Ingeborg-Bachmann-Preis

Babuschkas Tod

»Ich teile nicht in Opfer und Täter«: Katja Petrowskaja Foto: Johannes Puch

Ingeborg-Bachmann-Preis

Babuschkas Tod

Mit einem Text über die Schoa gewann Katja Petrowskaja die begehrteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur

von Harald Loch  09.07.2013 07:06 Uhr

Drei Fragen beherrschten bei den diesjährigen 37. Tagen der deutschsprachigen Literatur im österreichischen Klagenfurt die Diskussionen: Was wird aus dem Ingeborg-Bachmann-Preis, nachdem der Österreichische Rundfunk (ORF) die Spendierhosen halb zugeknöpft hatte? Wer gewinnt die renommierte Auszeichnung diesmal? Und: Was wird aus dem Suhrkamp-Verlag?

Die erste Frage wurde am letzten Tag des Wettbewerbs unmittelbar vor der Preisverleihung vom Generaldirektor des ORF wie der gordische Knoten durchgehauen: »Wir sind stolz auf den Bachmann-Preis«, intonierte er und damit war klar: Es geht weiter mit der finanziellen Förderung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk der Alpenrepublik.

favoritin Der zweiten Frage, deretwegen Hunderte Literaturinteressierte nach Klagenfurt gekommen waren oder zu Tausenden die Live-Übertragungen auf 3sat verfolgt hatten und im Internet zeitgleich die in sieben europäische Sprachen übersetzten Originalbeiträge mitlasen – der Frage, wer den mit 25.000 Euro dotierten, begehrtesten deutschsprachigen Literaturpreis gewinnen würde, war zwei Tage zuvor von Katja Petrowskaja mit ihrer Lesung etwas von der großen Spannung genommen worden. Vorher gab es keine Wetten auf sie, danach war sie die Favoritin.

Katja Petrowskaja kam 1970 im ukrainischen Kiew zur Welt. 29 Jahre zuvor, im Jahre 1941, machte sich ihre Familie auf die Flucht vor der heranziehenden deutschen Wehrmacht. Ihr Vater war damals ein Junge. Zunächst passte er gar nicht auf den Fluchtwagen. Es musste erst ein Ficus abgeladen werden, um Platz für ihn zu machen. Diesen Ficus reibt die Autorin an der Fiktion ihres Schreibens. Ihr Vater also überlebte, sonst gäbe es sie ja nicht.

Aber die Babuschka des Vaters, seine Großmutter, kam damals nicht mit. Sie konnte nicht mehr gehen, und die Familie glaubte, sie, eine alte Frau, könne nicht gefährdet sein. Gegen den Rat aller folgte die Babuschka aber dem Aufruf der Deutschen, alle Juden sollten sich melden. Mit letzter Kraft schleppte sie sich auf die Straße, hatte ein gewisses Vertrauen zu den Deutschen, die ja gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Kiew für Ordnung gesorgt hatten und sprach einen deutschen Offizier auf Jiddisch an.

»›Cher Offizehr‹, begann Babuschka mit ihrem unverkennbaren Anhauch, überzeugt davon, sie spreche Deutsch: ›Zeyn Zi so Fayn, sagen Sie mir, was soll ick den machen? Ikh hon di plakatn gezen mit instrukzies far Yidn, aber ich kann nicht so gut laufen, ikh kann loyfn azoy schnel.‹ Sie wurde auf der Stelle erschossen.«

debatte Als Katja Petrowskaja diese Geschichte mit erstaunlicher literarischer Leichtigkeit las, hätte man in Klagenfurt eine Stecknadel fallen hören können. Die Jury war sich einig: ein wundervoller Text über ein großes Thema. »Kann und sollte man eine solche Geschichte erfinden?«, fragte dann aber Juror Paul Jandl und trat damit eine heftige Diskussion los. Denn eigentlich ist die Frage entschieden, ob die Schoa ein literarischer Topos sein kann.

Hubert Winkels, ebenfalls Jurymitglied, wies auf Jorge Semprún hin, der Soazig Aarons Holocaust-Roman Klaras Nein als das »erste starke, unvergessliche Zeichen der Kraft eines fiktiven literarischen Versuchs« bezeichnet hatte, »sich an kühne und bescheidene Rekonstruktionen unserer innersten Erfahrung der Vernichtung zu wagen, die auch ihre Rettung ist«.

Zu einem Gedankenaustausch zwischen Katja Petrowskaja und Paul Jandl nach der Lesung kam es nicht. Aber im Gespräch stellte die Autorin klar: »Am meisten hat mich gestört, dass ich mir die Geschichte meiner Urgroßmutter ›angeblich‹ ausgedacht hätte. (...) Aber ich habe alles so aufgeschrieben, wie es passiert ist. Es ist leider eine wahre Geschichte.«

Es war für Katja Petrowskaja wichtig, diese Geschichte auf Deutsch zu schreiben. Mitte der 90er-Jahre lernte sie ihren Mann kennen. Er ist Deutscher und hat, was ihm lange nicht bekannt gewesen war, jüdische Vorfahren. Seit 1999 lebt die Autorin mit ihm und ihren beiden Töchtern Rosa (13) und Marusja (11) in Berlin. Sie hat gegen Ende der Sowjetunion im estnischen Tartu (Dorpat) Literaturwissenschaft studiert und 1999 in Moskau in diesem Fach promoviert.

Diese Universität, eine schwedische Gründung aus dem Jahre 1632, wurde später unter Zar Alexander eine der angesehensten Hochschulen erst Russlands und später der Sowjetunion. Fernab der Machtzentrale in Moskau herrschte in Tartu eine etwas freiere Atmosphäre. Hier sammelten sich auch nach der antisemitischen Kampagne Stalins ab 1948 einige Gelehrte und Professoren jüdischer Herkunft. Besonders prägend für Katja Petrowskaja war Jurij Lotman, von dem sie gelernt habe, sagt sie, dass es in Bezug auf Räume und Nationen keine Schwarz-Weiß-Gerechtigkeit gebe.

familiengeheimnis Katja Petrowskajas Vater ist ein bedeutender russischer Literaturwissenschaftler, der zahlreiche Bücher geschrieben hat, von denen während der Sowjetunion nur wenige veröffentlicht werden konnten. Er arbeitete meistens zu Hause, von einer Art Berufsverbot betroffen. Er konnte seiner Tochter die Geschichte seiner Babuschka und damit auch die des Ficus nicht erzählen. Sie war wie ein Familiengeheimnis gehütet worden. Der Vater vertraute sie erst vor zwei Jahren dem deutschen Ehemann der Autorin an, und der hat sie ihr weitererzählt.

Ihre Familie hatte Katja Petrowskaja nicht mit nach Klagenfurt gebracht. Ihr Mann war bei ihrem Vater in Kiew, der dort die
3 Sat-Übertragung von der Lesung seiner Tochter verfolgte: »Ich glaube, er ist stolz, aber auch perplex, ein bisschen verlegen.« Und dann sagt die Autorin einen überraschenden Satz: »Für mich gehört der Krieg zu unserer ›Antike‹. Ich kann nicht nach dem Klischee ›Täter–Opfer‹ entscheiden. Wir haben ein gemeinsames Erbe. Für meinen Vater und seine Generation hat das noch eine andere Bedeutung. Ich fühle mich demgegenüber wie eine – im klassischen Sinne – ›Barbarin‹, wie eine, die in dieser grausamen Geschichte nicht mehr so verwurzelt ist. Aber ich brauche sie auch nicht mehr als ›Familiengeheimnis‹ zu behandeln – ich kann und will darüber schreiben. In der ›Vielleicht‹-Form, die meinen Klagenfurter Text trägt und die auch in den Titel meines Romans eingeflossen ist.«

Damit wären wir bei der dritten Frage, die Klagenfurt beherrschte: Was wird aus dem Suhrkamp-Verlag? Hildegard Keller, auf deren Vorschlag hin Katja Petrowskaja zum Lesen nach Klagenfurt eingeladen worden war, beantwortete sie in ihrer Laudatio unter Hinweis auf deren 2014 erscheinenden Roman Vielleicht Esther und fügte etwas kess hinzu: »Hoffentlich bei Suhrkamp.«

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