Kolumne

Aus der Schule des anarchischen Humors in Minsk

Wer wäre ich heute ohne die Schule des anarchischen Humors? Ich wuchs in den 90er-Jahren in der belarussischen Hauptstadt Minsk auf – die Sowjetunion war kollabiert, kurz bevor ich in die zweite Klasse kam. Für meine Eltern waren die Zeiten rau. Von der brutalen Realität der postsowjetischen Macht- und Verteilungskämpfe schirmten sie mich konsequent ab. Und so hießen meine maßgeblichen Lehrer Jim Abrahams, David Zucker, Jerry Zucker und Wiktor Schenderowitsch.

Unzählige Male sah ich die Nackte Kanone-Trilogie, die beiden Airplane!-Teile und die Actionfilmparodie Hot Shots auf raubkopierten Videokassetten mit dürftiger russischer Synchronisierung. Was in Deutschland abschätzig als »Klamauk« abgetan wird, wurde für mich zur Ermutigung, das allseitige falsche Pathos der Erwachsenenwelt und deren bestürzend schlechte Inszenierung von Macht und Geltung nicht ernst zu nehmen. Ob Actionhelden, Superstars oder Politiker: Niemand war vor dem radikal respekt­losen, entlarvenden Witz von »ZAZ« (Zucker, Abrahams & Zucker) sicher.

Die 90er-Jahre waren Sternstunden der politischen Satire im russischen TV

Die 90er-Jahre waren auch Sternstunden der politischen Satire im russischen Fernsehen. NTV, damals in Besitz des Medienmoguls Wladimir Gussinski, hatte mit Kukly und Itogo zwei Sendungen im Programm, deren schonungsloser humoristischer Umgang mit amtierenden Politikern auch in der heutigen Bundesrepublik unvorstellbar wäre.

In Kukly verwandelte sich das chaotische, korrupt-mafiöse System der Jelzin-Jahre samt dem nicht minder korrupten politischen Personal der angrenzenden Ex-Sowjetrepubliken in ein absurdes Puppentheater. Boris Jelzin taumelte als halbsenile, daueralkoholsierte Präsidenten­puppe durch die Sendung, Top-Oligarch Boris Beresowski erschien als durchtriebener Strippenzieher, und auch eine notorisch kühl, abgehackt und monoton daherredende Putin-Puppe hatte ihren Auftritt.

In Itogo sezierte der Satiriker Wiktor Schenderowitsch den täglichen Wahnsinn der wilden 90er mit trockenem, scharfem Witz. Garniert wurde die Sendung von Autoren, die das Tagesgeschehen mit satirischen Gedichten und Geschichten aus einer fiktiven Irrenanstalt kommentierten – und ebenso fiktive, vermeintlich von prominenten Politikern verfasste, erboste Zuschauerzuschriften vortrugen. Die »parasitäre Informationssendung« (O-Ton Schenderowitsch) parodierte zugleich das analytische Politikmagazin »Itogi« des seriös daherkommenden NTV-Kollegen Jewgeni Kisseljow.

In Putins neuem Russland sollte vor allem nicht über Putin gelacht werden dürfen

Im Kreml müssen sie sich vor diesem Fernsehduo gefürchtet haben. Der von Jelzin am 31. Dezember 1999 zum Nachfolger ernannte und einige Monate später in einer Wahl bestätigte russische Präsident Putin knöpfte sich schnell den missliebigen TV-Sender vor, der 2001 vom Gazprom-Konzern übernommen wurde. Kukly und Itogo wurden 2002 eingestellt. In Putins neuem Russland sollte vor allem nicht über Putin gelacht werden dürfen.

Die Folgen dieses Satireverbots sind heute offenkundig: Das humoristisch weitgehend trockengelegte Russland ist in den Faschismus abgeglitten.

Für meine damalige Schule des anarchischen Humors bin ich meinen Eltern umso dankbarer: Sie hat mich gegen jegliche Vergötzung von Macht und Machthabern immunisiert. Dass meine Lehrer – der kürzlich verstorbene Jim Abrahams sowie David Zucker, Jerry Zucker und Wiktor Schenderowitsch – Juden sind, ist kein Zufall: Humor als Mittel des gewaltlosen Widerstands ist eine genuin jüdische Erfindung!

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