Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger (1955–2025)

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  19.08.2026 09:26 Uhr

Der Essayist und Publizist Richard Herzinger, der im vergangenen Oktober völlig unerwartet starb, hatte ob seiner kristallinen Analysen zahlreiche Leser und Bewunderer, jedoch auch nicht zu knapp Feinde. Sein jahrzehntelanges Anschreiben gegen die Pest des Antisemitismus und dessen vielfältige Wurzeln hatte zum Beispiel regelmäßig Anonyme auf den Plan gerufen, die Wikipedia mit der Falschinformation fütterten, der 1955 in Frankfurt/Main geborene Autor sei jüdisch – damit insinuierend, hier äußere sich jemand (der darüber hinaus zu Jugendzeiten Trotzkist gewesen war) aus rein persönlichem Furor.

Nicht weniger stark die Ablehnung Her­zingers durch jene medialen Großkopferten, die jedes und alles denkbar hurtig in forschem Sound zu kommentieren wissen und deren angestrengter Berufsjugendlichkeit der kettenrauchende schmalschultrige Intellektuelle mit den mitunter durchaus rüden Manieren ein einziger Graus gewesen war: Der Mann, so das halblaut gezischelte Urteil, schreibe halt immer wieder den gleichen Text – basta.

Texte aus über drei Jahrzehnten, die nur in einem Sinn tatsächlich »immer gleich« sind

Nun hat Thierry Chervel, Mitbegründer und Geschäftsführer der Plattform »Perlentaucher«, auf der Richard Herzinger – nach produktiven Stationen unter anderem bei »Tagesspiegel«, »Zeit«, »Welt/WamS« und NZZ – ebenfalls zahlreiche Essays veröffentlicht hatte, eine Art Kompendium herausgegeben. Letztes Wort Freiheit versammelt Texte aus über drei Jahrzehnten, die nur in einem Sinn tatsächlich »immer gleich« sind: In ihrer von der Aufklärung geprägten Energie, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen und sich pseudo-realistischem Appeasement mit Diktaturen zu verweigern, Wortklaubereien und Ideologien zu demaskieren und deren mörderische Folgen sichtbar zu machen.

Nicht grundlos nennt ihn im Vorwort der amerikanische Historiker Jeffrey Herf einen »Herold des antitotalitären Liberalismus« – obgleich gegenwärtig nun auf Wikipedia die Hohn sprechende Behauptung zu lesen ist, Herzinger sei »tendenziell rechtsliberal« gewesen.

Dabei hatte der promovierte Literaturwissenschaftler bereits in den 90er-Jahren ein feines Sensorium dafür, wie das antiwestliche Ressentiment, das in der sogenannten kritisch-loyalen DDR-Literatur bei Heiner Müller, Christa Wolf und Volker Braun waberte, anschlussfähig war für die Homogenitäts-Obsessionen der Neuen Rechten. Oder wie sich im Schweigen maßgeblicher Intellektueller zu den serbischen Massenverbrechen in Bosnien nicht etwa ein modester Pazifismus zeigte, sondern ein »politisch-moralisch indifferenter Nationalegoismus«, der durchaus Prägungen durch die nazistischen Vorfahren mitschleppte – im Zweifelsfall für die Täter.

Transparentes und eminent lesbares Herleiten

Nicht zufällig wurde Richard Herzinger späterhin ein scharfzüngiger Ankläger jener verlogenen Äquidistanz, die angesichts von Israels Verteidigungskrieg gegen die Hamas und dem Kampf der Ukraine gegen die russischen Invasoren vorgab, »beide Seiten zu berücksichtigen«. Aus tagesaktuellem Anlass geschrieben, haben diese Texte nichts an Relevanz und intellektueller Stringenz verloren, da sie hinter dem Geplapper, den Fehleinschätzungen (und häufig auch nur den dreisten Lügen) stets das entsprechende »Mindset« aufzuspüren vermögen. Und dies nicht etwa im klügelnden Duktus einer »Hermeneutik des Verdachts«, sondern in transparentem und eminent lesbarem Herleiten.

Diese Texte haben nichts an Relevanz und intellektueller Stringenz verloren.

Weshalb, so fragte Richard Herzinger bereits im August 1995, dieses besonders in Deutschland so starke Bedürfnis, Hiroshima und Auschwitz gleichzusetzen? Und späterhin: Weshalb all die akademischen und von dort in die Gesellschaft hinein diffundierenden Diskurse, den unbestreitbaren und sehr wohl auch strukturellen Horror westlicher Kolonialverbrechen in eins zu rühren mit dem Holocaust und dessen Programm einer völligen Auslöschung? Auf welche Weise bereitete Putins Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens für eine großrussische Opfererzählung die nachfolgende Vollinvasion in der Ukraine vor? Und weshalb im Falle des Israel aufgezwungenen Gaza-Krieges dieses geradezu lustvolle Umdeuten mutmaßlicher Kriegsverbrechen in einen halluzinierten »Völkermord«?

Dabei argumentierte Herzinger nie auftrumpfend und noch nicht einmal als »Herold«. Da er doch von seinem intellektuellen Gewährsmann André Glucksmann – ebenso wie von Karl Popper, Manès Sperber, Wolf Biermann und Anne Applebaum – gelernt hatte, dass es weder in der Weltgeschichte noch in Debatten ein »letztes Gefecht« gibt und stattdessen der nicht-taktische Kampf um Klarheit immer wieder aufs Neue aufgenommen werden muss.

Gewitzter Nachruf

Dankenswerterweise ist dem Band, einem Antidot gegen Lüge und Vernebelung, auch ein gewitzter Nachruf beigefügt, den Richard Herzinger 2011 auf den jüdischen Einwanderersohn Peter Falk alias Inspektor Columbo geschrieben hatte. Fast nämlich liest es sich wie ein Selbstporträt, wenn dort die »beinahe verwahrloste, plebejische Erscheinung« des Kriminalisten, »einer der letzten glänzenden Vertreter des cartesianischen Rationalismus«, beschrieben wird und dessen Spürsinn, mit dem »er die raffiniert gesponnenen Lügengebilde und geschickt gelegten Fährten des Täters durchschaut«.

Dass die Verbrecher und ihre Handlanger indessen zumeist auch nur in Filmen zur Strecke gebracht werden und sich in den gegenwärtigen USA von Trump bis Thiel, von Vance bis Musk neo-darwinistischer Illiberalismus spreizt (und aufseiten der woken Linken wüster Hass auf Israel), analysierte Richard Herzinger geradezu atemberaubend präzis – und wählte bei alldem nie den bequemen Ausweg kulturpessimistischer Resignation. Möge sein Schreiben uns motivieren, vor Lüge und Aggression ebenfalls niemals klein beizugeben.

Richard Herzinger: »Letztes Wort Freiheit. Essays«. Herausgegeben von Thierry Chervel. Hentrich & Hentrich, Berlin 2026, 357 S., 27 €

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