»Hoffnung: Eine Tragödie«

Anne Franks Nummernrevue

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Ein merkwürdiger Titel, Hoffnung: Eine Tragödie. Irgendwie unjüdisch. Welcher jüdische Schriftsteller aus den USA schreibt denn heute Tragödien? Tragikomödien höchstens. Aber Shalom Auslander meint es ernst. Für ihn ist Hoffnung der größte Fehler, den ein Mensch begehen kann, wenn nicht sogar die größte Sünde. »Wer Glück im Leben hat, fühlt sich schuldig und hat Angst, dass es nicht doch noch schlecht wird«, heißt es gleich zu Beginn seines Romans. »Und wer Pech hat, für den wird sowieso alles immer schlechter.«

Das ist Auslanders Lebensphilosophie. Um aus dieser an sich nicht sonderlich innovativen Einsicht einen Roman zu machen, orientiert er sich an Voltaire. Sein Roman könnte auch den Titel »Kugel oder der Pessimismus« tragen. Hauptfigur Salomon Kugel, ein ängstlicher Familienvater mittleren Alters, hat das Pech, gleich zwei Pangloss-Versionen in seinem Leben zu haben.

mamme Der eine, der Evolutionsforscher Pinkus, glaubt fest daran, dass Geschichte trotz allem zur Gerechtigkeit neigt. Gerade hat er ein Buch geschrieben, in dem er statistisch beweist, dass die Welt immer weniger gewalttätig wird. Dass Steven Pinker, das Vorbild für Pinkus, tatsächlich vor Kurzem ein solches Buch (Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit) veröffentlicht hat, ist laut Auslander zu 90 Prozent ein Zufall. Für den anderen Pangloss schlägt das Herz von Auslander schon eher: Professor Jove ist der Prophet des Pessimismus. Er hat Homer Simpsons Motto »Man soll es gar nicht versuchen!« zur Philosophie erhoben.

Der wichtigste intellektuelle Einfluss im Leben von Kugel aber ist – natürlich – seine Mutter. Die lebt mit ihm in dem Haus, das er für sich und seine Familie gekauft hat, auf dem Land, »wo es sicher ist«. Mutter Kugel ist der drastischste Fall von survivor guilt, den die Literatur seit Langem hervorgebracht hat. Ihrem Sohn zeigt sie schon, als er vier Jahre alt ist, Bilder aus den Lagern und erklärt ihm, dass das seine Verwandten, auch sie selbst, seien.

Als Kugel mit seiner Schulklasse das Holocaust-Museum besucht und in Tränen ausbricht, weil er glaubt, seine Familie zu erkennen, fährt ihn sein Lehrer an: »Deine Mutter war nicht im Lager, höchstens mit mir im Sommercamp! Da war das Essen schlecht, aber es war bestimmt nicht Auschwitz!«

Trotzdem hatte Kugels Mamme kein einfaches Leben. Ihr Mann haute ab, sie musste zwei Kinder ohne Hilfe allein aufziehen. Weil sie darüber nicht nachdenken möchte, stellt sie sich lieber vor, eine Überlebende zu sein. Das hilft ihr, ihr Schicksal zu ertragen. Die Romanfigur basiert ein wenig auf Auslanders eigener Mutter, die in seiner Kindheit jede Unannehmlichkeit auf die »Nazi sons of bitches« schob.

Man kann leider kaum über Auslanders Roman schreiben, ohne eine überraschende Entwicklung nach ein paar Kapiteln zu verraten. Auf dem Dachboden des Landhauses lebt Anne Frank. Inzwischen ist sie eine alte Frau, etwas verbittert. Beleidigt hört sie mit an, wie Kugels Mutter mal wieder von der Schoa erzählt und empört sich: »Klaut die Alte mir etwa die Nummer?« Plötzlich hat Kugel zwei alte Frauen mit Lagertrauma – eins echt, eins ausgedacht – am Hals.

ambitioniert Bislang hatte Shalom Auslander vor allem mit bissigen Kurzgeschichten und autobiografischen Essays Erfolg. Er ist eine Art jüdischer David Sedaris: sehr witzig, mit Verstand, aber auch dem Ruf, nicht unbedingt »echte« Literatur zu schreiben. Dass er aus dieser Schublade heraus möchte, merkt man seinem Debüt oft an.

Das Buch ist etwas zu ambitioniert. Auslander will nicht weniger als einen Ethos der Hoffnungslosigkeit entwerfen, gleichzeitig die ganze Frage nach der Erinnerung an die Schoa beantworten und beides dann zur Beschreibung der conditio judaica verbinden. Hoffnung: Eine Tragödie ist ein sehr komischer Roman mit einigen Abgründen, aber an dieser Aufgabe scheitert er. Lesen sollte man das Buch trotzdem. In den besten Momenten schafft es Auslander, vermeintliche Klischee-Neurosen wieder mit Leben und Schmerz zu füllen. Vielleicht gelingt ihm das beim nächsten Buch durchgängig. Man soll die Hoffnung ja nie aufgeben.

Shalom Auslander: »Hoffnung: Eine Tragödie«. Übersetzt von Eike Schönfeld. Berlin Verlag, Berlin 2013, 336S., 19,99 €

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