Meinung

Auf den Prüfstand

Nach dem Rauswurf von rbb-Intendantin Patricia Schlesinger: Warum die öffentlich-rechtlichen Sender Glaubwürdigkeit zurückgewinnen müssen

von Esther Schapira  01.09.2022 00:10 Uhr

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger wurde fristlos entlassen. Die ARD sollte die Krise nicht als reinen Einzelfall abwehren. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Nach dem Rauswurf von rbb-Intendantin Patricia Schlesinger: Warum die öffentlich-rechtlichen Sender Glaubwürdigkeit zurückgewinnen müssen

von Esther Schapira  01.09.2022 00:10 Uhr

Rücktritt, Rausschmiss, Ruf im Eimer: Das ist die bittere Bilanz Patricia Schlesingers. Ihr unbestechlicher Blick, ihr feines Gespür für Zusammenhänge und ihr analytischer Verstand, mit dem sie sich schlichten Schlussfolgerungen verweigerte – all das zeichnete die Journalistin Patricia Schlesinger aus, und es fehlte ihr als Managerin.

Dabei hat sie als Intendantin wichtige Akzente gesetzt, den kleinen Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) im Fernsehen, online mit Podcasts und in der Mediathek als innovativen und politisch engagierten Sender profiliert, etwa mit den TV-Produktionen über das KaDeWe, die gerade mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Filmdokumentationen Charité intensiv und Vernichtet – eine Familiengeschichte aus dem Holocaust oder der als Podcast des Jahres ausgezeichneten Sendung Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen? über den einstigen rbb-Moderator und Star der Corona-Leugner sowie seine Verschwörungserzählungen.

Redaktionell verantwortlich waren andere, aber als Intendantin hat Schlesinger dafür gesorgt, dass diese Produktionen ihren Platz im Programm hatten. Keine Selbstverständlichkeit in einem Sendegebiet, in dem viele der AfD ihre Stimme geben, die das alles für einen »Vogelschiss« hält und eng mit der Querdenker-Szene verflochten ist. Auch daran muss ich denken, wenn ich jetzt lese, wie der rbb-Scherbenhaufen zum Sturm auf das öffentlich-rechtliche System genutzt wird. Ich bin sauer und wütend, dass ausgerechnet sie es unseren Gegnern so leicht macht.

ERMITTLUNGEN Ob Patricia Schlesinger sich der Untreue und der Vorteilsnahme im rechtlichen Sinne schuldig gemacht hat, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Mit aberwitzigen Bonuszahlungen, teuren Dienstwagen und der luxuriösen Büroausstattung ist sie aber auf jeden Fall den Prinzipien untreu geworden, für die sie selbst so prominent stand. Denn Journalismus basiert auf Glaubwürdigkeit, also auf Integrität.

Die Empörung über die Causa Schlesinger ist auch deshalb besonders groß, weil es um unser geliebt-gehasstes öffentlich-rechtliches System geht, das wir solidarisch finanzieren, weil wir es brauchen. Gerade jetzt, in Zeiten der Filterblasen und Fake News, in denen Verschwörungserzählungen, Hass und Hetze über soziale Medien unsere Gesellschaft fluten, ist seriöse, recherchierte Information eine der Säulen unserer Demokratie und Glaubwürdigkeit die wichtigste Währung journalistischer Arbeit. Noch heute zehrt die BBC von ihrem guten Ruf als seriöse Informationsquelle, weil sie mitten im Zweiten Weltkrieg nicht nur die Erfolge der Alliierten, sondern auch Misserfolge gemeldet hatte.

Für die ARD heißt dies, dass nur schonungslose Offenheit im Umgang mit eigenen Fehlern zerstörtes Vertrauen wieder aufbauen kann. Die Journalist:innen im rbb tun dies, anders als ihre Geschäftsleitung, unerschrocken.

PRIVILEGIEN Das aber ist nur der erste Schritt. Die ARD insgesamt scheint noch immer zu hoffen, die Krise als reinen Einzelfall abwehren zu können. Vieles an diesem Skandal ist sicher einzigartig, aber über fragwürdige Privilegien, überzogene Managementgehälter und teure Beratersysteme, finanziert durch Programmeinsparungen, müssen auch andere Anstalten selbstkritisch reden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss sich zudem inhaltlich radikal auf den Prüfstand stellen, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, gerade bei den Anhänger:innen von Qualitätsjournalismus.

Seriöse, recherchierte Information ist eine Säule unserer Demokratie.
In dieser Krise liegt deshalb auch eine Chance für ARD und ZDF insgesamt: die mutige Besinnung auf unseren Markenkern und unsere Stärken. Wir müssen die Geschichten erzählen, die gerade nicht sofort auf offene Ohren treffen, und brauchen dafür einen langen Atem. »Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge« heißt eine jüdische Weisheit, die ich mir als Mahnung ins Büro gehängt hatte. Die ganze Geschichte zu erzählen, dafür fehlen in der Hektik der Aktualität und in der Gier nach Skandal und Klicks viel zu oft die Zeit und das Geld.

GAZA Meine Recherche zur Geschichte des palästinensischen Jungen Mohammed al Durah und die Aufklärung seines Todes im Gazastreifen hat sich fast ein Jahrzehnt hingezogen. Für solche Recherchen erhalten wir Gebühren. Eine Dokumentation wie München 1970 – als der Terror zu uns kam über die linke antisemitische Vorgeschichte des Olympia-Attentats in München, gehört zum Vermögen der ARD.

Unsere Welt ist unübersichtlich geworden. Komplexe Zusammenhänge zu durchschauen, ist schwierig und überfordert viele. Auch deshalb haben es die großen Vereinfacher mit ihren verführerischen Gesängen von den »Drahtziehern der Macht«, von »denen da oben und uns da unten«, »den Eliten«, »dem System« und den »Mainstream-Medien« so leicht. Sie präsentieren Sündenböcke, und das heißt für Minderheiten, zumal für Juden, nie etwas Gutes. Lügen müssen mit Wahrheit bekämpft werden, Vereinfachung mit der verständlichen Schilderung von Zusammenhängen. Und zwar so, dass auch junge Menschen es lesen, hören und sehen wollen. Das ist der zweite Schritt.

SCHOA-LEUGNUNG Viele jüdische Nutzer:innen des öffentlich-rechtlichen Systems warten ungeduldig auf den dritten Schritt: die Bereitschaft der Journalist:innen, sich selbst stärker zu hinterfragen und beim Thema Israel beim »BDS-Chor« auch nicht versehentlich leise mitzusummen. Ihr Misstrauen gründet nicht auf dem Verdacht von Gebührenverschwendung, sondern auf inhaltlicher Kritik, der sich bitte alle Medienschaffenden stellen sollten. Als Mahmud Abbas im Kanzleramt die Schoa leugnete und der Hausherr stumm blieb, hätte es laut werden müssen bei den anwesenden Kollegen, aber sie alle fanden ihre Sprache erst im Nachhinein wieder.

Der Skandal über die antisemitischen Bilder der staatlich geförderten Kunstschau documenta wurde bei ARD und ZDF breit berichtet und debattiert, denn anders als von Querdenkern und AfD behauptet, sind die Öffentlich-Rechtlichen eben nicht gleichgeschaltet und keine Staatsmedien. Guter Journalismus macht sich nicht zum Sprachrohr anderer Interessen. Das unterscheidet ihn von Aktivismus und Kampagnenjournalismus. Wie gefährlich dagegen Gleichschaltung der Medien ist, welche tödliche Macht Propaganda entfalten kann, davon wissen besonders Juden ein Lied zu singen.

Deshalb meine dringliche Bitte an alle Leser:innen dieses Textes: Nutzt eure Macht, um das System zu retten! Seid unbequem, mischt euch ein und debattiert mit den Verantwortlichen. Sie müssen euch, den Gebührenzahlern, Rede und Antwort stehen, denn es ist unser aller öffentlich-rechtliches System. Die Alternative nämlich wären Sender, die von Wirtschafts- und Parteiinteressen gesteuert und bei denen politisch unliebsamer Journalismus abgestraft wird. Eine beängstigende Vorstellung.

Die Autorin ist Journalistin und Filmemacherin. Sie hat 33 Jahre für die ARD gearbeitet und bis 2021 die Abteilung Politik und Gesellschaft beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt geleitet.

Los Angeles

Barbra Streisand: Lovesong als Zeichen gegen Antisemitismus

Für die Serie »The Tattooist of Auschwitz« singt sie das Lied »Love Will Survive«

 25.04.2024

Kommentar

AfD in Talkshows: So jedenfalls nicht!

Die jüngsten Auftritte von AfD-Spitzenpolitikern in bekannten Talk-Formaten zeigen: Deutsche Medien haben im Umgang mit der Rechtsaußen-Partei noch viel zu lernen. Tiefpunkt war das Interview mit Maximilian Krah bei »Jung & Naiv«

von Joshua Schultheis  24.04.2024

Meinung

Der Fall Samir

Antisemitische Verschwörungen, Holocaust-Relativierung, Täter-Opfer-Umkehr: Der Schweizer Regisseur möchte öffentlich über seine wirren Thesen diskutieren. Doch bei Menschenhass hört der Dialog auf

von Philipp Peyman Engel  22.04.2024

Essay

Was der Satz »Nächstes Jahr in Jerusalem« bedeutet

Eine Erklärung von Alfred Bodenheimer

von Alfred Bodenheimer  22.04.2024

Sehen!

Moses als Netflix-Hit

Das »ins­pirierende« Dokudrama ist so übertrieben, dass es unabsichtlich lustig wird

von Sophie Albers Ben Chamo  22.04.2024

Immanuel Kant

Aufklärer mit Ressentiments

Obwohl sein Antisemitismus bekannt war, hat in der jüdischen Religionsphilosophie der Moderne kein Autor mehr Wirkung entfaltet

von Christoph Schulte  21.04.2024

TV

Bärbel Schäfer moderiert neuen »Notruf«

Die Autorin hofft, dass die Sendung auch den »echten Helden ein wenig Respekt« verschaffen kann

von Jonas-Erik Schmidt  21.04.2024

KZ-Gedenkstätten-Besuche

Pflicht oder Freiwilligkeit?

Die Zeitung »Welt« hat gefragt, wie man Jugendliche an die Thematik heranführen sollte

 21.04.2024

Memoir

Überlebenskampf und Neuanfang

Von Berlin über Sibirien, Teheran und Tel Aviv nach England: Der Journalist Daniel Finkelstein erzählt die Geschichte seiner Familie

von Alexander Kluy  21.04.2024