Weimar

Barock, Klezmer und Hip-Hop

Orchester, Solisten und Chor: Internationale Sänger und Musikerinnen haben das »Glikl Oratorye – A Musical Herstory« von Alan Bern einstudiert. Foto: Thomas Müller

Glikl von Hameln – der Name hat Gewicht, sie ist vielen als eine bewundernswerte couragierte Frau im Gedächtnis. Vermutlich wurde sie 1647 in Hamburg geboren. Ganz genau kann man das heute nicht belegen. Doch bekannt ist, dass Glikl 1691 damit begann, ihr Leben aufzuschreiben.

Bis dahin hatte sie 14 Kinder geboren, nicht alle erreichten das Erwachsenenalter. Sie führte nach dem Tod ihres Mannes Chaijm dessen Kaufmannsgeschäft allein weiter, handelte mit Schmuck und Strümpfen. Sie besuchte Messen und begab sich auf Reisen: Amsterdam, Wien, Paris, Leipzig gehörten zu ihren Zielen.

Und: Sie war erfolgreich als Geschäftsfrau. Aus dem Schuldenberg ihres Mannes schuf sie ein florierendes Unternehmen. Dennoch war ihr Leben ein Auf und Ab an Schönem, Tragischem, Freude und Schmerz. Auch die zweite Ehe brachte ihr eher finanzielle Probleme. Glikl von Hameln musste in ihrem Leben mehrfach ganz von vorn anfangen und schrieb den Kummer einfach nieder, um die Last von der Seele zu bekommen.

Die Judaistin Diana Matut schrieb das Libretto und übersetzte die Quelle neu aus dem Westjiddischen.

Genau diesen Stoff greift jetzt ein »Oratorye«-Oratorium auf, das in Weimar uraufgeführt wird. Diana Matut, Judaistin und Expertin für jiddische Sprache, schrieb das Libretto dazu und hat nochmals die originale Quelle zur Hand genommen und aus dem Westjiddischen übersetzt. Auch, um ein Gefühl für die Themen dieser beeindruckenden Frau und ihre Zwischentöne zu bekommen.

BILDUNGSHORIZONT »Was es zu entdecken gibt, ist sehr vielfältig«, sagt Matut. »Neben der sehr privaten Geschichte sind es vor allem auch Einblicke in ihre Lektüre. Wir können sehen, was für einen unglaublich breiten Bildungshorizont Glikl hatte. Sie hat nicht nur die frommen Bücher ihrer Zeit gelesen, Bücher über Moral und Bräuche, sie hat auch säkulare Werke wahrgenommen und rezipiert. Sie war eine sehr belesene und breit aufgestellte Frau.«

Die originalen Notizen sind nicht mehr vorhanden, wohl aber das, was ihr Sohn, Rabbiner Moses Hameln-Goldschmidt, angefertigt hat. »Zum einen ist es ein sehr privater Blick auf jüdische Geschichte, und es ist eines der frühesten Zeugnisse überhaupt für nicht-adeliges, bürgerliches weibliches Schreiben. Da ist Glikl eine der großen Vorreiterinnen ihrer Zeit. Sie hat ihre sieben kleinen Büchlein, wie sie sie nannte, nicht für die Veröffentlichung bestimmt. Sie hat sie für ihre Kinder intendiert, die sie später lesen sollten, und um Erinnerungen festzuhalten, aber nicht für ein großes Publikum«, sagt Diana Matut.

PUBLIKUM Das große Publikum gibt es jetzt trotzdem – 35 Studierende aus Israel, Europa und Deutschland haben sich intensiv dem Leben der Glikl von Hameln gewidmet. Es ist ein Projekt der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, gefördert im Rahmen des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«.

Internationale Sänger und Musikerinnen haben die Sprache gelernt und die Kompositionen von Alan Bern einstudiert. Der Musikwissenschaftler und Gründer des Yiddish Summer Weimar lässt, dem Libretto entsprechend, die historische Figur der Glikl gleich in mehreren Epochen auftreten.

Zum einen mit barocker Musik im 17. und 18. Jahrhundert, zum anderen mit Klezmer, der Musik um 1900 bis hin zu Jazz, Pop und Hip-Hop. Ganz bewusst soll es auch um den heutigen Bezug gehen, um heutige Ebenen, sagt Alan Bern. »Warum machen wir dieses Stück? Wir versuchen nicht nur einen Platz für Geschichten in Schubladen zu finden, sondern wollen diese verschiedenen Epochen so zusammenfließen lassen, dass wir heute etwas davon haben und lernen.«

epochen So spannt sich seine Musik durch die jeweiligen Epochen. Diana Matut lässt im Text Glikl von Hameln und ihre Kinder zu Wort kommen und baut den Bogen zu weiteren Personen, weiteren »Glikls«, Menschen, die tatsächlich gelebt haben, zum Beispiel der Schauspielerin Ida Kamínska: Sie hat viele Jahrzehnte lang Glikl repräsentiert und auf der Bühne gespielt, nicht nur in Warschau, sondern auch im amerikanischen Exil und dann später in den 50er-Jahren in Berlin.

Als »weitere Glikls« kommen Bertha Pappenheim und eine junge Jüdin von heute vor.

Auch Bertha Pappenheim kommt in diesem Oratorium als Person (und somit eine weitere Glikl) vor. Sie gehört übrigens zu den echten Nachkommen der wahren Glikl von Hameln, genau wie Heinrich Heine. »Sie war eine ganz große Figur der jüdischen Frauenbewegung des frühen 20. Jahrhunderts«, erklärt Diana Matut. Pappenheim habe erstmals Glikls Werke aus dem Westjiddischen ins Deutsche übersetzt.

ERBE Auch eine Person (noch eine Glikl) aus der heutigen Zeit kommt zu Wort: eine junge, namenlose Frau der Gegenwart, Jüdin, die sich mit ihrer Geschichte, dem Erbe und der Sprache ihrer Großeltern auseinandersetzt.

Ein Oratorium also, das uns heute mitnimmt in die Zeit am Ende des 17. Jahrhunderts, in der eine mutige Frau ihr Leben bestritt und uns darüber ihre Autobiografie hinterließ. Eine Frau, von der es vermutlich viele damals gab, unabhängig von Religionen und dem Stand in einer Gesellschaft. Weil genau diese Normalität selten so umfangreich als Sprachschatz bis heute vorhanden ist, macht es das Werk der Glikl von Hameln so wertvoll. Auch, weil ihr Leben (trotz ihres Namens, abgeleitet aus dem Jiddischen vom Wort »Glück«) nicht immer strahlend glatt verlief.

»Sie ist das außergewöhnlich Gewöhnliche einer jüdischen Frau der frühen Neuzeit«, fasst Diana Matut zusammen. »Ich glaube, sie hatte Humor. Sie erzählt Geschichten, die Frauen ohne Humor niemals mitgeteilt hätten, wenn es zum Beispiel um ihr Aussehen geht, wie sie gekleidet ist. Sie hatte ein Augenzwinkern, auch wenn sie die Banalität vieler Alltagsdinge beschreibt, etwa die des Reisens.«

So würden die Erfahrungen nochmals in ein anderes Licht gerückt, und es liest sich so leicht, aber man muss auch darüber nachdenken, was es bedeutete, damals zu reisen, und welche Gefahren und Schwierigkeiten damit einhergingen.

Nach der Premiere am 30. März an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar sind am 31. März Aufführungen im Kaisersaal in Erfurt, am 2. April als Teil der Jüdischen Kulturtage von Sachsen-Anhalt an der Universität Halle und am 3. April in Schloss Horst in Gelsenkirchen geplant.

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