Ausstellung

Autodidakt mit Leica

Fred Stein Foto: Estate of Fred Stein

Fred Stein? Wer war das? Hannah Arendt oder Willy Brandt hätten die Frage beantworten können. Arendt hielt den gebürtigen Dresdner für »einen der besten zeitgenössischen Porträtfotografen«, der frühere Bundeskanzler sprach ihm gar das Attribut »begnadet« zu.

Dass diese Urteile nicht eigener Eitelkeit entsprangen – Stein hatte beide porträtiert, mit Brandt war er zeitlebens befreundet –, sondern auch vor der Kunst- und Fotografiegeschichte Bestand haben, beweist die derzeitige Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin Im Augenblick. Fotografien von Fred Stein. Viele dieser Bilder kennt man, ohne zu wissen, wer ihr Urheber ist. Diese erste Retrospektive eines leidenschaftlichen Autodidakten, der über 1200 Porträtfotos von Prominenten des 20. Jahrhunderts angefertigt hat, ist ein fotografischer Schatz, der nun gehoben ist, und die längst überfällige Würdigung eines Fotografen, dessen früher Tod 1967 die verdiente Anerkennung lange verhinderte.

paris Zu verdanken ist die Schau einem Zufall: Bei einem Symposium über deutsche Intellektuelle im US-Exil vor gut drei Jahren in New York stieß die Mitorganisatorin Sigrid Weigel, Leiterin des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung, auf Fotos von Stein. Nach ihrer Rückkehr gab sie Cilly Kugelmann, der Programmdirektorin des Jüdischen Museums, den Tipp, sich doch einmal um den hierzulande weitgehend unbekannten Fotografen zu kümmern.

Stein, Sohn einer Religionslehrerin und eines Rabbiners, engagierte sich als Jurastudent in den späten 1920er-Jahren in der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. 1933 fingierte er eine Hochzeitsreise, um mit seiner Frau Lilo Deutschland verlassen zu können. Im Pariser Exil konnte er nicht als Jurist arbeiten und machte sein Hobby zum Beruf. Mit einer alten Leica fotografierte er Prominente wie Le Corbusier, André Malraux, Bertolt Brecht und Arthur Koestler, aber auch Architektur und Straßenleben von Paris – Rennradfahrer, Musikanten, Blumenverkäuferinnen, Paare im Schnee, Demonstranten und volkstümliche Vergnügungen wie Tanz, Cafébesuch oder Angeln.

Steins humanistische Grundeinstellung wird auf diesen Bildern sichtbar. Die Menschen wirken immer würdig. Das weiße Unterhemd eines demonstrierenden Arbeiters ist fleckenlos, der Flohmarkthändler trägt Krawatte und Weste, ein auf dem Rasen liegender Mann Uhrkette und Hut. Auch die Straßen sind sauber, die natürliche Beleuchtung durch das Sonnenlicht verleiht vielen der Fotos einen hellen Glanz. Es sind Aufnahmen eines Flaneurs, der Gefühl für Alltagssituationen und soziale Unterschiede hat, aber besonders für Ästhetik. Es ist ihre am Bauhaus orientierte formale Gestaltung und stille Schönheit, die diese stimmungsvollen Bilder von rein dokumentarischen oder anekdotischen unterscheidet.

new york Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird Fred Stein als feindlicher Ausländer interniert. Nach der Kapitulation 1940 schlägt er sich in die unbesetzte Zone durch. Von Marseille aus gelingt ihm mit Frau und Kind die Flucht nach New York. Ein Großteil seines Archivs, Fotos mit sozialer und politischer Thematik, bleibt zurück und wird vernichtet. In den USA dokumentiert Stein weiterhin Stadtarchitektur und Straßenleben: die aufstrebenden Linien der Hochhäuser, Reklameschilder oder die von unzähligen Lichtern gesprenkelte Silhouette Manhattans bei Nacht vermitteln den dynamischen Pulsschlag der Metropole. Seine Fotos von Baseballspielern im Central Park, Straßenjungen in Brooklyn, Menschenmassen, gespiegelt an der Decke einer U-Bahnstation oder Badegäste auf Coney Island, wirken weniger als Stilleben denn als Elemente einer großen New-York-Reportage.

Aufgrund gesundheitlicher Beschwerden konzentriert sich der Fotograf ab 1950 vor allem auf Porträtfotos. Sie sind das Herzstück seines Nachlasses, 60 von ihnen sind in der Ausstellung zu sehen, darunter Aufnahmen von Marc Chagall, Marlene Dietrich, Hannah Arendt, Albert Einstein, Hermann Hesse, Martin Buber oder Nikita Chruschtschow.

Fred Stein unterhielt sich gerne mit seinem Gegenüber, kannte stets dessen Werk und Lebensweg. Er fotografierte bei den Treffen quasi »nebenbei«, inszenierte keine Posen, sondern hielt mit psychologischem Feingefühl den Moment fest, der für ihn am ehesten etwas über den äußeren und inneren Menschen vor der Kamera aussagte. Der Charakter der Porträtierten wird auf Fred Steins Fotos ebenso deutlich wie die Persönlichkeit dieses großen Fotografen.

Geschichtsforschung

Mörderische Mitmacher

Der Historiker Götz Aly geht in seinem neuen Buch der »zentralsten Frage aller deutschen Fragen« nach: »Wie konnte das geschehen?«

von Till Schmidt  04.01.2026

Aufgegabelt

Gesunder Januar-Saft

Rezepte und Leckeres

 04.01.2026

Medizin

Mit mRNA-Impfstoff gegen die Lungenpest

In Israel ist der weltweit erste mRNA-basierte Impfstoff gegen ein tödliches antibiotika-resistentes Bakterium entwickelt worden

von Sabine Brandes  03.01.2026

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 02.01.2026 Aktualisiert

Theater

Zwischen Witz und Wut

Avishai Milstein erinnert in seinem neuen Stück in den Münchner Kammerspielen an Philipp Auerbach – mit Samuel Finzi in der Hauptrolle

von Michael Schleicher  02.01.2026

Be'eri

Nach dem 7. Oktober

Daniel Neumann hat den Kibbuz Be’eri besucht und fragt sich, wie es nach all dem Hass und Horror weitergehen kann. Er weiß, wenn überhaupt, dann nur in Israel

von Daniel Neumann  02.01.2026

W. Michael Blumenthal

»Jetzt wird es sich zeigen«

Der Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin wird 100 Jahre alt. Er floh 1939 nach Shanghai und ging 1947 in die USA. Heute fragt er sich, ob wir aus der Geschichte gelernt haben

von Axel Brüggemann  02.01.2026

Daniel Kahn

»Das Akkordeon war ein Schlüssel«

Der Musiker über seine Liebe zum Instrument des Jahres 2026

von Christine Schmitt  01.01.2026

Sehen!

Fast alles über Johann Strauss

Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien

von Tobias Kühn  31.12.2025