Architektur

Aufbau Nahost

Ein Karton, darin ein Setzkasten: ein Stadtmodell, kleine Häuser aus Pappe, Nadeln, bequem zusammenklappbar und wie ein Koffer tragbar. Damit besuchte der Architekt Samuel Bickels entstehende Kibbuzim in Eretz Israel, um gemeinsam mit den Kibbuzniks basisdemokratisch den Siedlungsbau zu planen. »Ein geniales Werkzeug«, befindet der israelische Architekt Yuval Yasky.

Bickels, dessen Baukasten inzwischen ein fast schon mystisches Objekt des Zionismus geworden ist, war Bauhaus-Absolvent, wie viele der Architekten, die das Erscheinungsbild Israels in seinen ersten Jahrzehnten prägten. Die intime Verbindung zwischen der Kibbuz-Bewegung und der Kunstakademie beleuchtet das Bauhaus Dessau jetzt mit einer Reihe von Projekten.

Kernstück ist die Ausstellung Kibbuz und Bauhaus, kuratiert von Yasky und Galia Bar Or, der Direktorin des Kunstmuseums im Kibbuz Ein Harod. Die von der Friede-Springer-Stiftung geförderte Schau ist ein Kooperationsprojekt mit der Bezalel-Kunstakademie Jerusalem und dem Museum Ein Harod. Eröffnet wurde sie vergangene Woche, zu besichtigen ist sie bis zum 9. April 2012.

anfänge Die Ausstellung zeigt die philosophische Verwurzelung der Kibbuzbewegung im Zionismus des 19. Jahrhunderts, etwa den »Muskeljuden«-Thesen von Max Nordau. Degania, der erste Kibbuz, wird 1910 gegründet. In den folgenden Jahren entstehen weitere Kollektivfarmen, oft getragen von sozialistisch-zionistischen Jugendorganisationen wie dem Haschomer Hazair. In Europa bilden sich Trainingskibbuzim, in denen junge Juden auf das Leben in Palästina vorbereitet werden. Die Ausstellung zeigt Bilder der Pioniere und ihrer ersten, etwas chaotischen Versuche, Siedlungen zu bauen.

Zur selben Zeit gründet Walter Gropius in Weimar die Bauhaus-Kunstschule, die in wenigen Jahren zur Keimzelle des »Neuen Bauens« wird. Hier studieren Architekten wie Samuel Bickels und Richard Kauffmann, die später nach Eretz Israel gehen werden, um dort Kibbuzim zu bauen. Gleichzeitig kehren frühe Siedler wie Arieh Sharon oder Shmuel Mestechkin nach Europa zurück, um in Dessau zu lernen. Ihre Lebensläufe kann man anhand eigens gefertigter Erinnerungsbände nachvollziehen.

munio weinraub Einem dieser Architekten ist in Dessau ein eigenes Projekt gewidmet. Der israelische Regisseur Amos Gitai versucht in seiner Filminstallation Traces die frühen Jahre seines Vaters Munio Weinraub zu rekonstruieren, der in Dessau studierte und nach der Machtergreifung der Nazis gezwungen war, nach Palästina auszuwandern. Im Meisterhaus Muche-Schlemmer nahe des Bauhaus Dessau sind auf drei Etagen in verschiedenen Räumen Filmausschnitte zu sehen, die Episoden in Weinraubs Leben zeigen: Eine Fahrt um ein Sportstadion der Nazis ist unterlegt mit der Stimme von Hanna Schygulla, die Erinnerungen von Weinraub an seine letzten Jahre in Deutschland liest.

Man sieht einen Nazirichter, der das Urteil gegen Weinraub wegen »Verrat am deutschen Volk« verkündet. Die Schauspielerin Hanna Maron, die vor 80 Jahren als kleines Mädchen eines der Kinder in Fritz Langs Kinoklassiker M – eine Stadt sucht einen Mörder spielte und später Film- und Bühnenstar in Israel wurde, liest den Brief einer deutschen Freundin an Weinraub; dazu sieht man Bilder von Wellen.

Im Badezimmer ist eine Schreibmaschine projiziert, im Nebenraum trägt Jeanne Moreau einen Text von Weinraubs Frau und Gitais Mutter vor. Gitai, dessen Filme in Europa oft erfolgreicher als in Israel sind, entwirft ein buchstäbliches Haus der Erinnerungen.

urbanität Gezeigt wird auch, wie die Bauhauslehre in die Planung der Kibbuzim integriert wurde. In dem rauen Land mit seinem harschen Klima musste eine lebbare Umgebung geschaffen werden. Dabei orientierten sich Landschaftsgestalter auch an deutscher Gartenkultur, so Shlomo Oren-Weinberg, der in den Zwanzigern die »Israelitische Gartenbauschule Ahlem« besucht hatte.

Die entstehenden Kibbuzim verstanden sich nicht als Dörfer, sondern als urbane Siedlungen. Organisiert waren sie stets um große Speisesäle, die als Versammlungsorte und soziale Zentren dienten. Zur Urbanität gehörte auch der Bau von Schulen oder Museen. Das Museum in Ein Harod (geschickt von Bickels so entworfen, dass nur indirektes Licht genutzt wird) ist noch heute eine wichtige Adresse für israelische Gegenwartskunst.

renaissance Im letzten Teil der Ausstellung werden Videointerviews mit Kibbuzniks verschiedener Generationen gezeigt, wie Lotte Ramot, in Berlin geboren, die das Bildungssystem im Kibbuz, das um die »Kinderhäuser« kreist, nachhaltig prägte. Das letzte Wort in der Schau hat der Wissenschaftler Yossi Yonah.

Er sieht das aktuelle neue Aufleben der Kibbuz-Bewegung als große Chance für Israel, weil die jetzt entstehenden neuen Kibbuzim nicht mehr explizit an die »nationale Idee« gebunden sind wie in den Gründerjahren, sondern dazu dienen können, Werte wie Gemeinschaft und Gemeinnützigkeit dem ganzen Land exemplarisch vorzuleben. Nicht zufällig war Yonah eine der wichtigsten Stimmen bei den sozialen Protesten des Sommers.

»Kibbuz und Bauhaus«. Stiftung Bauhaus Dessau bis 9. April 2012

www.bauhaus-online.de

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