Finale

Ayalas Welt

Manchmal verfluche ich meinen Job. Als »Judenexpertin« kann man sich in deutschen Medien zwar (halbwegs) unentbehrlich machen. Allerdings besteht die Gefahr, dass die jüdische Brille die Sicht auf den Rest der Menschheit versperrt. Jüdische Feiertage, jüdische Macken, die Irren von Zion und der Dauerstreit in den jüdischen Gemeinden – ab und zu müssen andere Themen her, damit die intellektuellen Kapazitäten nicht auf das Niveau der Pisa-Ergebnisse israelischer Schul- kinder fallen.

zensur Die Berlinale, die vorige Woche begonnen hat, ist allerdings eine Gelegenheit, die jüdische Brille ganz bewusst aufzusetzen. Ansonsten müsste ich mir jetzt, wie etwa 3.000 andere akkreditierte Journalisten, den Kopf über den Film Tuan Yuan zerbrechen. Was hat es zu bedeuten, dass eine Liebesgeschichte zwischen einem Taiwanesen und einer Chinesin das Festival eröffnet hat? Warum bleibt die Frau bei ihrem drögen, geizigen Ehemann in Shanghai? Steckt dahinter eine politische Botschaft? Hat sich der Regisseur von der Zensurbehörde beeinflussen lassen? Und was ist im Kopf von Berlinale-Chef Dieter Kosslick vorgegangen, als er diesen netten, aber banalen Film für die Eröffnung auswählte? War es die Shanghai-Ente, die zum Schluss des Films auf dem Tisch dampft? Lief da dem Fan des »kulinarischen Kinos« das Wasser im Mund zusammen?

Aber über solche schwerwiegenden Fragen sollen sich die Gojim die Köpfe zerbrechen. Ich dagegen interviewe israelische Filmschaffende. Die reisen jedes Jahr in solchen Scharen an, dass sie ein ganzes Hotel füllen könnten. Allerdings habe ich dieses Jahr nicht Katry Schory mit meinem Mikrofon traktiert, den Direktor des Israel Film Fund, der mir seit drei Jahren immer dasselbe erzählt, nämlich dass der israelische Film noch besser geworden ist. Stattdessen habe ich mich mit einer israelischen Regisseurin unterhalten. Danach musste ich die jüdische Brille gleich wieder absetzen, denn mir wurde schwarz vor Augen.

fahrverbot Wussten Sie, dass es jüdische Taliban gibt? In manchen öffentlichen Bussen in Israel, das zeigt die Regisseurin in ihrem Film, müssen Frauen hinten sitzen, in einem abgetrennten Teil, weil ultraorthodoxe Rabbiner es so angeordnet haben. 90 solche Buslinien soll es im Land schon geben. Manche einflussreichen Chassidim, wie an den Höfen von Gur und Vishnitz, verbieten Frauen außerdem, den Führerschein zu machen (»widerspricht der Halacha«). Für eine junge, unverheiratete Haredifrau, die einen Führerschein hat, finden Schadchanim kaum noch einen Ehemann. Mittlerweile haben jüdische Taliban auch manche Supermärkte erobert: Zu bestimmten Stunden dürfen Frauen einkaufen, zu anderen Männer, säuberlich getrennt. Fehlt nur noch, dass separate Kinos für Frauen und Männer eingerichtet werden. Aber Taliban gehen ja nicht ins Kino. Ich habe bei der Berlinale, auch durch die jüdische Brille, zum Glück keinen gesehen.

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