich an meinem 20. Geburtstag in Jerusalem von einem Raketenprojektil an beiden Beinen schwer verletzt. Ich hatte großes Glück, dass ein Arzt zugegen war und mich rettete. Ich kann gehen, ich kann wandern, und bis vor Kurzem war ich auch eine ausgezeichnete Skifahrerin. Ich kann auch immer noch Handgranaten auf Journalisten werfen, wenn sie mir keine guten Fragen stellen. Also passen Sie besser gut auf!

Wir sind vorgewarnt. Sie gelten als die Sexualtherapeutin überhaupt. Gibt es da eigentlich Fragen, bei denen selbst Sie erröten?
Oh ja, die gibt es. Und dann werde ich nicht nur rot. Wenn mir in der Vergangenheit solche Fragen gestellt wurden, habe ich durchaus auch mal »Nächste Frage« oder »Dumme Frage« geantwortet.

Ich habe mein Privatleben immer privat gehalten. Der letzte Satz in »Fragen Sie Dr. Ruth« lautet: »Sie werden nie wissen, wie viel Geld ich habe, und Sie werden nie wissen, mit wem ich schlafe.«

Also heute keine Fragen zum Thema Sex, stattdessen zu Ihrem Leben.
Ich habe mein Privatleben immer privat gehalten. Der letzte Satz in »Fragen Sie Dr. Ruth« lautet: »Sie werden nie wissen, wie viel Geld ich habe, und Sie werden nie wissen, mit wem ich schlafe. Nächste Frage.«

Welche Fragen, die mit Ihrem Beruf zu tun haben, sollte man denn auch lieber bei Ihnen meiden?
Da gibt es viele – zum Beispiel Fragen zu Sex mit Tieren. Ich antworte dann: »Ich bin kein Tierarzt.« Es gab natürlich auch Fragen zu Gewalt, gewalttätigem Sex, worauf sich einige einlassen. Das ist nicht mein Ding, und auch hier antworte ich immer: »Nächste Frage.«

Es dauerte lange, bis das Bewusstsein für Transgender- und LGBTQ-Themen in der Mainstream-Gesellschaft Einzug hielt. War dieser Bereich der menschlichen Sexualität schon immer auf Ihrem Radar, oder mussten auch Sie in Bezug auf neue geschlechtsspezifische Identitäten und Haltungen aufholen?
Ich bin keine Expertin in Gender-Fragen. Ich lese aber, was dazu geschrieben wird. Ich hoffe und warte auf eine wissenschaftlich validierte Studie von einer angesehenen Universität, um mehr darüber zu erfahren. In dem Film über mich werden Sie erfahren, dass ich mich für die Rechte von Homosexuellen und Frauen einsetze. Aber ich beantworte keine Fragen zu diesem Thema, weil ich zu wenig darüber weiß. Es ist mir nie peinlich zu sagen: »Ich weiß es nicht, ich brauche mehr Daten.« Also, in Bezug auf Homosexualität habe ich immer gesagt, laut und deutlich: »Wir kennen die Ätiologie (Ursachenforschung, Anm. d. Red.) nicht. Respekt ist aber nicht diskutabel.« Meiner Meinung nach gilt das für alle Geschlechterfragen. Jeder Mensch muss respektiert werden. Was mich sehr beunruhigt, ist, dass einige – nicht unbedingt Journalisten – nicht anerkennen, dass es so etwas wie spezifische Geschlechterfragen gibt, und ich mache mir Sorgen angesichts der Suizidgefahr mancher Betroffenen. Ich mache mir Sorgen um die Menschen, die das Gefühl haben, in ihrer Haut, im Körper eines anderen Geschlechts gefangen zu sein, und deshalb depressiv werden.

Haben sich die Fragen im Laufe der Jahre verändert, oder trauen sich die Menschen heute schlicht eher, mehr Fragen zu stellen?
Spannende Frage. Ich bekomme heute kaum noch Fragen über vorzeitige Ejakulation oder darüber, dass Frauen keinen Orgasmus haben können, das beantworten mittlerweile zahllose Bücher. Ich schreibe gerade eine neue Ausgabe von »Sex For Dummies« – speziell für die Millennial-Generation. Denn heute geht es meist um Einsamkeit, darum, niemanden zu finden, mit dem man sein Leben oder seine Erfahrungen teilen kann – es geht nicht mehr nur um Sex. Ich unterrichte an der Columbia-Universität, dazu seit fünf Jahren auch in Yale, Princeton und Hunter. Ich bin sehr besorgt, dass viele junge Menschen die Kunst der Konversation nicht mehr beherrschen. Alle sitzen bloß noch vor ihren Handys. Diese Entwicklung besorgt mich.

Viele Menschen im Westen haben wenig existenzielle Probleme und sind doch vergleichsweise unglücklich. Ganz im Gegenteil zu Ihnen. Sie haben so viele Probleme in Ihrem Leben gemeistert, und doch strahlen Sie so viel Lebensfreude aus! Wie gelingt Ihnen das?
Eines meiner letzten Bücher heißt »The Doctor Is In: Dr. Ruth on Love, Life, and Joie de Vivre«. Es handelt von der Lebensfreude, weil ich in den ersten zehn Jahren meines Lebens in einer liebevollen Familie lebte. Meine Mutter, mein Vater und ich lebten mit meiner Großmutter. Meine frühe, sehr herzliche und liebevolle Sozialisierung in einem orthodox-jüdischen Heim war also sehr erfolgreich.

Wie meinen Sie das genau?
Ich habe eine Studie durchgeführt: Ich untersuchte das Schicksal der anderen 50 Kinder, die mit mir von Deutschland in die Schweiz gerettet wurden, die wegen des Holocausts zu Waisen wurden, und was mit ihnen geschah. Es ist interessant, dass niemand von ihnen Selbstmord beging, drogensüchtig oder klinisch depressiv wurde. Ich glaube, das liegt an unserer frühen Sozialisation. Der Jüngste von uns war damals sechs Jahre alt, ich war zehn, der Älteste vielleicht 15. Die ersten Jahre ihres Lebens und meines Lebens verbrachten sie in einer liebevollen, intakten Familie, und ich glaube, das war es, was uns half, zu überleben, als wir zu Waisen wurden und andere schreckliche Dinge erlebten – wie den Krieg in Israel und so weiter.

Begleiten Sie die schrecklichen Erinnerungen an die Schoa trotzdem noch manchmal?
Ich thematisiere das im Film und nehme den Regisseur mit nach Israel, nach Yad Vashem. Ich bin im Vorstand des New Yorker Museum of Jewish Heritage. Meine ganze Familie wurde ermordet: meine Eltern, meine Großeltern, meine Großmutter, bei der wir lebten. Ich habe dem Regisseur im Film gezeigt, dass die Nazis das alles präzise dokumentiert haben. Sie haben die Daten, wann sie welche Juden getötet haben, notiert. Neben dem Namen meiner Mutter steht das deutsche Wort »verschollen« – ein schreckliches Wort. Es bedeutet »verschwunden«. Also habe ich es ihm gezeigt, weil ich der nächsten Generation und der dritten Generation – meinen Kindern und Enkeln – zeigen wollte, dass wir aufstehen müssen, um wahrgenommen zu werden, um nie zu vergessen. Der Holocaust richtete sich nicht nur gegen Juden. Er richtete sich auch gegen Homosexuelle, Sinti und Roma, und vergessen wir nicht, dass er sich auch gegen Menschen mit Behinderungen richtete. Deshalb engagiere ich mich. Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, die Erinnerung begleitet mich natürlich noch heute. Ich versuche aber, diese Energie in etwas Positives zu verwandeln.

Inwiefern?
Ich engagiere mich. Vor einger Zeit hatte ich eine neue Ausstellung vorbereitet. Wenn Sie das hier lesen: Kommen Sie nach New York und sehen Sie sich die Ausstellung im Museum of Jewish Heritage an! Es ist die aufwühlendste und faszinierendste Ausstellung über Auschwitz. Niemand – weder die Leugner des Holocaust noch jene, die über »Holocaustmüdigkeit« sprechen – wird von der Ausstellung unberührt bleiben.

Wissen Sie was? Heutzutage halte ich mich beim Spazierengehen an gut aussehenden Typen fest, anstatt einen Stock zu nehmen.

In dem Film spielt dieser Teil Ihrer Biografie auch eine größere Rolle. Wie fanden Sie die animierten Sequenzen, die diese Zeit reflektieren?
Zunächst war ich etwas besorgt. Ich dachte: »Ach, du meine Güte. Der Film wird mich zu einer Karikatur machen, einer Comicfigur.« Ich muss Ihnen sagen: Der Regisseur Ryan White ist brillant! Brillant, weil die Animation einfach wunderschön ist. Eine Szene spielt am Frankfurter Hauptbahnhof – wo meine Mutter und meine Großmutter mich zum Zug in die Schweiz gebracht haben. Wenn ich nicht in diesen Zug gestiegen wäre, wäre ich nicht mehr am Leben. Dieses Opfer, um das einzige Kind in Sicherheit zu bringen! Die Illustratoren zeigten den Bahnhof mit meiner Mutter und meiner Großmutter, als ob wir allein in diesem Bahnhof gewesen wären. Das stimmte natürlich nicht. An diesem Morgen sind 300 deutsche Kinder in die Schweiz in Sicherheit gebracht worden. Sie hatten alle Familien. Was sie repräsentierten und was sie taten, ohne je mit mir zu sprechen. Die Szene zeigt meine damalige Einsamkeit. So wie mein Vater winkte, als er von den Nazis aufgegriffen wurde, obwohl er sicher entsetzt war. Er sah mich am Fenster in der Wohnung und winkte. Auch ich winkte im Bahnhof. Im Film wirkt der Bahnhof so, als ob er leer gewesen wäre. Das war ein brillanter Schachzug, um die Einsamkeit darzustellen. Eineinhalb Jahre war ich sehr vorsichtig im Umgang mit dem Regisseur Ryan White. Ich habe ihm keine persönlichen Fragen gestellt, und ich ließ nicht zu, dass er mir persönliche Fragen stellte. Das hat sich mittlerweile geändert. Ich vertraue ihm. Jetzt sind wir gute Freunde.

Eine letzte Frage für heute, liebe Frau Westheimer: In dem Film bekommt man einen Eindruck davon, wie vital und umtriebig Sie auch mit 92 Jahren noch immer sind. Was ist Ihr Geheimnis eines langen, immer noch aktiven Lebens?
Zunächst einmal werde ich nie in den Ruhestand gehen. Ich sage allen, dass sie sich nicht zurückziehen, sondern neu vernetzen sollen. Ich bin sehr glücklich, dass ich so gesund bin. Bis vor ein paar Jahren bin ich noch Ski gelaufen. Ich glaube, ein Grund ist, dass ich immer viel Glück hatte. Ich war mit meinen Mann 38 Jahre zusammen, vor 20 Jahren ist er gestorben. Ich habe zwei wunderbare Kinder und die besten Enkelkinder der Welt. Es interessiert mich, was jemand wie Ryan tut, was er früher getan hat, das Projekt mit mir, und was er jetzt tut. Und, wissen Sie was? Heutzutage halte ich mich beim Spazierengehen an gut aussehenden Typen fest, anstatt einen Stock zu nehmen.

Mit der deutsch-amerikanischen Sexualtherapeutin sprach Julia Manfredi.

Ab 27. August im Kino.

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