Tokyo Reels Film Festival

Aufsichtsrat und Gesellschafter kritisieren Kuratoren

Im Kasseler »Gloria«-Kino werden umstrittene Filme des »Tokyo Reels Film Festival« gezeigt. Foto: IMAGO/epd

In der jüngsten Diskussion um Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta fifteen in Kassel haben der Aufsichtsrat und die Gesellschafter der documenta der Künstlerischen Leitung Verantwortungslosigkeit vorgeworfen.

Die Freiheit der Kunst sei ein hohes Gut und die exklusive künstlerische Verantwortung der documenta fifteen liege bei dem indonesischen Kuratorenkollektiv ruangrupa, erklärten sie am Freitag in einer gemeinsamen Pressemitteilung. »Die Kuratorinnen und Kuratoren weigern sich jedoch, die damit verbundene Verantwortung wahrzunehmen oder in eine selbstkritische Reflexion der Ereignisse zu gehen.«

aufarbeitung Die documenta fifteen wird schon seit Monaten von Antisemitismus-Vorwürfen begleitet. Zuletzt hatte sich ein von den Gesellschaftern zu deren Aufarbeitung berufenes Expertengremium dafür ausgesprochen, umstrittene propalästinensischen Propagandafilme des »Tokyo Reels Film Festival« nicht mehr zu zeigen, zumindest bis eine angemessene Kontextualisierung vorgenommen werde. Die Gesellschafter, die Stadt Kassel und das Land Hessen, schlossen sich dieser Forderung an, ruangrupa sowie die Geschäftsführung der documenta hingegen lehnten sie ab. Ruangrupa warf dem Expertengremium zudem Rassismus und Zensur vor.

»Diese Vorwürfe weisen wir auf das Schärfste zurück«, teilten der Aufsichtsrat und die Gesellschafter jetzt mit. Man bedaure und kritisiere, dass ruangrupa trotz anderslautender Empfehlungen auf die Fortsetzung der Vorführung der umstrittenen Filme »ohne kritische Einordnung der antisemitischen und gewaltverherrlichenden Inhalte« bestehe.

Der Aufsichtsrat und die Gesellschafter betrachteten es als notwendig, dass den Besucherinnen und Besuchern der documenta eine solche Einordnung zur Verfügung gestellt werde, hieß es weiter. »Wir bitten deshalb die Künstlerische Leitung, die einhellige Einschätzung der Fachwissenschaftlichen Begleitung in der Ausstellung ergänzend zur eigenen Kontextualisierung sichtbar zu machen.«

Alternativ behielten sich die Gesellschafter vor, »diese Informationen außerhalb der Ausstellungsräume im Öffentlichen Raum am Zugang zu den Vorführungsorten für die Besucherinnen und Besucher zur Verfügung zu stellen«.

Expertengremium Auch die Vorsitzende der Expertenkommission zu Antisemitismus auf der documenta, Nicole Deitelhoff, bekräftigte ihre Kritik an den antisemitischen Filmen auf der Weltkunstschau. »Es ist unerträglich, dass die jüdische Gemeinde aushalten musste, dass diese Filme weiter gezeigt wurden – und werden«, sagte Deitelhoff der »Welt am Sonntag«.

Deitelhoffs Gremium empfahl einen sofortigen Vorführstopp. »Kunstfreiheit ist in Deutschland ein sehr hohes Gut, das im Grundgesetz verankert ist«, sagte sie. »Sie erreicht aber ihre Grenzen, wenn andere Grundrechte oder die Menschenwürde systematisch verletzt werden.« Das sei bei den genannten Filmen gegeben. Sie hetzten gegen Israel und riefen sogar zum Terror auf. 

Eine mobilisierende Wirkung, etwa auf Jugendliche, könne man nicht ausschließen, fügte die Politikwissenschaftlerin hinzu. »Das kann Frustration, Wut, Hass und auch Motivationen hervorrufen, die niemand verantworten kann.« Auf der documenta gebe es beim Thema Nahost-Konflikt eine Einseitigkeit gegen Israel. »In einem solchen Setting gedeiht letztlich eine antizionistische, israelfeindliche und auch antisemitische Stimmung, die wir auf der documenta beobachten«, kritisierte die Politikwissenschaftlerin.

Die Kuratoren hätten nie das Gesamtbild der Kunstschau im Blick gehabt. Für die Zukunft müsse geklärt werden, wer in Problemfällen eingreift. In diesem Jahr habe das gefehlt, so Deitelhoff. »Niemand hat Verantwortung übernommen, sie wurde sogar rigoros abgelehnt.« Mit einer grundsätzlichen Überarbeitung des Ausstellungskonzepts solle die »Idee des horizontalen Kuratierens mit der gesamtkuratorischen Verantwortung in Einklang« gebracht werden. dpa/kna

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