TV-Kritik

Bambi statt Platzhirsch

Die neue Besetzung des »Literarischen Quartetts«: Kolumnist Maxim Biller, Moderatorin und Autorin Christine Westermann und »Spiegel«-Literaturchef Volker Weidermann (v.l.) Foto: Jule Roehr/ZDF/dpa

Das Literarische Quartett war früher ein Ereignis. Als Marcel Reich-Ranicki 1988 die erste Sendung mit den Worten begann: »Wir werden über Bücher sprechen, und zwar, wie wir immer sprechen: liebevoll und etwas gemein, gütig und vielleicht ein bisschen bösartig«, konnte keiner ahnen, dass hier gerade ein Stück deutscher Fernseh- und Literaturgeschichte geschrieben wurde.

In mehr als 70 Sendungen besprachen der ebenso streitbare wie unterhaltsame Reich-Ranicki mit seinen Kollegen Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und einem jeweils anderen Gast vor einem Millionenpublikum die neuesten Bucherscheinungen. Der geschäftige Literaturbetrieb hielt dann für einen Moment den Atem an. Lobte vor allem Reich-Ranicki ein Buch – »fabelhaft«, »sensationell«, »kolossal gut« –, knallten in den Verlagen die Korken. Verriss er aber einen Roman – »miserabel«, »furchtbar«, »der Autor kann kein Deutsch« –, hatte der betroffene Schriftsteller ein Problem.

premiere Dementsprechend groß war die Aufregung, als das ZDF Anfang des Jahres die Neuauflage des Literarischen Quartetts ankündigte. Schon seit Langem hat es kein Format mehr im deutschen Fernsehen gegeben, dessen Premiere mit so großer Spannung erwartet wurde. Am Freitagabend nun wurde die erste Sendung ausgestrahlt. Und geändert hat sich seitdem – zumindest auf den ersten Blick – nicht viel. Reich-Ranickis Nachfolger Volker Weidermann vom »Spiegel« kündigte zu Beginn der Sendung an, dass es erneut ausschließlich um Bücher gehen solle. Keine Einspielfilmchen. Keine Werbeunterbrechungen. Keine Jingles. Und schon gar nicht Einigkeit. So weit, so gut.

Das war es dann aber auch schon mit den Parallelen. Dieses Quartett ist ein gänzlich anderes Quartett als das Original. Wo die Literaturkritiker früher polterten, polemisierten und im besten Sinne des Wortes miteinander und um der Literatur willen stritten, herrscht jetzt fast nur noch Zaghaftigkeit und Kleinkariertheit. An die Stelle von Überzeugung und Emphase ist überwiegend Relativismus und Subjektivismus getreten.

rolle Über den neuen Roman von Ilija Trojanow urteilte Volker Weidermann etwa: »Das ist eine Art Literatur, die mir persönlich nicht gefällt.« Zurückhaltender geht es nicht. Der Kritiker sucht seine Rolle noch. An vielen Stellen wirkt er zudem schlecht vorbereitet und unsicher. Mit gutem Grund verglich Alex Rühle in der »Süddeutschen Zeitung« den Auftritt des Kritikers mit einem erschrockenen Fluchttier. Bambi statt Platzhirsch gewissermaßen.

Dabei hatte der Spiegel-Kulturchef im Vorfeld der Sendung in zahlreichen Interviews angekündigt, dass er die Tradition des Quartetts weiterführen wolle und daran arbeite, »beruflich so rücksichtslos wie Reich-Ranicki zu werden«. Zumindest nach der ersten Sendung muss man konstatieren, dass dieses Vorhaben grandios gescheitert ist.

Ein Umstand, der auch mit der zweiten Literaturkritikerin» der Runde zu tun hat. Christine Westermann ist einem größeren Publikum durch die TV-Show Zimmer frei und Bestsellern mit Titeln wie Baby, wann heiratest du mich? bekannt geworden. Seit einigen Jahren moderiert sie im Radiosender WDR2 eine Literatursendung, in der sie nach eigener Aussage Bücher wohlgemerkt nicht rezensiert, sondern empfiehlt. Für sich selbst nimmt sie erst gar nicht in Anspruch, Literaturkritikerin zu sein. Zu Chigozie Obiomas genial-verstörendem Buch Der dunkle Fluss fiel ihr zum Unverständnis aller denn auch bloß Kritik an der Übersetzung ein, die in dem Hinweis gipfelte: «Ne Rotznase ist ne Rotznase ist ne Rotznase.»

lichtblick Einzig Maxim Biller war in dieser Sendung ein Lichtblick. Der notorisch schlecht gelaunte und zugleich stets geistreiche Schriftsteller weiß, dass man gnadenlos verkürzen, übertreiben und polemisieren muss, um im Fernsehen mit seinen 45 Sekunden kurzen Statements verstanden zu werden. In Bezug auf Obiomas Buch ist ihm kein Superlativ zu stark: genial, das beste Buch seit Jahren, fast so gut wie Kafkas Prozess. Karl Ove Knausgards sechsbändigen autobiografischen Zyklus nennt er «existenziell», den neuen Roman von Peter Gardos «Holocaust-Kitsch». Das sitzt.

Biller kennt zudem das erste Gebot der Unterhaltungsbranche: Egal, was du tust – du darfst nicht langweilen! Und er gibt dem Affen nur allzu gern Zucker. Als Gastkritikerin Juli Zeh ihr stilistisches Unbehagen über das Buch des Nigerianers referiert, grätscht er dazwischen: «Jetzt sind wir aber wirklich in der Vorhölle der deutschen Literaturkritik angekommen.» Der Autor von Der gebrauchte Jude weiß, dass er mit Polemiken wie dieser Lacher beim Publikum erntet.

Doch auch Maxim Biller konnte die Sendung nicht retten. Die Neuauflage ist eine große Enttäuschung. Vom Esprit und Witz, von der analytischen Kraft und der intellektuellen Schlagfertigkeit der alten Sendung ist nicht viel geblieben. Da passte es auch, dass Moderator Weidermann die Sendung unfreiwillig treffend mit einem Zitat Reich-Ranickis beendete: «Bis zum nächsten Mal. Kopf hoch!»

Die nächste Sendung des «Literarischen Quartetts» wird am 6. November ausgestrahlt.

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