Ruth Weiss

Auszeichnung für eine Heimatlose

»Unerschrockene Aktivistin«: Ruth Weiss Foto: picture alliance / Andreas Keuchel

Ruth Weiss

Auszeichnung für eine Heimatlose

Die Schriftstellerin und Journalistin erhält mit 98 Jahren den OVID-Preis des Exil-PEN

von Roland Kaufhold  15.09.2022 10:11 Uhr

Heimatlosigkeit prägt Ruth Weiss’ beeindruckenden Lebensweg. 1924 wird sie als Ruth Löwenthal in einer religiösen jüdischen Familie in Fürth geboren. Die jüdischen Rituale geben ihr innere Sicherheit, die ihr helfen, bitterste Not und Bedrohungen zu überleben.

Nun wird die 98 Jahre alte Journalistin und Schriftstellerin mit dem OVID-Preis des PEN-Zentrums gewürdigt. Nach Guy Stern, Herta Müller und Wolf Biermann ist Ruth Weiss die vierte Preisträgerin. Die Jury lobt die Autorin als »eine herausragende Repräsentantin der deutsch-jüdischen Generation«, die als »unerschrockene Bürgerrechtsaktivisten« gegen das Apartheidsystem gekämpft und sich einen Ruf als Autorin erworben habe.

EHRENPRÄSIDENTIN Der Preis wird am 15. September vom PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland – so nennt sich der 1934 in England gegründete traditionsreiche Exil-PEN heute – gemeinsam mit der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main verliehen.

Die profilierte internationale Wirtschaftsjournalistin und Verfasserin einer Vielzahl belletristischer Werke ist zugleich Ehrenpräsidentin des Exil-PEN. Eine Heimat habe sie, die als zwölfjährige Jüdin noch rechtzeitig aus Deutschland nach Südafrika geflohen ist, nicht, betont die agile, lebensgewandte Autorin immer wieder. Ihre Heimat seien ihre Freunde weltweit.

1930 wird sie in Nürnberg eingeschult, ihr ein Jahr älterer Schulfreund ist ein gewisser, gleichfalls in Fürth geborener Heinz – später: Henry – Kissinger. Sie besucht ab 1930 in Nürnberg die Grundschule, 1933 wechselt sie an die Fürther Israelitische Realschule. Ihr Vater spürt früh die Gefahr: 1933 flieht er nach Südafrika, 1936 vermag seine Frau mit den beiden Kindern nach Südafrika zu folgen. Dann schließen sich auch dort die Tore für bedrohte Juden.

SÜDAFRIKA Als Ruth in Südafrika in der Schule erlebt, dass ihre dunkelhäutigen Freunde rassistisch diskriminiert und separiert werden, ist sie zutiefst empört. Sie weiß, was Rassismus bedeutet. Von 1941 bis 1944 arbeitet sie in einem Rechtsanwaltsbüro, dann in einer Buchhandlung ihres späteren Mannes Hans L. Weiss, später in einem Versicherungsbüro.

Kurzzeitig lebt sie in London. Ab 1954 arbeitet sie als Korrespondentin für deutsche Medien. 1966 bekommt sie einen Sohn, Sascha, die Ehe erfüllt sie nicht. Als Alleinerziehende arbeitet sie für zahlreiche internationale Blätter, hat persönliche Kontakte zu Nelson Mandela, Nadine Gordimer und zahlreichen weiteren Oppositionellen. Ihre sehr scharfe journalistische Kritik am Apartheidsystem bringt sie auf eine Schwarze Liste in Südafrika. Dann arbeitet Ruth in Zimbabwe und in Sambia.

1975 wagt sie es erstmals wieder, sich in Deutschland niederzulassen. Drei Jahre lang ist sie Chefin vom Dienst der Afrika-Redaktion der Deutschen Welle. Dort freundet sie sich mit ihrem Kollegen Peter Finkelgruen an und findet Anschluss an den Exil-PEN. Konfrontationen mit Antisemitismus treiben die Heimatlose wieder aus Deutschland weg, nach London. In Simbabwe wird sie Ausbilderin von Wirtschaftsjournalisten.

exil 1990, nach 24 Jahren erneutem Exil, vermag sie erstmals wieder, Südafrika zu besuchen. 2002 beginnt doch wieder ein Leben in Deutschland, in Lüdinghausen, wo sie einen großen politischen Freundeskreis um sich sammelt.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird sie 1994 durch die ZDF-Reihe Zeugen des Jahrhunderts, dann beginnt ihre Karriere als autobiografisch inspirierte Schriftstellerin: Frauen gegen Apartheid (1988) ist ihre Chronik des politischen Widerstandes. Ihre autobiografischen Erinnerungen Wege im harten Gras erscheinen 1994, ihr Lektor ist Lutz Kliche, der sie seitdem bei ihren Lesereisen begleitet. Vor zwei Wochen trat Weiss gemeinsam mit Kliche in der Kölner »Germania Judaica« auf. Er will auch die Laudatio bei der Verleihung des OVID-Preises halten.

Berlinale

Eine respektvolle Berlinale scheint möglich

Die 76. Berlinale hat mit Glamour, großen Gefühlen und einem wunderbaren Eröffnungsfilm begonnen. Respekt wurde großgeschrieben am ersten Tag. Nur auf der Pressekonferenz der Jury versuchte Journalist Tilo Jung vergeblich zu polarisieren

von Sophie Albers Ben Chamo  13.02.2026

Potsdam

Barberini-Museum zeigt deutsche Impressionisten

Drei große Sonderausstellungen präsentiert das Potsdamer Barberini-Museum pro Jahr. 2026 werden zum Auftakt Werke von Max Liebermann und weiteren Künstlern des Impressionismus in Deutschland gezeigt

 13.02.2026

Analyse

Historiker: Dirigent von Karajan kein Hitler-Sympathisant

Opportunist oder Gesinnungsnazi? Das historische Bild des Dirigenten Herbert von Karajan leidet seit Längerem unter seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Der Historiker Michael Wolffsohn will ihn nun von mehreren Vorwürfen freisprechen

von Johannes Peter Senk  13.02.2026

Berlinale-Film

Special Screening: David Cunio in Berlin erwartet

Das Kino Babylon zeigt vier Monate nach der Freilassung der israelischen Hamas-Geisel eine neue Fassung des Films »A Letter To David«

von Ayala Goldmann  12.02.2026

Meinung

Schuld und Sühne?

Martin Krauß irritiert der Umgang mancher Medien mit dem »Dschungelcamp«-König Gil Ofarim

von Martin Krauß  12.02.2026

Kulturkolumne

»Konti: Mission BRD«

Meine Bewältigung der Einwanderung nach Deutschland: Wie ich als Immigrant ein Brettspiel entwickelte

von Eugen El  12.02.2026

Hollywood

Rachel Weisz spielt in Neuauflage von »Die Mumie« mit

Beim dritten Teil hatte die Schauspielerin eine Mitwirkung abgelehnt, da sie das Drehbuch nicht überzeugt hatte. Auf den neuesten Film müssen Fans noch etwas warten

 12.02.2026

Erfurt

Jüdische Kulturtage mit mehr Sichtbarkeit in Israel

Dank eines gewachsenen Netzwerks erwarten die Organisatoren von Thüringens größtem jüdischen Festival zahlreiche Künstler aus Israel

 12.02.2026

Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Wieder läuft keine israelische Produktion im Wettbewerb. Dafür finden sich viele jüdische und israelische Perspektiven im gesamten Programm

von Sophie Albers Ben Chamo  11.02.2026