Medizintechnik

Auf die Bremse treten

Sogar unter die Dusche zu gehen, wurde für mich zu einem Kraftakt», erinnert sich Brenda Werner. «Immer wieder musste ich mich anschließend erst einmal hinsetzen, weil ich völlig erschöpft war», so die 56-Jährige aus Tyrone im US-Bundesstaat Pennsylvania. «Und nachts wurde ich oftmals wach, da ich plötzlich panisch nach Luft schnappen musste.»

Aufgrund dieser Symptome überwies sie ihr Hausarzt ins Krankenhaus. Dort diagnostizierte der zuständige Kardiologe George Sokos vom Allegheny General Hospital bei Werner eine kongestive Herzinsuffizienz. Das bedeutet, dass das Herz nicht mehr in der Lage ist, den Körper mit der notwendigen Blutmenge zu versorgen, ohne dass in den Herzvorhöfen ein Druckanstieg zu beobachten ist.

Doch trotz dieser wenig erfreulichen Nachricht hatte Brenda Werner Glück im Unglück. Denn der Herzspezialist war der Überzeugung, dass sie eine optimale Patientin sei, um ein neues Gerät namens CardioFit auszuprobieren. Schließlich war Sokos’ Krankenhaus als eine von 50 medizinischen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten ausgewählt worden, an einer klinischen Versuchsreihe teilzunehmen, bei der das in Israel entwickelte Gerät buchstäblich «auf Herz und Nieren» getestet werden sollte.

Im Juli wurde Brenda Werner der kleine Apparat, der auf den ersten Blick aussieht wie ein MP3-Player, unterhalb der rechten Schulter implantiert und drei Wochen später aktiviert. «Und keine zwei Monate später konnten wir bereits eine leichte Verbesserung feststellen», berichtet Dr. Sokos. «Diese geschah nicht von heute auf morgen, sondern stellte sich erst langsam ein.»

Fernbedienung Von der Größe her unterscheidet sich das vom Hightech-Unternehmen BioControl Medical in der Stadt Jehud entwickelte Gerät kaum von einem konventionellen Herzschrittmacher. Mittels einer Fernbedienung kann es programmiert werden. Seine Aufgabe ist es, den sogenannten Nervus Vagus, der an der Regulation der Tätigkeit so ziemlich aller inneren Organe beteiligt ist, zu stimulieren, um damit den Druck auf die gestresste Pumpe zu reduzieren und zu kontrollieren. «Eine Stimulation dieses Nervs, der sich vom Hirnstamm über den Nacken und bis in den Brustkorb und den Unterleib zieht, ist bereits in der Epilepsie-Therapie üblich», erklärt Ehud Cohen, Chef von BioControl Medical.

Um zu verdeutlichen, wie CardioFit ein mögliches Ungleichgewicht zwischen den relevanten Komponenten des vegetativen Nervensystems korrigieren kann, die für die Regulierung der Herzmuskelaktivität zuständig sind, benutzt Cohen gerne Bilder aus der Kfz-Mechanik zum Vergleich: «Das sympathische Nervensystem funktioniert dabei ähnlich wie das Gaspedal in einem Auto und das parasympathische ähnlich wie das Bremspedal», erklärt der Experte. «Wenn nun ein Fahrzeug zu stark beschleunigt, können konventionelle Medikamente so wirken, als ob man den Fuß vorsichtig vom Gaspedal nimmt.»

Aber beim «Bremspedal» funktioniert das nicht ganz so einfach, so Cohen. «Und da kommt CardioFit ins Spiel. »Unser Gerät stimuliert den Nervus Vagus und aktiviert damit das parasympathische Nervensystem.« Auf diese Weise lassen sich die Symptome einer Herzinsuffizienz abschwächen und eine weitere Verschlechterung vermeiden, weil die Heilungsmechanismen der Herzmuskeln wieder in Gang gesetzt werden. Genau das ist das eigentlich Revolutionäre an der CardioFit-Technik aus Israel.

Volksleiden Kongestive Herzinsuffizienz betrifft allein in den USA über fünf Millionen Menschen. Normalerweise erhalten sie Medikamente, doch oftmals versagen diese bei Patienten wie Brenda Werner, die unter massiver Atemnot und Erschöpfung leiden. »Im Extremfall hilft dann nur eine Herztransplantation, was natürlich sehr teuer und risikoreich ist«, so Sokos. »Wenn weitere Tests ebenfalls positiv ausfallen, dann kann CardioFit zu einer wichtigen Waffe gegen diese verbreitete Herzschwäche werden.«

Welches Potenzial hinter der israelischen Innovation stecken kann, das haben amerikanische Investoren bereits erkannt. 2010 hat Medtronic, das weltgrößte Biotech-Unternehmen, über 70 Millionen Dollar in die im Jahr 1999 gegründete israelische Firma gesteckt, um so eine Weiterentwicklung der Produkte zu ermöglichen. 35 Patente hat BioControl Medical seither angemeldet.

»In Europa ist CardioFit schon zugelassen«, berichtet Cohen nicht ohne Stolz. »Die Sicherheit und die Leistungsfähigkeit wurden in einer Studie unter Beweis gestellt, die in Deutschland, Italien, Serbien und den Niederlanden stattfand.« Das Ergebnis war eine deutlich messbare Verbesserung der Funktion der linken Herzkammer und ihrer Struktur sowie der Herzfrequenz sowohl im Ruhezustand als auch unter Belastung. »Die Patienten berichteten alle über eine Verbesserung ihrer Lebensqualität und konnten beispielsweise wieder kleine Spaziergänge problemlos bewältigen.« Die Bremse aus Israel scheint zu funktionieren.

»Paul-Spiegel-Filmfestival«

Sieben gute Filme

In Düsseldorf beginnen das Festival unter dem Motto »Jüdische Welten« mit einem besonderen Gast vor jedem Film

 16.04.2026

TV-Tipp

Der Elvis der Violine

Ivri Gitlis ist ein Phantom. Er bespielte mit seiner Geige die großen Bühnen und musizierte mit den Stars der Musikbranche. Seinen Namen kennen heute aber nur die wenigsten. Eine Arte-Doku begibt sich auf Spurensuche

von Manfred Riepe  16.04.2026

Paris

Einen Picasso für 100 Euro gewonnen

Das Auktionshaus Christie’s hat ein Gemälde des berühmten Malers für einen wohltätigen Zweck verlost. Gewonnen hat ein 59-Jähriger aus Paris

von Nicole Dreyfus  16.04.2026

»Scrubs«

Die Rückkehr der Anfänger

Nach 16 Jahren Pause geht es weiter mit der amerikanischen Krankenhaus-Serie. Aber funktioniert das Konzept noch?

von Ralf Balke  16.04.2026

Kulturkolumne

Wenn der Moderator nur sich selbst hört

Armin Laschet und die Absicht, ein Interview zu geben: Über Ambiguitätstoleranz im Deutschlandfunk

von Maria Ossowski  16.04.2026

Thriller

Israelische Serie »Unconditional« startet auf Apple TV

Orna reist mit ihrer 23-jährigen Tochter Gali nach Moskau. Kurz vor einem Flug wird Gali festgenommen. Damit beginnt Ornas Kampf für Gerechtigkeit

 16.04.2026

New York

Mehrere Juden auf neuer »Time«-Liste der einflussreichsten Menschen

Zwei jüdische Regierungschefs, drei Unternehmer und neun Künstler genießen nach Ansicht der Magazin-Autoren einen hohen Einfluss

von Imanuel Marcus  16.04.2026

London/Los Angeles

Unerwarteter Ticket-Boom: Royal Ballet bedankt sich bei Timothée Chalamet

Nach kritischen Bemerkungen des Hollywood-Stars steigen Reichweite und Ticketverkäufe in der Oper- und Ballett-Welt deutlich

 15.04.2026

London

Boy George unterstützt Israel online und erntet dafür Hass-Kommentare

»Es ist gerade sehr trendy, Israel zu hassen. Aber ich habe immer gesagt: ›Mode ist für die Zerbrechlichen, Stil für die Mutigen‹«, schreibt das Multitalent. Die Antworten lassen nicht lange auf sich warten

 14.04.2026